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Afrika

Bergstresser: "Die Anschuldigungen sind absurd"

Ein australischer Vermittler beschuldigt zwei einflussreiche Nigerianer, Boko Haram zu unterstützen. Mit diesem Manöver wolle er nur die Regierung schützen, sagt Nigeria-Kenner Heinrich Bergstresser im DW-Interview.

DW: Herr Bergstresser, der Australier Stephen Davis hat in den vergangenen Monaten versucht, zwischen Boko Haram und der nigerianischen Regierung zu vermitteln. Jetzt hat er sich in einem Interview zu den Umständen geäußert, die den Erfolg seiner Vermittlungen bislang torpediert hätten. Davis beschuldigt Ali Modu Sheriff, den ehemaligen Gouverneur des Bundesstaates Borno und jetzigen Senator, und den früheren Armee-Chef Azubuike Ihejirika, Boko Haram zu unterstützen. Können Sie das nachvollziehen?

Heinrich Bergstresser: Nein, das kann ich nicht. Ich sehe es als absurd und fahrlässig an, wenn jemand sich irgendwo auf der Welt hinstellt und diese Personen, die in Nigeria sehr bekannt sind, derart anprangert, ohne weitere Belege zu liefern. Sheriff war zwar ein Geburtshelfer von Boko Haram, bevor sich die Islamisten zu einer Terrorgruppe wandelten. Er hat sie in der Lokalpolitik benutzt um sie dann, nachdem sie ihre Schuldigkeit getan hatten, zu entsorgen. Er hat Boko-Haram-Mitglieder durch staatliche Sicherheitskräfte ermorden lassen.

Zu behaupten, dass genau diese Person Boko Haram jetzt sponsert, ist geradezu abenteuerlich. Der General Ihejirika hat sicherlich dazu beigetragen, dass die Militärs aus dem Kampf gegen Boko Haram ein Geschäftsmodell entwickeln konnten. Denn niemand in der Regierung oder in den oberen Sicherheitsebenen hat ein großes Interesse daran, diesen Anti-Terror-Kampf erfolgreich zu beenden. Es ist unglaublich profitabel, was im vermeidlichen Kampf gegen den Terror an Ressourcen und an Revenuen freigesetzt wird. Das ist geradezu obszön.

Sie glauben also schon, dass Vertreter der Politik und des Sicherheitsapparates die Terrorgruppe unterstützen?

Es gibt innerhalb der politischen und der sicherheitspolitischen Elite genügend Kräfte, die mit dieser Regierung und mit dem Zustand Nigerias unter der jetzigen Führung nicht einverstanden sind. Es gibt Personen, die sind so hasserfüllt, dass sie alles tun, um diese Regierung in Misskredit zu bringen.

Und genau auf die zielt Stephen Davis doch ab, oder?

Meiner Meinung nach ist die Attacke von Stephen Davis ein Ablenkungsmanöver: Er will die Regierung, die nicht Willens war, dem Thema Boko Haram ernsthaft zu begegnen, entlasten.

Davis bezieht sich auf seine eigenen Erfahrungen als Vermittler. Er nennt ein so gut wie ausgehandeltes Friedensabkommen aus dem vergangenen Jahr und eine angebliche Freilassungsaktion für einen großen Teil der in Chibok entführten Mädchen. Beides soll Davis zufolge durch diese sogenannten Sponsoren in letzter Minute verhindert worden sein. Halten Sie das für glaubwürdig?

Damit stellt er sich natürlich ins rechte Licht. Aber gibt keinen einzigen Beleg dazu, warum es tatsächlich gescheitert ist. Ich erinnere daran, dass Olusegun Obasanjo, der ehemalige Staatschef und Ex-General, auch schon einmal eine Initiative zur Vermittlung mit Boko Haram begonnen hatte - er wurde in letzter Sekunde von Präsident Goodluck Jonathan ausgebremst! Ich will damit sagen, dass Davis nicht für sich in Anspruch nehmen kann, die komplette Wahrheit ans Licht gebracht zu haben.

Davis nennt eine sehr einfache Lösung: Verhaftet diese Sponsoren, dann wäre Boko Haram zumindest für eine Weile so geschwächt, dass der Terror deutlich abnehmen würde. Das wäre dann doch Aufgabe der Regierung, die Davis Ihrer Meinung nach in Schutz nehmen möchte.

Das ist ja gerade die Absurdität. Er nennt zwei Personen und meint, wenn die beiden verhaftet würden, wäre das Problem weitgehend gelöst. Diese beiden Personen haben mit dem Sponsoring aber nichts zu tun. Die arbeiten auf einer ganz anderen Ebene. Die echten Sponsoren, die auch in den Regierungskreisen bekannt sind, das sind andere ehemalige Gouverneure aus Nordnigeria. Die müssen zur Rechenschaft gezogen werden. Aber die sind - genau wie Boko Haram selbst auch - in die lokalen politischen Strukturen eingebettet, die sie schützen.

Es ist ein Geschäftsmodell, das beiden Seiten nützt: Boko Haram verdient sein Geld durch Raub, Plünderung und Geiselnahme. Die involvierten Regierungsvertreter und Teile des Sicherheitsapparats verdienen ihr Geld mit Sicherheitsverträgen und dem Ankauf von Waffen, die nie benutzt werden. Das alles passiert zu Lasten der einfachen Soldaten und der Zivilbevölkerung. Das ist ein Skandal. Der Punkt ist: Die Regierung hat momentan gar kein Interesse, dieses Problem wirklich anzugehen. Sie will das Thema in dieser Legislaturperiode, die nur noch wenige Monate andauert, aussitzen. Boko Haram steht nicht oben auf ihrer Prioritäten-Liste. Das sieht man daran, wie die wie die Schülerinnen aus Chibok behandelt werden.

Heinrich Bergstresser ist Journalist und ehemaliger Leiter der Friedrich-Naumann-Stiftung in Nigeria.

Das Interview führte Thomas Mösch.

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