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Fokus Osteuropa

Berlin: Werbung für europäisch-russische Gaspartnerschaft

Viele Europäer fürchten die Abhängigkeit von russischem Gas. Bei einem Besuch in Berlin bemühte sich Duma-Vizepräsident Walerij Jasew, diese Sorgen zu zerstreuen. Er fand aber auch kritische Worte.

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PR-Kampage für North-Stream

Die Gas-Exportmacht Russland profitiert wie kein anderes Land der Welt von der steigenden Energienachfrage. Die EU ist von russischem Gas stark abhängig: Deutschland zu 42 Prozent, Bulgarien und die Türkei zu 70 Prozent. Finnland, die Slowakei, Serbien und Griechenland decken sogar 100 Prozent ihres Gasbedarfes aus russischen Quellen. Diese Abhängigkeit bereitet vielen Europäern Sorge: Wie sicher und stabil ist Russland als Gaslieferant? Und welche Strategien verfolgen Gasprom und andere russische Energiekonzerne, die nach Meinung vieler Experten undurchsichtig agieren und oft mit ihren unberechenbaren Entscheidungen ihre Partner in der EU überrumpeln? Der Präsident des Industrie-Verbandes "Russische Gasgesellschaft", Walerij Jasew, nahm dazu während seiner Dienstreise in Berlin vor der deutschen Presse Stellung.

Verflechtung von Gas und Macht

Walerij Jasew ist nicht nur Präsident des russischen Gas-Industrieverbandes, der unter seinem Dach alle führenden russischen Gasproduzenten vereint, inklusive dem staatlich kontrollierten Energieriesen Gasprom. Er ist auch Vizepräsident des russischen Parlaments und zugleich aktives Mitglied der Putin-Partei "Einiges Russland". Gas und politische Macht sind in Russland eng mit einander verflochten. Jasews Berliner Mission ist es, die deutschen Partner zu beruhigen und ihnen die Angst zu nehmen, Russland könnte künftig kein zuverlässiger Gaslieferant sein. "Russland verfügt über die weltweit größten Gasreserven, 27 Prozent des Weltvorkommens. Es werden derzeit 650 Milliarden Kubikmeter gefördert, und wenn wir dieses Fördertempo beibehalten, reichen russische Gasreserven für weitere 80 Jahre aus", sagte Jasew.

Europäisch-russische Abhängigkeiten

Um den immer größer werdenden Hunger Europas nach dem begehrtem Treibstoff zu stillen, setze Russland auf die Ausbeutung von neuen Lagerstätten so Jasew,. Ab 2010 sollen die schwer zugänglichen Gebiete wie Jamal, die Barentsee und die Arktis erschlossen und an das europäische Gasnetz angeschlossen werden. Unermüdlich forschen russische Geologen weiter und weiter nach immer neuen und tieferen Gasquellen, denn Europa als ein reicher und zuverlässiger Partner werde von Russen hoch geschätzt: Es ist zahlungskräftig und kauft das russische Gas für einen besonders hohen Preis. Die Volksrepublik China, mit der Russland umfangreiche Liefervereinbarungen hat, will zum Beispiel nur viel weniger dafür zahlen. Allein aus diesem Grund, sagt der Präsident des russischen Gas-Verbandes, solle sich die EU keine Sorgen machen: Russland sei von Europa genauso abhängig wie umgekehrt.

Werbung für Ostsee-Pipeline

Ohne dieses lukrative Geschäft würde die ganze russische Wirtschaft zusammenbrechen. Deswegen versteht Walerij Jasew nicht, warum die EU und die Bundesregierung sich weigern, klar und deutlich das neue Ostsee-Pipeline-Projekt zu unterstützen: "Ich habe kein Verständnis für das Verhalten der Europäischen Union und besonders Deutschlands, das ein Vorteilsrecht auf die Gasverteilung in der EU bekommen wird und nichts dafür tut, um die Bedenken von Ostsee-Anrainern gegen das North-Stream-Pipelineprojekt auszuräumen. Ich würde mir wünschen, dass die EU und die Bundesrepublik aktiver auf die Länder einwirken, die dem Bau der Ostsee-Gasleitung entgegenwirken. Deren Vorwürfe sind zum größten Teil an den Haaren herbeigezogen. Es entsteht der Eindruck, dass die Europäische Union die eigene Energiesicherheit nicht sonderlich ernst nimmt."

Gefahren für Energieversorgung

Gemeint sind vor allem Widerstände seitens der baltischen und skandinavischen Länder. Die Berufung auf Umweltrisiken wie auch auf eine mögliche Gefährdung des Schiffverkehrs durch die neue Pipeline ist nach Meinung Walerij Jasews unfair. Sein Vorschlag: Die EU könnte ein Komitee zur unabhängigen Untersuchung aller Vorwürfe gründen und sie selbst überprüfen. Denn die Verzögerung des Baubeginns schade der europäischen Energieversorgungssicherheit. Und - logischerweise - auch dem Umfang des russischen Geldbeutels. "Es ist offensichtlich, dass die europäischen Energieverbraucher und deren Regierungen auf die Diversifizierung der russischen Gasleitungen und den Bau der Ostsee-Pipeline angewiesen sind. Der EU-Energiebedarf wird sich bis 2030 verdoppeln. Gasleitungenkapazitäten dafür gibt es in Russland derzeit nicht. Deshalb halte ich die Verzögerung des Baubeginns für die Ostsee-Pipeline für verbrecherisch", so Jasew.

Jasew weist "Mythen" zurück

Ob Jasew von der Tätigkeit des Ex-Bundeskanzlers Gerhard Schröder bei der Überwindung dieser Hindernisse enttäuscht ist? Immerhin verdient der Aufsichtsratschef des Pipeline-Konsortiums nach Schätzungen bis zu 240.000 Euro jährlich. "Ich habe gestern darüber mit Gasprom verhandelt. Sie schätzen die Tätigkeit Gerhards auf diesem Posten sehr hoch ein. Aber seine Möglichkeiten in dieser Position sind begrenzt." Walerij Jasew bestreitet auch den Vorwurf, Russland kümmere sich nicht ausreichend um die maroden Gasleitungen und verwalte Gas-Export-Gewinne untransparent: "Mich verwundern sehr die Meinungen von Laienexperten, die Gasprom dieser oder jener Sünde beschuldigen. Es sind doch alles Megaprojekte! Gasprom gibt jährlich etwa vier Milliarden Dollar für die Reparaturen von maroden Gasleistungen aus. Deshalb möchte ich Sie bitten, die Mythen darüber, dass das ganze Gassystem Russlands bald explodiert, für Märchengeschichten zu halten. Halten Sie uns wirklich für so dumm, dass wir bereit wären, auf einer Bombe dieser Art zu leben?"

Oxana Evdokimova, DW-Russisch

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