Berlin Energy Transition Dialogue 2016: die Energiewende-Show | Wissen & Umwelt | DW | 18.03.2016
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Wissen & Umwelt

Berlin Energy Transition Dialogue 2016: die Energiewende-Show

Deutschland ist Vorreiter bei erneuerbaren Energien. Jetzt sollen weitere Länder diesem Beispiel folgen. Beim Energiewende-Gipfel wirbt die Regierung um Nachahmer. Doch taugt das deutsche Prestigeprojekt als Blaupause?

Berlin Energy Transition Dialogue in Berlin Foto: BSW-Solar

1200 Delegierte aus mehr als 70 Ländern zu Gast beim zweiten Berlin Energy Transition Dialogue in Berlin

An Selbstbewusstsein mangelte es dem deutschen Wirtschafts- und Energieminister Sigmar Gabriel nicht, als er diese Woche den 'Berlin Energy Transition Dialogue' eröffnete. "Berlin ist heute der Mittelpunkt des globalen Energiewende-Dialogs", sagte Gabriel bei der Begrüßung von 1200 Delegierten aus über 70 Ländern.

Energieminister Sigmar Gabriel Foto: BSW-Solar

Energieminister Sigmar Gabriel: Deutschlands Ökostromförderung kann jetzt weniger werden

Eine Frage bewegte alle: Ist Deutschlands Energiewende eine Blaupause für die globale Energiewende? Seit dem Klima-Abkommen von Paris ist klar: Es gibt einen Grundkonsens in der Weltgemeinschaft, fossile Energieträger schrittweise durch erneuerbare Energien zu ersetzen. Bei der Frage, wie das funktionieren kann, schauen viele Länder auf die Pioniernation in der Mitte Europas. "Viele kommen hierher, um zu sehen, wie das Experiment Deutschland funktioniert", sagte Manfred Vohrer, Ökovisionär und Ehrenmitglied des Europäischen Parlaments.

Ein grünes Sofa reist um die Welt

Damit die Botschaft von der Energiewende weitere Kreise zieht, reist derzeit ein grünes Plüschsofa um die Welt. In dieser Woche machte das markante Möbelstück in Berlin Station, nach Werbetouren im Nahen Osten und Asien. Auch der Chef der Internationalen Organisation für Erneuerbare Energien (IRENA), Adnan Amin, ließ sich darauf nieder. Nicht, ohne die deutsche Führungsrolle als Versuchslabor für Klimaschutztechniken zu würdigen. "Zu einem Zeitpunkt, an dem viele Solarzellen für eine abstruse, unwirtschaftliche Sache gehalten haben, hat Deutschland genau darauf gesetzt", sagte der IRENA-Chef.

Jetzt seien die Preise für Wind- und Solarstrom durch Deutschlands Ökostromförderung drastisch gesunken. Strom aus Solarzellen ist günstiger als Atomstrom, Strom aus Windkraft schlägt preislich oft selbst den aus Kohlekraftwerken. In Nepal, bei Jitendra Gc von der Sajha Foundation, ist das noch Zukunftsmusik. Er informiert seine Landsleute vielfach über die Vorteile regenerativer Quellen, in Schulen und in Universitäten. Für ihn ist klar: "Deutschland fällt eine Führungsrolle zu - ganz einfach, weil sie es können."

IRENA-Chef Adnan Z. Amin Foto:BSW-Solar

Wann funktioniert der Ausbau erneuerbarer Energien? IRENA-Chef Adnan Amin: "Wenn man Geld damit machen kann."

Mit der Energiewende kam die "Grüne Diplomatie"

Längst vorbei ist damit die Zeit, als die Energiewende Ingenieuren, Tüftlern und Ökoenthusiasten überlassen wurde. Um Deutschlands Erfolg in der Welt sichtbar zu machen, haben Regierung und Branchenverbände eine Grüne Diplomatie ins Leben gerufen. Dazu gehören auch markige Worte. "Die Energiewende ist Deutschlands Pendant zum amerikanischen Man-to-the-Moon-Projekt". Mit Sätzen wie diesem lässt Außenminister Frank-Walter Steinmeier keinen Zweifel daran, dass Deutschland als Lokomotive bei der Umsetzung des Weltklimavertrags wahrgenommen werden will.

