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Deutschland

Berlin wird Zentrum jüdischer Forschung

Ein wissenschaftlicher Aufbruch: Universitäten und andere Institutionen gründen ein "Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg". Es steht auch für wachsende Vielfalt in der jüdischen Gemeinschaft in Deutschland.

Susannah Heschel spricht von einem "besonderen Moment" in der Geschichte der jüdischen Wissenschaft, ja in der Geschichte Deutschlands. Seit bald 200 Jahren gebe es Bemühungen, in Deutschland einen Fachbereich für Jüdische Studien zu errichten. Nun endlich sei dies gelungen. Die an einem College im US-Bundesstaat New Hampshire lehrende Religionswissenschaftlerin, Trägerin von vier Ehrendoktoraten, erinnert an ihren Vater Abraham Joshua Heschel (1907-1972), einen der wichtigen Religionsphilosophen des 20. Jahrhunderts. Der liberale Rabbiner schrieb von 1926-32 in Berlin seine Doktorarbeit. "Und zu Beginn hoffte er, der erste Professor für Jüdische Studien an einer deutschen Universität zu werden", erzählt die Tochter. Doch bald kamen die Nazis an die Macht. Auch ihr Vater wurde verfolgt. Mit Glück gelang ihm 1940 die Flucht ins Ausland.

Nun sieht Susannah Heschel eine solche Professur endlich näher rücken. Denn ein neues "Zentrum Jüdische Studien Berlin-Brandenburg" (ZJS) gibt der wissenschaftlichen Arbeit in diesem Bereich einen ganz neuen Stellenwert: Träger sind die Humboldt-Universität zu Berlin, die Freie Universität Berlin, die Technische Universität und die Universität Potsdam. Hinzu kommen zwei sogenannte An-Institute der Potsdamer Uni, das 1999 errichtete Abraham-Geiger-Kolleg, das liberale Rabbiner und Kantoren ausbildet, sowie das Moses-Mendelssohn-Zentrum.

Die länderübergreifende Lehr- und Forschungsstätte soll zum Wintersemester ihre Arbeit aufnehmen. Zunächst geht es um zwei neue Lehrstühle sowie mehrere Junior-Professuren und eine Reihe von Doktorandenstellen. Die Hochschulen wollen eine gemeinsame Graduiertenschule errichten.

Bundesregierung lässt es sich was kosten

Annette Schavan und Henschel im Gespräch. Foto: Stephanie Pilick dpa/lbn +++(c) dpa - Bildfunk+++

Bildungsministerin Annette Schavan und Festrednerin Susanna Henschel

Massive finanzielle Förderung erhält das Zentrum von der Bundesregierung. Bundesforschungsministerin Annette Schavan (CDU) stellt für die kommenden fünf Jahre 6,9 Millionen Euro zur Verfügung. Die Ministerin spricht von einem "großartigen Projekt" und verweist auf die zentrale Rolle des europäischen Judentums für die europäische Geschichte. Immer wieder seit Amtsantritt im Jahr 2005 war Schavan in Israel, sie setzt bewusst auch auf eine Intensivierung des geisteswissenschaftlichen Austauschs zwischen beiden Ländern. Nun ergänzt sie dies mit der Stärkung der Jüdischen Studien in der deutschen Hauptstadtregion. Und wie auch andere Redner stellt sie die Forschung und Lehre in eine Reihe mit Einrichtungen in Israel und den USA.

Als offiziellen Anlass für die Neugründung des ZJS nennen mehrere Redner bei der Eröffnungsfeier die in Deutschland breit diskutierten Empfehlungen des deutschen Wissenschaftsrates vom Januar 2010 zur "Weiterentwicklung von Theologien und religionsbezogenen Wissenschaften an deutschen Hochschulen“. Aber die Brandenburgische Wissenschaftsministerin Sabine Kunst berichtete, dass die Vernetzung der Einrichtungen im Raum Berlin auch schon vor 2010 angedacht worden sei.

