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Kultur

Berlin, die skandinavische Kunsthauptstadt

Etwa 6200 Dänen, Finnen, Isländer, Norweger und Schweden leben in Berlin. Doch auch wenn diese Zahl in der Dreimillionenstadt gering erscheint, können die Skandinavier in einem Bereich nicht übersehen werden: der Kunst.

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Wandbild von Jan Christensen

Als Lise Nellemann 1992 von Kopenhagen nach Berlin zog - nur drei Jahre nach dem Fall der Mauer –, hatte sie das Gefühl, dass in dieser Stadt alles möglich sei. "Ich brauchte damals eine Veränderung", erklärt Nellemann, Künstlerin und Kuratorin. Sie fügt hinzu, dass es ihr in ihrer Heimatstadt wohl gefallen hatte, sie es aber leid geworden war, ihre Arbeit an den immer gleichen Plätzen zu präsentieren.

Vibeke Tandberg, Skandinavische Künstler in Berlin

Werk von Vibeke Tandberg

Nellemann war nicht die Einzige, die sich durch einen Umzug nach Berlin verändern wollte. Hunderte skandinavische Künstler strömten in den vergangenen Jahren nach Berlin und bereicherten die deutsche Hauptstadt durch ihre lebhafte Kulturszene.

Dem Zuhause so nah

Doch was macht Berlin so anziehend?

Eine mögliche Erklärung liegt in der geographischen Lage der Stadt. Berlin, das zweimal größer ist als die größte Stadt im Norden, Stockholm, ist nur 740 Kilometer von Kopenhagen entfernt. Es ist die Metropole, die den meisten skandinavischen Städten am nächsten gelegen ist. Diese Nähe ermöglicht es den Künstlern aus dem Norden, enge Kontakte zu den Kunst-Szenen ihrer Heimat-Länder aufrechtzuerhalten.

Atle Gerhardsen verkaufte nach fünf Jahren seine Galerie in Oslo, um in die deutsche Hauptstadt zu ziehen. "Von hier aus können Sie wunderbar ein Auge auf Ihr Heimatland werfen", sagt er. "Sie könnten problemlos hin- und herfahren. Das ist sehr viel schwerer, wenn Sie in New York wohnen." Der 40 Jahre alte Künstler macht außerdem auf den Wohlfühlaspekt aufmerksam. "Berlin ist seit langer Zeit eine der führenden Kulturstädte", meint er. "Es ist natürlich, dass wir nach dem Mauerfall aus anderen Städten hierher zogen. Und Deutschland steht Norwegen, Schweden und Dänemark kulturell sehr nahe, so dass es uns leicht fällt, uns hier wohl zu fühlen."

Der Geld-Faktor

Palast der Republik mit Schriftzug

Schriftzug auf dem Dach des ehemaligen Palastes der Republik in Berlin. Der Künstler Lars Ramberg hatte die Idee - bis 10. Mai soll die Schrift sichtbar bleiben und den Dialog um die Zukunft des zunächst aufwändig von Asbest befreiten und nun zum Abriss vorgesehenen Hauses anregen.

Aber es gibt auch einen ökonomischen Faktor, der die Skandinavier magnetisch anzieht. Berlin ist, im Vergleich zu anderen Hauptstädten, sehr preiswert. "Man kann ein kleines Apartment oder ein kleines Studio in der Innenstadt finden", sagt Gerhardsen. "Dies ist in London, Paris oder New York kaum möglich." In der Tat kann Berlin vergleichsweise niedrige Mietpreise aufweisen. Im Frühling 2004 wurde es im weltweiten Index der Lebenshaltungskosten der Economist Intelligence Unit nur auf Platz 20 geführt. Im Vergleich dazu war Oslo gemeinsam mit Paris die drittteuerste Stadt. Kopenhagen stand auf der Liste der teuersten Städte auf dem fünften, Reykjavik auf dem achten und Helsinki auf dem elften Platz.

Der Hip-Faktor

Und es gibt noch mehr, was an Berlin fasziniert.

"Der Vorteil an Berlin ist, dass Du, anders als in anderen Städten, nicht zwangsläufig eine Galerie besitzen musst, um international erfolgreich sein zu können", erklärt Aris Fioretos, Kulturdezernent der Schwedischen Botschaft in Berlin. "Es ist eine neue Kunstszene entstanden, die nicht auf Galerien, sondern auf Institutionen basiert", macht er deutlich. "Die Kuratoren sind mobil. Vor allem seit Berlin vor zehn Jahren deutsche Hauptstadt geworden ist, befindet sich seine Identität ständig im Wandel. Aufgrund seiner sozialen Subkulturen ist Berlin offen und zugänglich für jeden."

Aber Fioretos macht auch darauf aufmerksam, dass die Anziehungskraft Berlins für Künstler aus dem Norden ein Einzelphänomen ist. "Was die Menschen an Berlin anzieht, ist Berlin, nicht Deutschland", sagt er. "Deutschland selbst hat keinerlei Hip-Faktor."

Als die 28-jährige in Helsinki geborene Laura Horelli 2001 ihren Kunstabschluss an der Universität Frankfurt machte, zog sie - genau wie mehr als die Hälfte ihrer Mitabsolventen - nach Berlin. "Ich arbeitete bereits mit einer Galerie in Berlin zusammen, so dass es Sinn machte, nach Berlin zu gehen", sagt sie. "Ich habe Helsinki immer sehr geliebt, aber es wäre nicht von Vorteil gewesen, dorthin zurückzukehren." Horelli findet, dass Berlin offener ist als die nordischen Städte. "Die skandinavischen Städte sind oft sehr verschlossen", sagt sie. "In Berlin kannst du sein, wer immer Du sein willst, und keinen interessiert es. Und die Kunstszene ist vielfältiger als in einigen skandinavischen Städten."

Eine Gesellschaft von Künstlern

Annika Ström, Skandinavische Künstler in Berlin

Annika Ström, Skandinavische Künstler in Berlin: "16 minutes", Video still, 2003, DVD

Horelli wurde unterstützt von Lars Ramberg, einem 41-jährigen Künstler, der sieben Jahre zuvor nach Berlin gezogen war. "In Berlin musst Du Dich nicht fremd fühlen, auch wenn Du kein Deutscher bist", schwärmt er. "Die Menschen geben Dir niemals das Gefühl, dass Du ein Fremder bist und nicht hier sein solltest. Anders als in Paris, wo Du kaum ein Pariser werden kannst, weil es sehr schwierig ist, sich in die Gemeinschaft einzufügen."

Ramberg fasst zusammen, was viele andere nordische Künstler über Berlin sagen: "Es ist eine Kunst-Gemeinde, und dies ist wichtiger als die Preise. Berlin, so wie wir es jetzt kennen, ist eine sehr neue Stadt, erst 15 Jahre alt. Du kannst ganz einfach eine Art Siedler sein, ohne das Gefühl zu haben, dass dieser Ort bereits festgelegt ist."

Ein Beweis für den Einfluss Berlins auf die skandinavische Kunstszene ist das "Nord Kultur"-Festival. Dieses findet vom 24.2. bis zum 21.3.2005 in Berlin statt und präsentiert die künstlicherischen Aktivitäten der Skandinavier in der Stadt. Mehr als hundert Events, darunter Filmvorführungen und Konzerte, sollen den Besuchern die Arbeit der skandinavischen Künstler näherbringen.

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