In der Tat: Einiges spricht dafür, das diese Führungsrolle passt. Die Internationale Organisation zur Förderung erneuerbarer Energien, deren Gründung maßgeblich Deutschland angestoßen hat, ist zum Erfolgsprojekt gereift. Sieben Jahre ist die Organisation mit Sitz in Abu Dhabi jung und hat bereits 145 Mitglieder.

Auch innerhalb des Landes wird das Vorzeigeprojekt ausgebaut. Im deutschen Stromsektor stammt inzwischen jede dritte Kilowattstunde, die verbraucht wird, aus Sonne, Wind, Biomasse und Wasserkraft. Zudem hat es Europas größte Volkswirtschaft geschafft, den Energieverbrauch zu drosseln, ohne Wirtschaftswachstum einzubüßen.

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Energiewende : Deutschland ein Vorbild ?

Jenseits dieser Erfolgsmeldungen zeigen sich Probleme. So erfolgt der Ausbau der erneuerbaren in Deutschland zwar nach Plan, ist aber längst nicht mehr rekordverdächtig. Ausbaurekorde stellt heute China auf. In Deutschland werden weniger Solarzellen installiert als früher. Und selbst Ökostromfirmen machen inzwischen Pleite.

Kritiker mahnen, dass die nationalen Klimaschutzziele verfehlt werden könnten: "Erst ein Siebtel der Energiewende in Deutschland ist wirklich geschafft", sagt Hermann Falk, Geschäftsführer des Bundesverbands Erneuerbare Energien (BEE). Das zeigt sich besonderes im Gebäude- und Verkehrssektor. Der Austausch von Öl- und Gasheizungen stagniert, auch wegen des günstigen Ölpreises.

Im Straßenverkehr sind Elektroautos weiter Exoten - entgegen vollmundiger Regierungsankündigungen. Aktuell fahren gerade einmal 20.000 Elektroautos auf deutschen Straßen, bei einem Fuhrpark von 45 Millionen Pkws - nur ein Beispiel, warum im Land viele die Energiewende auf keinem guten Weg sehen. Ein Umstand, über den an diesem Tag aber kaum gesprochen wurde. Für Manfred Vohrer ist das ein Fehler: "Wenn wir etwas für die Sache tun wollen, dann müssen wir auch ehrlich sein, wo wir Fehler machen."

Andere Länder - andere Energiewende(n)

Um von Deutschlands Fehlern zu lernen, genau dafür kommen sie nach Berlin. Das hörte man auf dieser Konferenz sehr häufig. Und es gab viele Delegationen, die hinter dem Begriff Energiewende ganz andere Ideen einsortieren. "Energiewende kann für jedes Land etwas anderes bedeuten", mahnte die stellvertretende Energieministerin Tschechiens die deutsche Politik davor, ihre Ansätze anderen überzustülpen.

In Tschechien gebe es eine klimafreundliche Zukunft "nur mit Atomkraft". In Deutschland ist das nach dem beschlossenen Ausstieg aus der Nutzung von Kernenergie bis 2022 undenkbar. Ebenso das, was Saudi-Arabiens Energieminister Ali I. Al-Naimi zur Energiewende beizutragen hatte: "Wir können es uns nicht leisten, Öl und Gas im Boden zu lassen", lautete sein Credo in Berlin.

Aussagen wie diese zeigen, was IRENA-Chef Amin in Diplomatensprache so ausdrückt: Die Umsetzung der Energiewende brauche viele verschiedene Konzepte - womöglich für jedes Land oder jede Region ein anderes. Er rät Deutschland dazu, besonders den praktischen Erfahrungsaustausch in den Mittelpunkt seines Energiewende-Werbens zu stellen. "Viele werden ganz andere Wege gehen, aber alle werden daran interessiert sein, von Deutschlands Lernkurve zu profitieren."

Anfragen dazu dürften sich jetzt häufen. 80 Prozent der in den vergangenen drei Jahren gebauten Kraftwerke weltweit nutzen erneuerbare Energien. Bald dürften in Berlin also die Drähte glühen.

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