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Kultur

Berlinale eröffnet mit Revolutionsdrama

Die Berliner Filmfestspiele starten den Wettbewerb um den Goldenen und die Silbernen Bären mit einem Film aus Frankreich. Die abendliche Galaeröffnung stand aber auch im Zeichen der Stars auf dem Roten Teppich.

Für die Berlinale war der Auftaktfilm gut gewählt. Man pflegt ja in Berlin den Nimbus des politischen Filmfestivals. Auf der anderen Seite will man dem Publikum und den Filmfans in der deutschen Hauptstadt natürlich auch Glanz und Glamour bieten. Insofern war "Les adieux à la Reine"("Leb' wohl, meine Königin") des französischen Regisseurs Benoît Jacquot auf den ersten Blick durchaus passend. Der Film behandelt ein großes Ereignis der europäischen Geschichte, die französische Revolution, verstrahlt aber auch genügend Starappeal. Königin Marie Antoinette wird von der gebürtigen Deutschen Diane Kruger gespielt, die längst im internationalen Filmgeschäft und auch in Hollywood Fuß gefasst hat. Sie war die Attraktion auf dem Roten Teppich des Berlinale Palastes.

Eisige Temperaturen auf dem Roten Teppich

Wie fast alle ihre Kolleginnen trotzte sie den eisigen Berliner Temperaturen und schritt mit hauchdünnem Kleid über den Roten Teppich. Für die Damen der Filmwelt muss es einige Überwindung gekostet haben, bei Minus 6 Grad die Fragen der Journalisten zu beantworten. Doch was tut man nicht alles für das Blitzlichtgewitter und die Vermarktung des eigenen Films. Traditionell kommt zur Eröffnung der Berlinale die deutsche Filmprominenz, Nina Hoss und Mario Adorf, Jürgen Vogel und Barbara Sukowa und viele andere mehr zeigten sich den Fotografen. Gut gelaunt wie immer begrüßte Festivalchef Dieter Kosslick die Stars und Sternchen der heimischen Kinoszene. Und da die Berlinale auch ein Weltfestival ist, konnten Kosslick und seine Mitstreiter auch große internationale Stars begrüßen. Dracula-Star Christopher Lee war gekommen, Jury-Präsident Mike Leigh ist eine Größe des europäischen Kinos, Charlotte Gainsbourg vertrat die weibliche Seite der Jury. Hollywood-Prominenz wie Angelina Jolie und Meryl Streep werden erst in den kommenden Tagen erwartet.

Actress Diane Kruger arrives on the red carpet for the opening ceremony and the screening of the film Farewell My Queen (Les adieux a la Reine) during the 62 edition of International Film Festival Berlinale, in Berlin Thursday, Feb. 9, 2012. (AP Photo/Michael Sohn)

Berlinale 2012 roter Teppich

In gewohnt charmanter Art und Weise plauderten sich Dieter Kosslick und Comedy-Star und Moderatorin Anke Engelke durch die abendliche Gala, begrüßten die Gäste und lauschten den musikalischen Show-Acts. Show und Politik, Glamour und gesellschaftliches Engagement, all das versucht die Berlinale Jahr für Jahr zusammenzubringen - 2012 mit einer besonders umweltfreundlichen Note. Die Ehrengäste werden mit Hybrid-Autos vor die Kinos gefahren, das Licht am Roten Teppich stammt aus Energiesparlampen. Und bei den vielen Festen während der kommenden Tage gebe es nur sehr wenig Fleisch, kündigte Kosslick am Abend an. Dem seit zwölf Jahren amtierenden Festivalchef, ein bekennender Hobbykoch, der vor ein paar Jahren die Reihe "Kulinarisches Kino" im Programm verankert hat, sind diese Neuerungen eine Herzensangelegenheit.

