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Sport

Berlin-Marathon: Laufen und Verlaufen

DW-Reporter Marcel Fürstenau ist leidenschaftlicher Läufer und fiebert dem Berlin-Marathon am Sonntag entgegen. 42,195 Kilometer laufend durch seine Stadt - die Vorfreude bei ihm könnte nicht größer sein.

Ruhe ist die erste Läuferpflicht, so kurz vor dem Berlin-Marathon am Sonntag. In der letzten Woche vor dem Tag X müssen die Kräfte für den großen Lauf geschont werden. Nicht mehr hochtourig unterwegs sein, sondern die Drehzahl drosseln - darauf kommt es an. Ich kenne Leute, die nehmen extra ein paar Tage Urlaub. Und ob Sie's glauben oder nicht: Ich war sogar drei Tage verreist - allerdings im dienstlichen Auftrag. Montag Hinflug nach München, Mittwoch Rückflug nach Berlin. Anlass war der spektakuläre Prozess gegen die mutmaßlichen Rechtsterroristen vom Nationalsozialistischen Untergrund (NSU), über den ich regelmäßig aus der bayrischen Landeshauptstadt berichte.

Zwei Tage volles Programm also, von Entspannung kann da keine Rede sein. Aber das bringt mein Job als Journalist nun einmal mit sich. Laufklamotten gehören deshalb wie Schlafanzug und Zahnbürste zur Standardausstattung in meinem Reisekoffer. Irgendwann und irgendwo findet sich fast immer die Gelegenheit, eine Runde in fremder Umgebung zu drehen. Wobei mir München schon seit Jahrzehnten recht vertraut ist und sich meine Ortskenntnisse seit Beginn des NSU-Prozesses im Mai 2013 nochmals spürbar verbessert haben. Mein bevorzugtes Laufrevier ist der berühmte Englische Garten. Wenn es abends schon oder morgens noch dunkel ist, ziehe ich notgedrungen die Straße vor.

Der öde Charme von Gewerbegebieten

So war es auch dieses Mal - eine lockere Sechs-Kilometer-Runde von meinem Hotel aus vorbei an Biergärten, Hofbrauhäusern, dem Hauptbahnhof. Durchaus abwechslungsreich, aber auch mit vielen unfreiwilligen Stopps an roten Ampeln oder Ausweichmanövern wegen Radfahrern auf Fußwegen. Dennoch ist mir das lieber als ein Trainingslauf durch Gewerbegebiete oder ein steriles Messegelände. Auch das habe ich mir auf Dienstreisen mangels Alternative schon angetan. In solchen Momenten träume ich um so mehr von Landschaftsläufen während eines richtigen Urlaubs.

Der Englische Garten in München ist Anziehungspunkt für Flaneure jeglicher Art.

Ein Paradies nicht nur für Läufer: der Englische Garten im Herzen Münchens.

Das Risiko, sich zwischen Wald und Wiesen zu verirren, ist übrigens viel größer als in der Stadt. Jedenfalls geht es mir so. Ob in München oder Nürnberg, Cottbus oder Schwerin - dort habe ich mich noch nie verlaufen. Ganz anders sind meine Erfahrungen im Gelände. Die gravierendsten Orientierungsprobleme hatte ich ganz am Beginn meiner Marathon-Karriere. Die Premiere war am letzten Oktober-Wochenende 2002 in Frankfurt am Main. Dort findet nicht nur der älteste Stadtmarathon Deutschlands statt, sondern auch der letzte im Jahr.

Die Tücken des Waldes in Wiesbaden

Am Samstag vor diesem für mich historischen Tag wollte ich noch ein halbes Stündchen durch den Wiesbadener Wald laufen. Meine Schwester wohnte damals wie heute in der hessischen Landeshauptstadt, die über eine gute Bahn-Anbindung nach Frankfurt verfügt. Aus dem halben Stündchen wurden am Ende 80 Minuten, weil ich vor lauter Bäumen immer nur den Wald sah, aber keinen Weg aus ihm heraus. So gegen 18 Uhr hatte meine Odyssee ein Ende. Bei dem Gedanken, dass ich am nächsten Morgen um 10 Uhr meinen ersten Marathon laufen wollte, wurde ich nicht gerade entspannter.

Trotz meines Malheurs überstand ich die 42,195 Kilometer erstaunlich gut. Mit 3:33:23 Stunden war ich zehn Sekunden zu "schnell" für eine Schnapszahl. Das Kunststück, exakt 3:33:33 zu laufen, glückte mir 2011 in Hamburg dann tatsächlich! Und zum Glück haben sich meine Orientierungsprobleme inzwischen weitgehend verflüchtigt. Der Anfängerfehler vor zwölf Jahren war mir eine Lehre, im Zweifelsfall auf gewagte Ausflüge in mir unbekanntes Terrain zu verzichten. Auf jeden Fall kurz vor einem Marathon. In Berlin, meiner Heimatstadt, stellt sich die Frage sowieso nicht.

Berlin-Marathon 2014 Hinweisschild für Autofahrer

Wer sich beim Berlin-Marathon verirrt, ist selber schuld. Das gilt auch für orientierungslose Autoparker...

Welche Folgen unzureichende Ortskenntnisse haben können, bekamen sogar schon Spitzenläufer zu spüren. Legendär sind die Umstände des Olympia-Marathons von Paris im Jahre 1900. Dazu muss man wissen, dass die Sommerspiele der Neuzeit in ihrer frühen Phase nichts mit dem Milliardengeschäft der Gegenwart zu tun hatten. Damals handelte es sich noch um überschaubare Wettkämpfe, die oft unvorstellbar schlecht organisiert waren. Und so mussten die Teilnehmer des Marathons einen unübersichtlichen Parcours bewältigen, den anscheinend jeder mehr oder weniger unkontrolliert für sich lief.

Auch Olympia-Teilnehmern fehlt mitunter der Durchblick

Am Ende lagen zwei Einheimische vorn, obwohl ein Amerikaner die ganze Zeit über keinen Konkurrenten vor sich gesehen haben will. Und ein Schwede behauptete, er sei in Führung liegend von einem Polizisten in die falsche Richtung gewiesen worden. Diese und andere Anekdoten finden sich in dem Buch "Mythos Marathon" von Heiner Boberski, das mir eine Freundin zum Geburtstag geschenkt hat. Es ist die passende Lektüre zum richtigen Zeitpunkt. Nach harten Wochen der Vorbereitung stimmen mich solche Geschichten bestens auf den Berlin-Marathon ein. Und irgendwie erinnern sie mich ja auch meine eigenen Geschichten - die vom Laufen und Verlaufen…


DW-Redakteur Marcel Fürstenau läuft seit 2002 Marathon. Premiere feierte er in Frankfurt am Main, in Berlin ist er seit 2003 dabei. Seine Bestzeit lief der 52-jährige Korrespondent im Hauptstadtstudio Berlin 2013 in Hamburg (3:23:41). Vor dem 41. Berlin Marathon am kommenden Sonntag schildert er hier täglich, wie seine finale Vorbereitung auf den Saisonhöhepunkt läuft.

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