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Deutschland

Berlin ändert sich nicht wirklich

Zwei Katastrophen erinnern die alten Berliner derzeit an die Zeiten vor dem Mauerfall: der Fußball von Hertha BSC und die S-Bahn.

Fernschreiber Berlin (Grafik: DW)

Jens Thurau (Foto: DW)

Effizient, pünktlich, genau - so sehen die Menschen weltweit uns Deutsche, so sehen wir uns gern selbst. Vor 20 Jahren etwa gelang uns friedlich und etwas überraschend die Wiedervereinigung. Das führte auch dazu, dass Berlin, die ehemals geteilte Stadt, wieder Hauptstadt wurde. Seitdem ist sie - mit deutscher Gründlichkeit - schick als neuer Regierungssitz hergerichtet worden: mit vielen hochmodernen Bauten, einem ganz neuen Viertel - eigentlich kaum wiederzuerkennen.

Das alte West-Berlin hatte etwas Verträumtes, Improvisatorisches, oft auch Dilettantisches. Die Politiker waren provinziell und die Häuser schlecht isoliert, aber das änderte sich dann ja alles mit dem Einzug der großen Macht.

Hertha, Berlins Erst-Bundesligist, hatte seine Hochzeit, als die Politik an der Spree neuen Glanz verströmte, spielte sogar mal in der Champions-League. Noch in der letzten Saison kamen oft über 60.000 Zuschauer ins Olympiastadion - alles vorbei. Berlintypisch hat sich der Verein verspekuliert, die falschen Spieler abgegeben und ebenso falsche geholt und liegt jetzt am Tabellen-Ende - der Abstieg ist kaum noch zu vermeiden.

Aber noch heftiger ist die S-Bahn ein Relikt aus alter Zeit. Seit einigen Jahren wird sie von der Bahn betrieben, die bekanntlich gern an die Börse möchte und der armen Berliner S-Bahn deshalb einen drastischen Sparkurs verordnet hat. Die Folge: Kaum noch Personal in den Werkstätten. Erst gab es Mängel an den Rädern, dann an den Bremsen, jetzt öffneten sich sogar während einer Fahrt die Türen. Immer, wenn das passiert, werden viele Züge aus dem Verkehr gezogen und überprüft. Weil das ständig passiert, fahren die Nahverkehrszüge, auf die täglich Hunderttausende Berliner angewiesen sind, seit Monaten nur eingeschränkt. Allmorgendlich quetschen sich die Berufstätigen in die übervollen Züge, ein Ende ist - typisch Berlin - nicht abzusehen.

Der Berliner reagiert sowohl auf die S-Bahn als auch auf Hertha mit einer Mischung aus Sarkasmus und Gelassenheit, für die er berühmt ist. Er kennt das alles ja von früher. Wenn sich im qualvollen Zug einer aufregt, ist es fast immer ein Zugereister - zumeist aus Bonn, versteht sich.

Autor: Jens Thurau

Redaktion: Kay-Alexander Scholz