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Kultur

Berlin Biennale: Kann Kunst wehtun?

Die 7. Berlin Biennale lässt Ausstellungsräume von der Occupy-Bewegung besetzen, tapeziert Wände mit Streitschriften und lädt zu Podien ein. Sie will politisch sein, wütend machen. Kann Kunst das überhaupt noch?

Was kann Kunst im politischen Raum leisten? Hat sie dort überhaupt eine Funktion? Und kann Kunst die Wirklichkeit verändern? Kann sie kritisch sein, nützlich, politisch? Solche und ähnliche Fragen treiben Artur Zmijewski um, den Künstler aus Polen und Kurator der 7. Berlin-Biennale. Um Antworten näher zu kommen, hat er rund 30 internationale Künstler nach Berlin eingeladen, die "eine Neigung zum Politischen" haben und das in den nächsten Wochen (vom 27. April bis zum 1. Juli) unter Beweis stellen werden. Gelegentlich präsentieren sie ihre Sicht auf die Dinge beziehungsweise die Kritik an verwerflichen Zuständen dieser Welt gleich mitten in der Gesellschaft, also im öffentlichen Raum, und stellen sich damit auch einem Publikum in den Weg, das sie ansonsten vielleicht gar nicht gefunden hätte.

Berlin Biennale 1

Installierung des "Key of Return"

So ließ der polnische Künstler Lukasz Surowiec bereits im Herbst letzten Jahres an verschiedensten Stellen in Berlin - in Parks, auf dem Areal von Schulen sowie an Orten, die eine direkte Verbindung zum Holocaust haben - junge Birken aus der Nähe des ehemaligen Konzentrationslagers Auschwitz-Birkenau pflanzen. Sie sollen die Erinnerung an die ungeheuren Verbrechen des Nationalsozialismus wach halten und erinnern gleichzeitig an ein anderes, zurückliegendes Projekt - das Landschaftskunstwerk "7000 Eichen" von Joseph Beuys, das 1982 auf der "documenta 7" der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Im Laufe mehrerer Jahre und mit Unterstützung vieler Helfer hatte der Künstler an unterschiedlichsten Standorten in der Stadt Kassel Eichen gepflanzt: eine künstlerische und ökologische Intervention in den Stadtraum, verbunden mit der Absicht, ein deutliches Zeichen gegen die Verstädterung zu setzen.

Kunst kann wirken!

Das Projekt ist längst prägender Bestandteil der Stadt, es hat ihr Bild nachhaltig verändert, und die Bewohner Kassels immer und immer wieder zu Auseinandersetzungen angestiftet. Das anfängliche Unverständnis erodierte mit jedem weiteren gepflanzten Baum. Kunst kann also kritisch, nützlich und auch politisch sein! Sie kann provozieren, zum Nachdenken anregen, das Denken in neue Bahnen lenken und so unmerklich Wirklichkeiten verändern. Ihre Wirkung hat sie im Laufe der Jahrhunderte auf unterschiedlichste Weise entfaltet, wobei eine deutlich kritische Haltung erst nach der Französischen Revolution Einzug in die Kunst  gehalten hat. Bis dahin neigte sie zu Idealisierungen und entlehnte ihre Motive etwa der Bibel, dem höfischen Leben und dem des wohlhabenden Bürgertums. Nun aber rückten die bislang ausgeblendeten Teile des Lebens und der Gesellschaft in den Focus der Künstler. Und sie präsentierten Bilder, die man zuvor noch nie gesehen hatte.

Besucher stehen am Donnerstag (26.04.2012) auf der Biennale in Berlin in der Ausstellungshalle, die von der Occupy-Bewegung besetzt wird. Die Veranstalter der Biennale boten der Occupy-Bewegung die Räume als Versammlungsraum an. Die Ausstellung läuft vom 27.04.12 bis zum 01.07.2012 in der Hauptstadt. Foto: Britta Pedersen dpa/lbn

Die Occupy-Bewegung als Gast der Berlin Biennale

So provozierte der Spanier Francisco de Goya (1746 - 1828), indem er Elend, Not und Krieg schonungslos malte und radierte und die Schwächen seiner Zeit unerbittlich aufdeckte. Der französische Maler Gustave Courbet (1819 - 1877) schockierte die feine Pariser Gesellschaft mit Bildern einfacher Menschen bei der Arbeit. Und sein Landsmann Honoré Daumier (1808 - 1879) kam gar immer wieder mit dem Gesetz in Konflikt, weil er das bürgerliche Leben seiner Zeit und insbesondere die Justiz beißend spöttisch karikierte.

