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Deutschlandtour

Berlin calling - der Lockruf der Hauptstadt

Wilde Partys, skurrile Orte, Freizügigkeit. Das ist der Mythos des Berliner Nachtlebens, der viele Touristen reizt. DW-Reporterin Elisabeth Jahn spürte ihm nach in den Clubs rund um die Spree.

"In der Nacht - wenn die Welt still steht - wirst du mich an dem Ort finden, den ich am besten kenne: tanzend, schreiend, auf dem Weg zum Mond." Diese Worte aus der Berlinhymne "Sky and Sand" von Paul und Fritz Kalkbrenner habe ich im Ohr. Bis 2010 war das Herzstück der Partyszene die Bar 25. In dem Elektroclub im Bezirk Friedrichshain traf man sich ab dem Nachmittag zum Chillen am Spreeufer und durchtanzte umnebelt die Nacht. Inzwischen ist der Club abgerissen. Ich frage mich: Wo finde ich heute das Gefühl von damals? Wo ist der Ort, an dem der Mythos weiterlebt?

Kater Holzig - ein Spielplatz für Erwachsene

Die Betreiber der Bar 25 haben auf dem gegenüberliegenden Spreeufer das Kater Holzig eröffnet. "Viel zu sehr gehypt" und "arrogante Einlasspolitik" höre ich immer wieder. Da ich gezielt an einem frühen Donnerstagabend eine Swing-Veranstaltung ansteuere, komme ich problemlos hinein und zahle statt der üblichen zehn nur drei Euro Eintritt.

Eingang des Kater Holzig bei Nacht, Foto: DW

Improvisiert und doch durchdacht: Kater Holzig

Im Innenhof der inzwischen maroden Seifenfabrik blinken bunte Lichter und Schilder. Ein großes Skelett an der Backsteinmauer und kleinere Figuren aus Pappmaché leuchten im Wechsel auf. Kurz verirre ich mich zwischen den Hauseingängen, doch schließlich entdecke ich den Swing-Saal im ersten Stock. Dessen Wände sind mit Cartoons, alten Gemälden, künstlichem Efeu und rotem Samt-Tüll behangen - als hätten die Dekorateure einen Flohmarkt geplündert. Statt schroff-arrogantem Hipster-Getue tanzt mir ausgelassene Fröhlichkeit entgegen: Paare wiegen sich locker-leicht im Takt der Musik über die Holzdielen.

Keine halbe Stunde später kenne ich die Grundschritte des Swings und diverse Gäste auf der Tanzfläche. Wie Thalia Stefaniuk. Die 22-jährige Künstlerin ist vor zwei Wochen aus Toronto nach Berlin gezogen, weil sie glaubt, dass Berlin im Moment die Hauptstadt der Kunstszene sei. "Allein dieser Laden hier ist doch der absolute Wahnsinn", schwärmt sie. Die Gäste sind international, es wird vor allem Englisch gesprochen. Als ab 23 Uhr eine Etage tiefer der Elektrofloor öffnet, inspiziere ich ihn neugierig. Industrielampen versprühen kühle Kelleratmosphäre, es riecht modrig. Die Musik ist monoton, das besondere Flair von eben verflogen. Bevor ich gehe, lese ich in großen Lettern "Ouch!" über der Bar und wundere mich, ob sie meine Gedanken lesen kann.

WG-Flair im Salon zur Wilden Renate

Schuhe im Käfig hängen von der Decke in der Wilden Renate, Foto: DW

Skurriler Vogelbauer im Salon zur Wilden Renate

Am nächsten Abend verschlägt mich meine Suche in ein abgelegenes, unsaniertes Wohngebäude in Friedrichshain. Hier soll aus einem besetzten Haus erst ein illegaler Club und schließlich ganz offiziell der Salon zur Wilden Renate geworden sein.

Als ich gegen ein Uhr morgens aufschlage, trudeln gerade die ersten Gäste ein. Im ersten Stock ist eine kleine Tanzfläche - sicher das ehemalige Wohnzimmer. Die Wände sind grob verputzt, über der Tür bröckelt der Stuck. Von einem langem Flur gehen mehrere kleine Räume ab, in denen teilweise noch alte Möbel stehen: hier ein Eisenbettgestell, da ein kalter Ofenherd. Sie versprühen einen seltsamen Charme des Vergangenen.

Die Gäste sind zwischen 20 und 40 Jahre alt, alternativ bis schick. Einige Stunden und Biere später philosophiere ich mit dem Franzosen Arthur Pelen, 23, über die Vorzüge des Berliner Nachtlebens. Er bringt es auf den Punkt: "Berlin hat eben den Platz für so ausgefallene Clubs wie diesen, und internationales Publikum." Das scheint auch die entlegendsten Partyorte zu finden. Aber nicht überall kommt man so leicht am Türsteher vorbei.

Das Berghain: Eine Institution

Ganz anders dagegen das Berghain, mein Ziel am dritten Abend. Heute will ich es wissen, ich will da rein! Vor dem Eingang wie immer eine Schlange. Bei minus acht Grad Celsius reihe ich mich dazu. Nervös schweifen die Blicke der Wartenden in Richtung Türsteher. Die Stacheldraht-Tätowierung in seinem Gesicht ist unverwechselbar. Wie ein König thront er am Eingang und entscheidet, wer sich in "seinem Tempel" vergnügen darf. Immer wieder werden Leute abgewiesen.

Leute gehen zum Eingang des Berghain, Foto: DW

2009 zum besten Club der Welt geadelt: Besuchermagnet Berghain

Knapp dreißig Minuten später gehöre ich zu den Glücklichen und betrete das düstere, mehrstöckige alte Heizkraftwerk. Über eine Stahltreppe gelange ich in den Hauptraum, das eigentliche Berghain. Auf dem Mainfloor bewegen sich Gestalten wie ferngesteuert zu Minimal Techno und Tech-House. Die riesigen Dimensionen des Gebäudes und das dumpfe Licht lassen den Einzelnen schnell in der gewollten Anonymität versinken.

Neben der hochklassigen Soundanlage ist der Club bekannt für seine sexuelle Freizügigkeit. In seinen Anfängen war das Berghain ein reiner Schwulenfetischclub, heute mischt sich das Publikum. Zwei Darkrooms bieten denen die Spielwiese, die sie suchen. "Hast du Interesse?", werde ich von einem Mann an der Bar gefragt. Ein kurzes, bestimmtes "nein" und ich habe meine Ruhe.

Oben in der Panorama Bar mit der großen Fensterfront stelle ich begeistert fest, dass ein guter Drink nicht teuer sein muss: Für meinen Gin Tonic zahle ich sechs Euro und kann zwischen den besten Ginsorten wählen. Während ich zufrieden an meinem Getränk nippe, resümiere ich: Nur den einen einzigen Ort, an dem der Mythos lebt, gibt es nicht mehr. Viel besser, das Berliner Nachtleben erfindet sich ständig neu. Und es gibt viele Orte: raue, versteckte, verruchte. Wer offen ist und sich durch die Nacht treiben lässt, kann sein persönliches Abenteuer finden.

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