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Kultur

Berlin als kreativer Ort für israelische Künstler

Berlin zieht Künstler derzeit magisch an – das gilt auch für Israelis. Bezahlbare Ateliers, eine lebendige Kulturszene und viel Raum für Ideen. Ein Sehnsuchtsort, trotz oder wegen der Vergangenheit.

Ganz unproblematisch war Benyamin Reichs Umzug nach Berlin nicht. Sein Vater, ein vielgereister Mann, hatte sich bislang immer geweigert, auch nur einen Fuß nach Deutschland zu setzen und deshalb bei seinen Reisen manchmal komplizierte Umwege genommen. Zu mächtig war für ihn die Vergangenheit, unvergesslich die Gräueltaten an den Juden im Zweiten Weltkrieg. Benyamin Reich hat es dennoch nach Berlin gezogen. Er hat sich gelöst von familiären Befangenheiten, von Israel, vom Leben in einer jüdisch-orthodoxen Gemeinschaft.

Benyamin Reich, Fotograf und Videokünstler aus Israel (Foto: DW)

Benyamin Reich

Benyamin Reich ist Fotograf und lebt seit 2009 in Berlin. Aufgewachsen ist er als Sohn eines Rabbiners mit zehn Geschwistern in einer religiösen Gemeinschaft - ein "Ghetto", wie er es nennt. Heute trägt nicht er die schwarzen Hüte und Schläfenlocken, sondern die Männer auf seinen Fotos. "Ich versuche immer noch, mich davon zu lösen, aber meine Kindheitserfahrungen drängen sich in meine Arbeiten. Sie sind ein Teil von mir", sagt der 34-Jährige. Seine Fotos zeigen mit doppeldeutigem Blick orthodoxe Juden mit nackten Oberkörpern und Gebetsriemen. "Ich musste erst weg von Zuhause, um aus einer neuen Perspektive - von außen - auf dieses Leben blicken zu können." Passenderweise sind seine Fotos gerade in der Ausstellung "Heimatkunde" zu sehen, eine aktuelle Sammelausstellung im Jüdischen Museum Berlin.

"Der sicherste Ort für Juden"

Benyamin Reich schätzt seine neue Wahlheimat. "Diese Stadt ist so roh und man bekommt das Gefühl, mitgestalten zu können." Hinzu kommen bezahlbare Mieten und niedrige Lebenshaltungskosten. "Für dieses Atelier hier würde ich in Tel Aviv oder New York bestimmt das Dreifache zahlen", sagt Reich, der ein großes Studio gemeinsam mit weiteren Fotografen in zentraler Lage gemietet hat. "Dieses Freiheitsgefühl zieht derzeit Künstler aus der ganzen Welt nach Berlin, unter anderem eben auch Israelis. Ich glaube, viele von ihnen denken überhaupt nicht an die Vergangenheit - das fällt den meisten erst ein, wenn sie schon hier sind."

Ein ultraorthodoxer Jude steht mit halb entblößtem Oberkörper mit dem Rücken zum Betrachter (Foto: Benyamin Reich)

Fotoarbeit von Benyamin Reich

Ein Prozess, den Benyamin Reich auch bei sich selbst bemerkt hat. Unweigerlich habe er sich seit seinem Umzug mit dem Zweiten Weltkrieg auseinandergesetzt und zu verstehen versucht, wie es zum Holocaust kommen konnte. Seine Großeltern, geflohen aus Ungarn und Polen, haben darüber nie gesprochen. Aber sie haben ihre Kinder und Enkel stets davor gewarnt, jemals dorthin zu reisen.

Die Kriegsvergangenheit sei in Berlin viel präsenter als in Israel, belasten würde sie ihn aber nicht. "Deutschland ist der sicherste Ort für Juden", sagt Reich scherzhaft, aber bestimmt. "Das Schlimmste ist hier ja schon passiert." Ähnlich empfindet es auch Gabriel S. Moses, Comiczeichner und Illustrator aus Israel. "Die denkbar schrecklichste Phase, die ein Land durchleben kann, ist zum Glück vorbei und die Deutschen haben daraus eine ziemlich harte Lektion lernen müssen."

Die Vergangenheit ist vorbei

Wie Benyamin Reich, hat auch den Comiczeichner Moses die Berliner Kunstszene magisch angezogen, insbesondere, da er für seine erste Arbeit, einen experimentellen Comicroman, eine Graphic Novel, in Israel keinen Verlag gefunden hatte. "Wenn man als Künstler nach Europa möchte, ist Berlin der perfekte Startpunkt." Mittlerweile hat er hier bereits seinen zweiten Comicroman "Subz" veröffentlicht - ein autobiografisches Buch über den Teenager-Alltag an der israelischen Waffenstillstandslinie.

Gabriel S. Moses, Comiczeichner und Grafik Designer aus Israel (Foto: DW)

Gabriel S. Moses

Weiterhin in Israel zu leben, kann sich Gabriel Moses im Moment nicht mehr vorstellen. "Alles, was man in Israel sagt oder tut, ist ein politisches Statement. Selbst wenn man feiern geht, muss man sich rechtfertigen." Seine Kreativität habe sehr unter den gesellschaftlichen und politischen Konflikten gelitten. "Meine Gedanken waren wie besetzt. In Israel habe ich mich gefühlt, als ob ich ständig angeschrien werde." In Berlin hingegen spüre er eine große Toleranz und Interesse an künstlerischen Visionen. Das sei es, was er in erster Linie mit dieser Stadt verbinde - die Gegenwart. Die Vergangenheit stehe an zweiter Stelle.

Letztendlich haben auch Benyamin Reichs Eltern dem gegenwärtigen Berlin eine Chance gegeben und ihren Sohn besucht. "Es fiel ihnen schwer, da meine Großeltern ihnen sozusagen verboten hatten, jemals nach Deutschland zu fahren. Aber ich glaube, es war eine sehr wichtige Reise für sie." Positiv überrascht war seine Mutter vor allem von der Synagoge, die nur wenige Schritte von Benyamins Atelier entfernt liegt. Er besucht sie regelmäßig.

Autorin: Nadine Wojcik
Redaktion: Gudrun Stegen

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