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Geschichte

Berlin - Stadt der internationalen Kultur

Magisch zieht Berlin kreative Köpfe aus der ganzen Welt an. In manchen Stadtteilen sind schon ganze Quartiere geprägt von einer jungen, internationalen Kunst- und Kulturszene. Und ein Ende des Booms ist nicht in Sicht.

Sprüher am Werk (Foto: Literaturwerkstatt Berlin)

Eigentlich hat Pernille Koldbech Fich keine Zeit für ein Interview. Die dänische Fotografin steckt mitten im Umzug. Gerade ist ihre Residenz im Künstlerhaus Bethanien zu Ende gegangen, eine Institution, die schon seit vielen Jahren internationale Stipendiaten hierher holt. Nun zieht sie in ein anderes Atelier, denn Pernille will in Berlin bleiben - die Stadt hat ihre Arbeit beflügelt. Darum müssen ihre großformatigen Fotoarbeiten verfrachtet werden: Porträts auf dunklen, aber geheimnisvoll ausgeleuchteten Hintergründen.

Pernille Koldbech Fich mit einigen ihrer Bilder (Copyright: Simon Le Ruez)

Porträtiert Menschen in Berlin: Pernille Koldbech Fich

Die Menschen, die sie fotografiert, findet Pernille hier leichter als in Kopenhagen, erzählt sie - einer der Hauptgründe dafür, warum sie bleiben will: "Es gibt so viele verschiedene Typen von Menschen hier! Ich glaube, das hängt mit der Geschichte zusammen, hier sind so viele Leute aus Osteuropa. Du siehst ja, dass nicht alle aus derselben Gegend stammen. Bei mir zu Hause sehen alle gleich aus". Sie glaubt sogar, erkennen zu können kann, ob jemand aus dem Westen oder dem Osten Berlins kommt - noch heute, zwanzig Jahre nach der Wiedervereinigung. Ganz sicher ist sie da zwar nicht. Aber vielleicht ist es mehr als ein Zufall, dass sie für ihre introvertierten Arbeiten jedesmal Menschen aussuchte, von denen sich herausstellte, dass sie aus dem Osten stammten.

Heimliche Hauptstadt Dänemarks?

Pernille zählt zu den auffallend vielen Dänen, die nach Berlin gegangen sind: Ein Drittel aller Kulturschaffenden aus ihrer Heimat leben und arbeiten inzwischen hier, schätzen dänische Zeitungen. Schon macht das Wort von Berlin als heimlicher Hauptstadt Dänemarks die Runde. Auch der berühmteste von ihnen, Olafur Eliasson, lebt hier. Aber auch etliche andere Weltklasse-Künstler haben sich in der Stadt niedergelassen. Die Aufbruchsstimmung, sie sich seit dem Mauerfall auch in der Kunstszene ausgebreitet hat, sorgte für einen Berlin-Hype, der bis heute anhält: In Berlin-Mitte - einem früheren Ost-Bezirk - ist eine international beachtete Galerienszene aufgeblüht, ebenso im westlichen Stadtteil Kreuzberg. Längst hat das wiedervereinigte Berlin der früheren deutschen Kunststadt Nummer eins, Köln, den Rang abgelaufen. Und bei der letzten documenta, der internationalen Kunstschau schlechthin, stammte gar die Hälfte aller Arbeiten aus Berlin.

Besucher der Pfaueninsel in Berlin betrachten einen begehbaren Pavillon aus Glas und Stahl des dänisch-isländischen Künstlers Olafur Eliasson. (Foto: dpa)

Kunst für Berlin: Pavillon von Olafur Eliasson

Das alles mehrt den Ruf der Stadt als Kunstmetropole. Doch den Alltag prägen zahllose weniger berühmte Künstler. Vor allem junge Kreative aus dem Ausland kommen in Scharen und verändern inzwischen das Gesicht ganzer Quartiere. Prägnantes Beispiel: Neukölln. Der Stadtteil galt bislang als Problembezirk Nummer eins, mit hoher Arbeitslosigkeit, vielen Migranten, gewalttätigen Jugendgangs. Neukölln war ein Quartier der Unterprivilegierten. Oder der Unerschrockenen, die sich dem rauen Charme des Stadtteils stellten. Noch vor einigen Jahren tobten Kampfhunde durch den Kiez, schlurften Männer im Trainingsanzug in verranzte Eckkneipen. Manche davon werden nun allmählich zum Künstlertreff: Friedlich trinken neu zugezogene Maler und Poeten neben den Ureinwohnern ihr Bierchen, die Fußball-WM haben sowieso alle gemeinsam geguckt. Im Wochentakt eröffnen neue Cafés und Bars, dazu Galerien, Ateliers und kreative Kleinstunternehmen. In Neukölln hat sich eine Kulturszene entwickelt, die zu den lebendigsten in der Stadt gehört.