Künstlerische Gegenpositionen

Einer der ersten Deutschen, der seine Kritik an den Machtverhältnissen visualisiert hat, war Adolf Menzel (1815 - 1915). Sein Gemälde "Aufbahrung der Märzgefallenen" zeigt Särge von Revolutionären, die in Berlin beim Barrikadenkampf vom Militär erschossen worden waren. Damit hatte ein Künstler dem Widerstand ein Gesicht gegeben, Aufmerksamkeit und Zuspruch.

BB7_Occupy_MartaGornicka_001.jpg Quelle: http://www.berlinbiennale.de/blog/en/contact/press

Empört euch!

Das 20. Jahrhundert mit seinen Verwerfungen, Abgründen, Ungeheuerlichkeiten und Entgleisungen provozierte dann immer neue künstlerische Gegenpositionen: Die Kunst wurde antimilitaristisch und antikapitalistisch, sie spottete über Spießbürger und Dekadenz und verwehrte sich gegen die Gräueltaten des Faschismus. Die Reaktionen reichten von lautstarker Empörung über öffentliche Beschimpfung bis hin zu Ausgrenzung, Denunziation und der Vertreibung von Künstlern, insbesondere während der Zeit des Nationalsozialismus.

Neue Interventionen

Zwei Jahrzehnte nach Ende des Zweiten Weltkriegs betritt die Kunst dann neue Dimensionen. Sie manifestiert sich nicht mehr länger nur in Bildern, Skulpturen, Fotos, Zeichnungen, Plastiken, sondern erscheint auch in temporären Formen, interveniert mit Aktionen im öffentlichen Raum und gesteht jedem die Freiheit zu, als "temporäre Plastik" interaktiv in die Gesellschaft einzugreifen oder sich gegen sie zu stemmen - gegen ihr Vergessen, gegen Aufrüstung, Menschenrechtsverletzungen, gegen Kriege und die Zerstörung der Umwelt. Anfang des 21. Jahrhunderts begleitet diese Kunst beispielsweise den G-8-Gipfel in Heiligendamm. Dort entsteht ein temporäres Hüttendorf, in dem durchaus mit einem gewissen Humor auf die Probleme der Welt geblickt wird. Die Sprengkraft der einzelnen Aktionen hält sich freilich in Grenzen - als hätten die Bilderfluten des Informationszeitalters längst zu einer Übersättigung der Betrachter geführt.

#videobig#

Die Berlin Biennale ist nun angetreten, zu beweisen, dass es doch noch anders geht. Sie will Kunst vorstellen, die, so Kurator Artur Zmijewski, "tatsächlich wirksam ist, Realität beeinflusst und einen Raum öffnet, in dem Politik stattfinden kann“. Deshalb hat sie die Wände im Zugang  zur Ausstellungshalle der Kunstwerke mit blutroten Auszügen aus Stéphane Hessels Streitschrift "Empört Euch!“ überzogen und die Halle selbst von der Occupy-Bewegung "besetzen“ lassen - mit Schlafsäcken, Sofas und Plakaten gegen Nazis und Kapitalisten. Die Biennale lädt zu Podien ein und vernetzt Aktivisten. Sie ermöglicht es ihnen, Widerstand zu organisieren, in unterschiedlichen Ländern. Und sie präsentiert Arbeiten, die ihre Finger in vielfältigste Wunden legen - Flüchtlingslager, Drogentote, Kommerz, Jugendarbeitslosigkeit, Radikalisierung, Holocaust. Kurz wird so die Belastbarkeit des Publikums getestet. Dieses Publikum ist international, guckt, plaudert, wägt ab und geht weiter, trinkt Latte Macchiato, lacht. Ob sich Wirklichkeiten so verändern lassen? Mal abwarten.