Verhältnis zum Zentralrat der Juden ist kompliziert

Ein Redner wurde bei der Auftaktfeier am Berliner Gendarmenmarkt durchaus mit Spannung erwartet. Der Prorektor der Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, Johannes Heil. Denn das Verhältnis und die Zuordnung des ZJS und der 1979 gegründeten Heidelberger Hochschule bieten gewiss Raum für Konkurrenz. Spekulationen, die Schavan zurückwies. Beide Standorte würden künftig "vom anderen profitieren" und sollten miteinander einen engen Austausch pflegen. Johannes Heil gratuliert "sehr gerne und von Herzen".

Aber er spricht auch an, dass die Neugründung Fragen aufwerfe. So sei noch nicht in allen Einzelheiten erkennbar, wie sich das neue Zentrum "die bestehenden Institutionen an anderen Standorten bezieht". Und er mahnt, die Einrichtung müsse "konsequent offen und anschlussfähig im wissenschaftlichen Raum" sein. Konkret nennt er eine Ausschreibung für eine Gastprofessur, die bewusst einen Lehrer der orthodoxen Tradition ausschließe.

Blick auf die Hochschule für Jüdische Studien in Heidelberg. Foto: Uwe Anspach dpa/lsw +++(c) dpa - Report+++

Partner oder Konkurrenz? Die Jüdische Hochschule in Heidelberg

Bei der Feier am Berliner Gendarmenmarkt begrüßten diverse Redner "Ministerinnen, Spektabilitäten und Eminenzen, Rabbiner und Rabbinerinnen". Einen offiziellen Vertreter des Zentralrats der Juden erwähnten sie nicht, den sah man auch nicht im Saale. Dafür versandte der Zentralrat – Zufall oder nicht - wenige Stunden vor dem Abendtermin der Wissenschaftseinrichtungen eine eigene Einladung für den kommenden Montag. Dann unterzeichnen in Erfurt die Fachhochschule Erfurt und das 2009 nach mehr als 70 Jahren wiedererrichtete Rabbinerseminar zu Berlin eine Kooperationserklärung zum Studium "Jüdische Sozialarbeit" für angehende Rabbiner der orthodoxen Tradition.

Deutsches Judentum immer vielfältiger

So stehen beide Termine für die wachsende Vielfalt in der jüdischen Gemeinschaft Deutschlands. Viele Jahre gab es lediglich die 1979 in Heidelberg gegründete Jüdische Hochschule. Ihr Träger ist der Zentralrat der Juden. Zudem gibt es an einigen Universitäten in Deutschland einzelne Judaistik-Lehrstühle. Doch in den vergangenen zehn Jahren zeigt sich stärker eine Aufsplitterung in den Gemeinden und auch in der akademischen Vermittlung.

Heute gibt es in Deutschland wieder konservative, liberale und orthodoxe Rabbiner und Rabbinatsstudenten. Die Ausbildung der liberalen und orthodoxen Studierenden in Berlin hat nun einen konkreteren Rahmen – durch die Kooperation bei den Jüdischen Studien hier, durch die Zusammenarbeit mit Erfurt da. Abzuwarten bleibt, ob und wie sich in der deutschen Hauptstadt nun auch die Kräfte der konservativen Richtung in der wissenschaftlichen Ausbildung positionieren.

Seinen Sitz hat das neue Zentrum in der Sophienstraße 22, wenige hundert Meter vom quirligen Hackeschen Markt in der Mitte Berlins entfernt. Noch zeigt dort nicht einmal ein Türschild an der Straßenfront die Einrichtung ein. Aber die Arbeit kommt in Gang. Vor einer Woche wurden die ersten Stellen für wissenschaftlichen Nachwuchs ausgeschrieben. Bald werden die ersten Wissenschaftler sich an den neuen Schreibtischen einrichten.

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