Gute Dynamik

"Ich fühle mich so frei hier, es gibt viele Möglichkeiten, etwas zu machen", sagt Guillaume Airiaud aus Frankreich. "Die Stimmung ist gut, und ich treffe Leute aus der ganzen Welt. Berlin hat einfach eine gute Dynamik. Ich finde es cool!" In einer Neuköllner Ausstellung zeigt Guillaume gerade seine Holz-Skulpturen. Verkauft hat er zwar noch nicht viel, aber er ist optimistisch. Er ist gerade mal 26 und steht nicht unter Druck. Nach Berlin kam er vor drei Jahren mit dem europäischen Hochschul-Programm "Erasmus“. Die Stadt gefiel ihm so gut, dass er blieb. Zusammen mit Berufskollegen hat er sich in einem Neuköllner Atelierhaus einquartiert. Die Künstler vom Studio 54 bilden ein kleines Netzwerk. Gemeinsam veranstalten sie Ausstellungen und knüpfen als französisch-deutsch-italienisch-englisch-irakisches Team mehr Kontakte als es jeder Einzelne schaffen könnte.

Guillaume Airiaud mit einem seiner Kunstwerke (Foto: Aya Bach)

Findet Berlin cool: Guillaume Airiaud

Christopher Sage gehört auch dazu. Im hinteren Teil des Atelierhauses, dort, wo er genau das Licht gefunden hat, das er zum Arbeiten suchte, malt er irritierende, mehrdimensional erscheinende Intérieurs. Christopher ist in London aufgewachsen, in einer kosmopolitischen Umgebung. Seine Eltern hatten immer ausländische Studenten zu Gast, er hat schon immer über den britischen Tellerrand hinausgeschaut. Diese Atmosphäre schätzt er auch an Berlin. Vor sieben Jahren ist er hierhergekomnmen - ohne jede Institution übrigens: Er hat sich selbst hier eingefädelt. Seitdem beobachtet er, wie sich Neukölln verändert: "Vor allem seit drei, vier Jahren kommen wahnsinnig viele Künstler aus dem Ausland. Auf der Straße hörst du mittlerweile Spanisch oder Englisch genauso wie Deutsch oder Türkisch."

Geschichte als "Wow-Faktor"

Doch Christopher Sage schätzt nicht nur das internationale Flair. "Ich glaube, der 'Wow'-Faktor von Berlin ist immer noch die Geschichte!" Wie sich die Berliner mit ihr auseinandersetzen, beeindruckt ihn so sehr wie die leidenschaftlichen Architektur-Debatten, etwa um das historische Stadtschloss und den Palast der Republik aus der DDR-Zeit: "Mich fasziniert, wie die Menschen hier darüber diskutieren, was gebaut oder abgerissen wird! Als Künstler ist mir Architektur natürlich wichtig: Wie sehen die Straßenzüge aus, welche Form hat der Himmel, unter dem du stehst? Wenn ich nur daran denke, unter diesem Licht hier zu malen - das ist phantastisch!"

Der britische Künstler Christopher Sage und zwei seiner Kunstwerke (Foto: Aya Bach)

Aus London: Christopher Sage

Unter dem Berliner Himmel ist noch viel Platz für Künstler. Und wenn sich die Szene in Neukölln so etabliert hat, dass sie den Charme des Improvisierten und Frischen verloren hat, dann wird sich woanders etwas Neues entwickeln. Die Stadt ist groß genug, die Energien schwappen immer wieder von einem Stadtteil in den nächsten. Stillstand ist fast undenkbar – glaubt auch Pernille Koldbech Fich aus Dänemark, die nun für längere Zeit ihre Kamera hier aufstellt: "Berlin verwandelt sich permanent. Dieses hohe Tempo kenne ich sonst nur von New York. Aber Berlin fühlt sich trotzdem kuschelig an, es ist zugleich ruhig und entspannt. Da gibt’s wenig Stress und trotzdem eine große Dynamik. Diese Mischung ist etwas ganz Besonderes."

Autorin: Aya Bach

Redaktion: Cornelia Rabitz