Seismograf gesellschaftlicher Umbrüche

Im Mittelpunkt standen also die französischen Gäste des Eröffnungsfilms, Regisseur Benoît Jacquot, seine Schauspielerinnen Léa Seydouxum, Virginie Ledoyen und natürlich Diane Kruger. Kulturstaatsminister Bernd Neumann verwies in seiner Rede ebenso wie Kosslick das schon im Vorfeld des Festivals mehrfach getan hatte, auf die Parallelen der Geschichte des Eröffnungsfilms mit den gesellschaftlichen Umbrüchen in der arabischen Welt. Kunst und Film seien ja auch immer Seismografen gesellschaftlicher Umbrüche, sagte Neumann und verwies vor allem auf die Situation von Kulturschaffenden in China und Iran. Die Berlinale zeige in Sachen Menschenrechte und Freiheit der Künste Flagge. Wenn gerade das deutsch-chinesische Kulturjahr eröffnet worden sei, sei das eine gute Sache, so Neumann. Doch in China würden immer wieder Künstler unterdrückt und ins Gefängnis gesteckt. Darauf müsste zumindest hingewiesen werden bei einem Festival wie der Berlinale. Klare Worte waren das.

Berlin/ ARCHIV: Arbeiter rollen am Potsdamer Platz in Berlin vor dem Berlinale-Palast den Roten Teppich aus (Foto vom 08.02.12). Die Internationalen Filmfestspiele Berlin finden von Donnerstag (09.02.12) bis zum Sonntag (19.02.12) statt. Foto: Michael Gottschalk/dapd

Deutschland Berlin Film Berlinale Filmfestival 2012 roter Teppisch

Der Eröffnungsfilm zeigte diese Klarheit und Schärfe an kaum einer Stelle. "Les adieux à la Reine" ist eher intimes Kammerspiel denn politisches Kino, bietet mehr einen privaten Blick hinter die Kulissen am Hof von Versailles als breites, historisches Geschichtspanorama. Aus der Perspektive einer am Hof angestellten Vorleserein der Königin Marie Antoinette erzählt der Film die Tage um den 14. Juli 1789. Königin und König, der engste Hofadel, ein paar Bedienstete - drei Ebenen einer Geschichte werden hier von Regisseur Benoît Jacquot zusammengezurrt zu einem verhaltenen Historienfilm. Die Kamera bleibt immer ganz nah dran an den Akteuren. Dialoge, Blicke, Gesten beherrschen die Szenerie. Das Rascheln und Rauschen der Kleider und Kostüme der Hofdamen prägt sich beim Zuschauer eher ein als die Reden und Worte um den großen politischen Umbruch. Das war wohl auch nicht Absicht und Ziel des Regisseurs. Wie sieht eine Revolution aus der Perspektive einer Randfigur am Hof aus? Das hat sich Jacquot wohl gefragt und daraus einen interessanten, zurückhaltenden Film gemacht. Doch große Emotionen wurden da nicht geweckt beim Zuschauer. Und tiefe Einsichten in das Spiel um Macht und politische Intrige auch nicht geboten.

Das politische Kino kommt noch...

Insofern sind all die Parallelen, die Kosslick und Neumann zogen und die an den Sturz Mubaraks vor einem Jahr erinnern, zwar ehrenwert, lenken aber von der Tatsache ab, dass das Festival nicht von einem großen, politischen, kritischen Film eröffnet wurde. Politisches Kino sieht anders aus. Umbrüche und Ausbrüche in der Gesellschaft, das war als Motto der 62. Berlinale angekündigt worden. Es werden sicherlich viele Filme in den kommenden Tagen gezeigt werden, die dieses Motto besser ausfüllen als "Les adieux à la Reine". Gerade in den Reihen abseits des Wettbewerbs um den Goldenen Bären, in Forum und Panorama, sind politisch und gesellschaftlich engagierte Filme angekündigt. Schicksale von Kindersoldaten in Afrika, die Folgen der jüngsten Atomkatastrophe in Fukishima, Filme aus der arabischen Welt und über den Bosnienkrieg - auch 2012 wird Politik bei der Berlinale eine starke und wichtige Rolle spielen. Der Auftakt geriet ein wenig zu verhalten. In allzu düstere Stimmung wollte man sich wohl beim Flanieren auf dem Roten Teppich und bei der abendlichen Gala nicht versetzen lassen.

Autor: Jochen Kürten
Redaktion: Dirk Eckert

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