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Deutschlandtour

Berlin – Spurensuche im verwunschenen Park

Der Berliner Spreepark war der einzige Vergnügungspark der DDR. Seit Jahren steht er still. Fahrgeschäfte sind verrostet, Imbissbuden zerfallen. Trotzdem kommen die Besucher. Eine Tour durch das verwaiste Gelände.

Das Riesenrad im ehemaligen Spreepark in Berlin

Spreepark Berlin

Am S-Bahnhof Plänterwald beginnt die Verwirrung. Dort steht Attasit Pornnimit, ein Student aus Thailand, und sieht sich hilfesuchend um. Ganz in der Nähe muss der Spreepark sein; den Tipp hat ihm eine Freundin gegeben. Doch hier ist weit und breit kein Wegweiser. Niemand macht Werbung für einen verfallenen Vergnügungspark.

Attasit Pornnimit hat von den Führungen gehört, die es jedes Wochenende gibt. Auf der Suche nach dem Spreepark läuft er zehn Minuten den Waldweg hinein, bis endlich in der Ferne die alten Kassenhäuschen auftauchen. Die Scheiben sind zerschlagenen, die Buden vom Unkraut überwuchert. Hier wurde seit Langem kein Eintritt mehr kassiert.

Die Geschichte des Parks beginnt 1969

Tourguide Christopher Flade führt durch den Spreepark

Tourguide Christopher Flade

Ein paar Meter weiter, an einem Klapptisch, haben etwa 50 Besucher dennoch ihr Portemonnaie gezückt. An dem sonnigen Herbsttag wollen sie der Führung durch den ehemaligen Spreepark folgen. Die Touren sind sowohl bei Einheimischen als auch Urlaubern sehr beliebt. Pornnimit schließt sich ihnen an.

Durch das Gelände führt Christopher Flade, ein 24-jähriger Berliner, der in seiner Kindheit selbst noch Karussell und Achterbahn im Spreepark gefahren ist. "Es hat mich traurig gemacht, dass der Park so verfällt und in Vergessenheit gerät", sagt Flade. Schließlich kam er auf die Idee, Führungen anzubieten.

Die zweistündige Tour ist ein Ritt durch die Geschichte: 1969 öffnet der Park, damals unter dem Namen "Kulturpark". Schnell ist der "Kulti" - wie die Berliner ihn nennen - mit seinen Buden und Fahrgeschäften auch über die Stadt hinaus bekannt. Kein Wunder: Es ist der einzige Vergnügungspark in der DDR. In den 70er und 80er Jahren kommen teilweise mehr als eine Million Besucher pro Jahr.

Ein Park nach "westlichem Vorbild" entsteht

Fahrgeschäft im Spreepark in Berlin

Stehen still: Fahrgeschäfte im Spreepark

Mit dem Untergang der DDR aber endet auch die glamouröse Zeit des "Kulti". Ein neuer Betreiber muss her, der Senat veranlasst eine Ausschreibung. "Gesucht wurde ein Investor für einen, Achtung: Freizeitpark nach westlichem Vorbild!", erzählt Christopher Flade und gestikuliert dabei wild. "Das ist wirklich mein Lieblingszitat in der Geschichte des Spreeparks."

Die neuen Betreiber investieren ordentlich, legen neue Grünflächen an und bauen neue Fahrgeschäfte auf. 1992 öffnet der Spreepark wieder, lockt mit Stuntshows, Kanalfahrten, Achterbahnen. Die Besucher aber bleiben weg. Es gibt Streitereien zwischen dem Senat und den neuen Betreibern, 2001 muss der Park wegen Insolvenz schließen.

Christopher Flade erzählt anekdotenreich von diesen Schwierigkeiten. Die Details des Niedergangs aber interessieren nur die Besucher, die den Park von früher kennen. So wie das Ehepaar Haberland, das die Führung von einem Enkel geschenkt bekommen hat. "Mit unseren Kindern waren wir schon hier", sagt Gisela Haberland, "dann mit unseren Enkelkindern, und nun wäre es so schön, wenn wir auch mit unseren Urenkeln in den Spreepark gehen könnten. Aber hier verkommt ja alles."

Die Kameras klicken im Sekundentakt

Teilnehmer einer Führung im Spreepark fotografieren

Mit dem Fotoapparat auf der Pirsch

Das Verkommene, der Zerfall - das ist genau das, was viele der anderen Besucher anlockt. Einige können den historischen Ausführungen von Christopher Flade sowieso nicht folgen, der Tourguide spricht deutsch - die Teilnehmer aber sind international. Mit Kameras und mehreren Objektiven bewaffnet sind sie in den Park gekommen, auf der Suche nach außergewöhnlichen Fotomotiven. Im Sekundentakt klicken die Auslöser, als die Gruppe zur stillgelegten Wildwasserbahn kommt. Die Boote sind verrottet, die Wasserkanäle grünlich-braun verfärbt. Spinnen haben riesige Netze gewoben. Die meisten Fahrgeschäfte sind längst verschwunden, verkauft oder geklaut. Dort, wo früher Menschen in der Schlange standen, wachsen Gräser, Büsche, Bäume. Hier drängt niemand mehr die Natur zurück. "Das ist so ein besonderer Ort, das gibt es sonst nirgendwo", findet der Thailänder Attasit Pornnimit. Auch er hat den Fotoapparat stets griffbereit.

Nicht nur Touristen haben den besonderen Charme des verwaisten Geländes entdeckt. Regelmäßig melden sich Fotografen und Filmemacher, Shootings und Dreharbeiten sind an der Tagesordnung. Der Park strahlt eine unwirkliche Aura der Vergangenheit aus, eine Mischung aus Grusel und Nostalgie.

Die Eisenbahn von einst rollt wieder

In den vergangenen Jahren ist es nicht gelungen, einen neuen Investor für das Gelände zu finden. Mit den Einnahmen aus Führungen, Dreharbeiten und kulturellen Veranstaltungen aber war es immerhin möglich, die alte Parkeisenbahn wieder in Betrieb zu nehmen. Auch ein Café am Eingang ist wieder geöffnet. Tourguide Christoph Flade will dafür kämpfen, dass die Wildwasserbahn repariert und in Betrieb genommen wird, vielleicht schon im kommenden Jahr. Aber das ist wohl ein Jungentraum - von einem, den der Park an die eigene Kindheit erinnert.

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