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Wirtschaft

Bergbautechnik: Früher Kohle, jetzt Erdöl

Die Forderung der EU, die Subventionen für den deutschen Steinkohlebergbau schon 2014 zu streichen, schockt nicht alle Bergbauzulieferer. Viele haben schon früh umgesattelt und global neue Absatzmärkte erschlossen.

Eine Bohrinsel in der Nordsee

Auch auf Bohrinseln ist Bergbautechnik im Einsatz

Dem subventionierten deutschen Steinkohlebergbau droht möglicherweise schon 2014 das Aus. Zumindest nach dem Willen der EU, die auf die Streichung der Finanzhilfen drängt. Das würde nicht nur über 5.300 Bergleuten den Arbeitsplatz kosten. In der Zulieferindustrie, schätzen Experten, seien sogar über 10.000 Arbeitsplätze betroffen.

Angesichts der erkennbaren Talfahrt der Kohle haben viele Zulieferunternehmen allerdings längst neue Absatzmärkte erschlossen. So wie der mittelständische Maschinenbauer JD Neuhaus in Witten an der Ruhr.

Hubwerk für schwere Lasten

Hubwerk für schwere Lasten

Der ehemalige Bergbauzulieferer stellt Hebezeuge her, die an ausgesprochen explosiven Einsatzorten bis zu 125 Tonnen Last tragen können. Nämlich auf Off-shore- oder On-shore-Bohrinseln, auf denen Öl oder Gas gefördert wird.

Über Jahrzehnte hinweg, blickt der geschäftsführende Gesellschafter Wilfried Neuhaus-Galadé zurück, lebte das Unternehmen einträglich vom Bergbau. "Als ich kam, das war Mitte der 80er Jahre, hatten wir einen Bergbauanteil im Unternehmen von circa 85 Prozent. Heute haben wir noch fünf bis sechs Prozent Bergbauanteil."

Von Untertage aufs hohe Meer

Davon entfällt der Großteil inzwischen auf den Export nach China und Russland. In diesen Ländern gehört Kohle schließlich nach wie vor zu den wichtigsten Energieträgern. Mit dem Niedergang des deutschen Bergbaus Anfang der 1990er Jahre setzte man bei JD Neuhaus auf die Fördertechniken bei Öl und Gas. Dabei profitierte man letztlich von Innovationen, die man für den Bergbau entwickelt hatte.

Wilfried Neuhaus-Galadé

Wilfried Neuhaus-Galadé

Der wesentliche Teil der heutigen Produktion geht in die Off-shore- und On-shore-Industrie. Dabei handelt es sich um Geräte, mit denen auf Bohrinseln schwere Lasten gehoben werden. Im Prinzip bewegt man sich, erläutert Wilfried Neuhaus-Galadé, auf bekanntem Terrain: "Die Situation auf der Bohrinsel ist im Grunde genommen ähnlich wie unter Tage. Denn auch da ist der Explosionsschutz gefordert, so dass wir nur eine kontinuierliche Weiterentwicklung an der Anwendung zum Bergbau gemacht haben."

Der Anfang des Unternehmens reicht bis ins Jahr 1745 zurück. Deshalb ist der heutige Firmenchef stolz darauf, in Deutschland der älteste Maschinenbauer zu sein, der sich noch in Hand der Gründerfamilie befindet.

Luft schlägt keine Funken

Zwei Schmiede in der alten Produktion bei Neuhaus.

Produktion bei Neuhaus früher...

Ein Maschinenbauer, der im Bergbau technische Maßstäbe gesetzt hat. Die Idee seines Vaters und Vorgängers in der Firmenleitung war es, die vorhandenen Geräte zu motorisieren. Die Bedingungen unter Tage setzten jedoch voraus, dass diese Geräte explosionssicher sein mussten. Also koppelte er die bis dahin eingesetzten manuellen Geräte an einen pneumatischen Motor.

Im Bergbau kam dies vor 60 Jahren einer Revolution gleich. Die Erfolgsformel für diese mit Druckluft betriebenen Geräte, so Wilfried Neuhaus-Galadé, lautete: "Luft macht keine Funken. Das ist der einfache Werbespruch, den mein Vater schon 1952 in die Welt gesetzt hat."

Im Unterschied zu pneumatisch, also mit Druckluft betriebenen Geräten, können bei Elektromotoren Funken entstehen. Und die können, angesichts des explosiven Gas-Luftgemisches, verheerende Folgen haben. Nicht nur unter Tage, sondern ebenso auf Bohrinseln, auf denen Gas oder Öl gefördert werden.

Neuhaus-Mitarbeiter vor einer modernen Produktionsmaschine.

... und heute.

Mit dem Niedergang des deutschen Steinkohlenbergbaus setzte man bei JD Neuhaus darum früh auf die Weiterentwicklung und Fertigung von Geräten für ganz spezielle Einsätze auf Bohrinseln. Insbesondere um das Heben und Verfahren eines Blow-Out-Preventers, der das Ausströmen etwa von Gas, Wasser oder Öl verhindern soll. Eben all dem, was im Bohrgeschäft unter hohem Druck unter der Erde lagert.

Kundenkreis reicht von Chemie bis zu Tunnelbau

Im Prinzip, so Wilfried Neuhaus-Galadé, handelt es sich bei einem Blow-Out-Preventer um ein großes Ventil. "Man muss sich das vorstellen als einen zylindrischen Körper, der rechts und links entsprechende Zangen hat. Diese Zangen verschließen das Rohr, wenn Gas oder Öl auszuströmen drohen."

Luftbild der Zentrale von JD Neuhaus in Witten an der Ruhr

Zentrale von JD Neuhaus in Witten

Ausgelegt sind diese Geräte auf einen Einsatz bis zu einer Tiefe von 150 Metern. Hebezeuge von Neuhaus sind auf Bohrinseln in der Nordsee, vor der Küste der Emirate und auch im Golf von Mexiko im Einsatz. Am Standort Witten beschäftigt das Unternehmen 130 Mitarbeiter. Und da die Drucklufthebezeuge weltweit gefragt sind, ist JD Neuhaus mit vier Tochtergesellschaften in den USA, Großbritannien, Frankreich und Singapur vertreten. Der Jahresumsatz beläuft sich auf rund 30 Millionen Euro.

Die Ölbranche macht inzwischen den Großteil des Geschäfts aus. Doch auch andere Unternehmen gehören zum festen Kundenkreis. Explosionsschutz spielt beispielsweise in der chemischen Industrie eine ganz entscheidende Rolle, außerdem im Tunnelbau. "Wir sind auch im Gotthard-Tunnel tätig. Auch mit großen Einheiten mit 25 Tonnen Tragfähigkeit. Wir werden in den nächsten Tagen aus dem Gotthard-Tunnel hier Geräte zur Generalüberholung bekommen."

Wie immer die Zukunft des deutschen Steinkohlebergbaus aussehen mag: Für deutsche Zulieferunternehmen, die sich rechtzeitig neu ausgerichtet haben, gibt es weltweit genug zu tun.

Autor: Klaus Deuse

Redaktion: Andreas Becker