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Kultur

Berechtigte Ängste oder bloßes Vorurteil?

Das Volksbegehren in der Schweiz gegen den weiteren Bau von Minaretten hat weltweit für Aufsehen gesorgt. Es gab Empörung, aber auch Verständnis. Deutschland diskutiert nun über mögliche Konsequenzen.

Beleuchtete Spitze eines Minarettes vor blauem Himmel (Foto: AP Photo/ Keystone, Alessandro Della Bella)

Minarett in Zürich

Einmal mehr wurde hier deutlich, wie tief die Gräben zwischen Orient und Okzident, zwischen dem Islam auf der einen und den christlich geprägten Gesellschaften auf der anderen Seite noch sind. "Die Menschen in der Schweiz haben sich gegen die Sharia entschieden. Und wir denken, das war eine richtige Entscheidung." Das Fazit, das die Iranerin und ehemalige Muslima Mina Ahadi anlässlich des Schweizer Volksbegehrens zieht, lässt an Deutlichkeit keinen Zweifel.

Portrait von Mina Ahadi vom Zentralrat der EX-Muslime (Foto: ZdE)

Mina Ahadi

Für die Vorsitzende des Zentralrates der Ex-Muslime sei die Ablehnung nur eines: der Ausdruck berechtigter Ängste der Menschen gegenüber dem Islam, wie er sich derzeit präsentiert. Für Frau Ahadi werden Minarette und Moscheen bewusst zu politischen Symbolen stilisiert. Jeder Mensch dürfe beten, doch islamische Organisationen versuchten Macht und Einfluss über Religion zu gewinnen, wie auch im Iran und im gesamten Nahen Osten zu sehen sei.

Unwissen und Vorurteile

In dem Volksentscheid, der sich gegen den weiteren Bau von Minaretten ausspricht, spiegelt sich nach Meinung von Soziologen vor allem eines – und dies ganz abseits jeglicher fremden- und islamfeindlicher Gesinnung: Die Menschen haben Angst. Zum einen wisse die Bevölkerung wenig über die islamische Religion an sich. Sehr wohl aber seien ihnen die Auswirkungen bekannt, wenn, wie in islamisch geprägten Ländern, mit Religion Politik gemacht wird, wenn es keine Trennung zwischen Staat und Religion gibt, sondern die Sharia, das im Koran verankerte islamische Recht, das Leben der Menschen bestimmt. So wird in der islamischen Welt die Abkehr von der Staatsreligion und Hinwendung zu einer anderen Glaubensrichtung schwer, mitunter gar mit dem Tod bestraft. Andere Religionsgemeinschaften werden kaum oder gar nicht geduldet, der Bau von Kirchen ist fast immer streng verboten.

Kardinal Karl Lehmann im Gespräch (Foto: DW/ Vincent Mosch)

Kardinal Karl Lehmann

Das kritisiert auch Karl Kardinal Lehmann, bis 2008 Vorsitzender der katholischen Deutschen Bischofskonferenz. Man habe von christlicher Seite immer großen Wert drauf gelegt, dass es eine Wechselseitigkeit der Anerkennung bräuchte. Lehmann hat keine Schwierigkeiten damit, wenn hier in Deutschland Moscheen gebaut werden. Man könne auch in Rom eine große Moschee bauen. Aber dann sollten Christen nicht im hintersten Winkel in Saudi-Arabien eine Eucharistie-Feier abhalten müssen und damit der Gefahr ausgesetzt sein, verhaftet zu werden. Diesbezügliche Gespräche, etwa mit dem Weltrat des Islam, bezeichnet Lehmann als sehr enttäuschend.

Widerstand gegen Stimmungsmache

Nun bestehe, warnen Religionssoziologen, die Gefahr, dass rechtsextreme Kreise in Deutschland den Schweizer Volksentscheid für ihre politischen Zwecke instrumentalisierten und Ängste und Vorbehalte gegen den Islam schürten. Unter dem Titel "Nein zur Islamisierung – nein zur Kölner Großmoschee" hatte beispielsweise die rechtsextreme Bürgerbewegung "Pro Köln" versucht, den Bau einer Moschee in der Domstadt zu verhindern. Gegen die Intoleranz hatte sich in der Bevölkerung breiter Widerstand formiert, darunter auch von den beiden großen Kirchen. Ein Bündnis aus Pfarrern, Gemeinderäten, Vertretern von Caritas und Diakonie sowie christlichen Jugend- und Seniorenverbänden riefen dazu auf, der rechtsextremen Hetze entgegenzutreten. Der Protest durchzog alle Kölner Kirchengemeinden und Institutionen.

Auch der Islam muss sich Reformen öffnen

Demo ProKöln. Seitdem die Pläne zum Bau der Moschee öffentlich, protestiert die kommunale Partei Pro Köln (Foto: DW/ Michael Borgers)

Demonstration Pro Köln

Mit großer Sorge nähmen die christlichen Kirchen die Kräfte wahr, die die kulturelle Vielfalt des christlichen Glaubens und den Respekt vor anderen Religionsgemeinschaften nicht würdigten, sondern einschränken und bekämpfen wollten, so Hannelore Bartscherer, die Vorsitzende des Katholikenausschusses für die Stadt Köln. Gerade in Köln galt und gilt die Öffentlichkeitsarbeit der muslimischen Religionsgemeinschaften und Interessenverbände als beispielhaft, die meisten haben hier ihre Zentrale. Gemeinsam mit den Kirchen wurde das Motto ausgerufen: "Keine Toleranz gegen die Intoleranten". Denn Rechtsextreme stellen den Islam mit Islamismus und Terrorismus gleich und nutzen die Ängste in der Bevölkerung. Stattdessen müssten alle Religionsgemeinschaften, die sich für Frieden und Gerechtigkeit einsetzten, ihren unumstrittenen Platz in der Stadt haben – auch mit einer Moschee und einem Minarett.

Die Akzeptanz, die Islamvertreter für ihre Religion von der westlichen Gesellschaft erwarten, müsse aber auch umgekehrt und vor allem in deren Heimaltländern zum Ausdruck kommen, fordern Religionswissenschaftler. Solange Machthaber den Islam für ihre politischen Zwecke missbrauchten, ihren religiösen Alleinvertretungsanspruch weiter festigten und sich jeder Reform im Sinne von mehr Freiheit und gegenseitigem Respekt widersetzten, solange würden auch die Vorbehalte gegen den Islam nicht abnehmen.

Autor: Peter Kolakowski

Redaktion: Klaus Krämer

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