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Evangelischer Kirchentag

Berlin feierte den Kirchentag und sich selbst

Gottesdienste, Gospel und gute Laune: Die protestantischen Pilger beim Evangelischen Kirchentag und die Borussia-Dortmund-Fans bescheren Berlin ein neues deutsches Sommermärchen. Aus Berlin Astrid Prange.

Berlin betet und feiert. Berlin segnet und tanzt. Berlin schweigt und trauert. Fünf Tage lang leuchten überall in der Stadt orangefarbene Schals auf. Fünf Tage lang sind Berlins Kirchen voll, Posaunenchöre spielen auf der Straße, und in den U- und S-Bahnen sprechen Passagiere unverhofft über ihren Glauben oder Nichtglauben.

Der Kirchentag beschert der Regierungshauptstadt und Partymetropole ungewohnte Augenblicke: Besucher und Einwohner schweigen eine Minute lang für die Menschen, die bei der Flucht übers Mittelmeer ihr Leben verlieren. Sie lachen zusammen mit Flüchtlingen über deutsche Mentalität. Und sie feiern Andacht und Abendmahl an historischen und mit traumatischen Erfahrungen aufgeladenen Orten wie dem ehemaligen Todesstreifen an der Mauer und in der Gedächtniskirche am Breitscheidplatz.

Gebet und Auseinandersetzung

"Glaube und Politik gehören zusammen, das hat dieser Kirchentag bestätigt", meint Ellen Ueberschär, Generalsekretärin des Protestantentreffens, das diesmal auch im Zeichen des 500-jährigen Reformationsjubiläums steht. "Die Welt mag aus den Fugen sein, aber die Kirchentagsteilnehmer haben ihre Fähigkeit bewiesen, sich ihres eigenen Verstandes zu bedienen."

Politiker reichen sich bei diesem Kirchentag gegenseitig die Mikrophone weiter, manche bekommen tosenden, langanhaltenden Applaus: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Außenminister Sigmar Gabriel, Innenminister Thomas de Maizière, Finanzminister Wolfgang Schäuble, SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz und dann auch noch Bundeskanzlerin Angela Merkel und Ex-US-Präsident Barack Obama.

Politiker, die sich zu ihren Glauben bekennen, sind ein Markenzeichen des Evangelischen Kirchentags. Minister, die nicht nur über Krieg und Frieden, soziale Gerechtigkeit und Integration sprechen, sondern bei Bibelarbeiten auch Geschichten aus dem Alten und Neuen Testament interpretieren, ziehen tausende Besucher in ihren Bann.

Religiöser Mauerfall

Glaube und Politik hängen zusammen - diese traditionelle Botschaft des Protestantentreffens hat eine neue Dimension bekommen. Denn sie nimmt nicht nur Politiker in die Pflicht, sondern erstmals auch verstärkt religiöse Führer. Und diese Verantwortung ist in Berlin überall zu spüren.

Es scheint, als erlebe die Stadt ihren religiösen Mauerfall. "Schluss mit Verbrechen im Namen der Religion und auf Kosten der Schwachen", fordert Sheich Ahmad al-Tayyeb, Imam der al-Azhar-Moschee in Kairo, bei einer Debatte mit Innenminister de Maizière über Toleranz. Er beschreibt die Projekte zur Terrorismusprävention an der al-Azhar-Universität in Kairo und versetzt die Zuhörer ins Staunen.

Berlin Kirchentag 2017 Dr. Thomas de Maiziere und Sheikh Ahmad Masaa al-Tayyeb (picture-alliance/Citypress24)

Friedensverantwortung der Religionen: Sheich al-Tayyeb und Innenminister de Maizière diskutieren über Toleranz

"Nicht die Reformation hat zu Toleranz geführt, sondern die Einsicht, dass sie nicht mehr rückgängig gemacht werden kann", ist de Maizière überzeugt. "Auch Globalisierung kann man auch nicht rückgängig machen. Religionen können sich nicht aus ihrer gemeinsamen Friedensverantwortung stehlen!"

Sehnsucht nach Begegnung

Für Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au ist dies die Kernbotschaft des Treffens, zu dem über 100.000 Menschen nach Berlin und Wittenberg gekommen sind, wo der Kirchentag an diesem Sonntag mit einem Festgottesdienst endet. "Religionen können einander in der globalisierten Welt nicht mehr aus dem Weg gehen", stellt sie klar. Gläubige müssten mehr miteinander statt übereinander sprechen. Dazu trage der Kirchentag mit seiner christlich-muslimischen Begegnungsarbeit bei.

Streiten statt lästern, aushalten statt anschreien, aufbauen statt zerstören - der Kirchentag ist geprägt von der Sehnsucht nach Begegnung, nach erfolgreichen Projekten und persönlichen Bekenntnissen. Nicht nur Christen streiten untereinander, wie bei der hitzigen Podiumsdiskussion zwischen Berlins evangelischem Bischof Markus Dröge und Anette Schultner, Bundessprecherin von "Christen in der AfD".

Deutschland 36. Evangelischer Kirchentag - Wittenberg (picture alliance/dpa/S. Willnow)

Woodstock in Wittenberg: Ökumenische Nacht der Lichter mit Zehntausenden Gläubigen auf den Festgelände

"Kirchentag gegen die Angst"

Auch muslimische Verbände und Flüchtlinge fanden auf dem Kirchentag ein Forum für ihre Debatten - untereinander und in Begegnung mit Christen. Im muslimischen Kabarett der Gruppe "Rebell Comedy" parodierten Migranten die eigene Diskriminierung. Ihr Erfolg zeigte: Multikulti läuft.

Kirchentagspräsidentin Christina Aus der Au zieht eine positive Bilanz: "Es war ein Kirchentag gegen die Angst.Wir sind froh und dankbar, dass wir einen friedlichen Kirchentag erleben durften. Wir haben uns nicht einschüchtern lassen und sind in Freiheit zusammengekommen."

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