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Filme

Berben: "Zugang zum Terrorismus"

Im Film "Es kommt der Tag" spielt Iris Berben eine Ex-Terroristin, die ihre Tochter zur Adoption gab. Die Schauspielerin über den Film und die Zeit, als Terrorismus etwas anderes bedeutet hat.

Iris Berben blickt in einer Filmszene in die Kamrea, stützt sich auf die Hände (Zorro Film GmbH)

Iris Berben als Judith

DW-World: Es gibt ja inzwischen fast ein Genre "Terroristen-Film". Mit "Schattenwelt" und "Es kommt der Tag" werden jetzt erstmals Geschichten aus der Perspektive der Opfer erzählt. War das für Sie ein Anreiz, das Genre Terroristenfilm zu erweitern?

Iris Berben: Mir geht es weniger um das Genre als um die Komplexität des Themas. Für vieles gibt es so eine Art Aufarbeitungszeit, die sich häufig um ein bestimmtes Datum herum manifestiert. Da wird dann plötzlich alles erledigt, und es ist dann alles abgearbeitet. Zu diesen Erinnerungsdaten häufen sich dann auch Formen von kulturellem Umgang. Egal ob es sich um Literatur handelt oder um Film, ob um Lesungen oder um Diskussionen. Ich finde, die Komplexität dieses Thema der ´68er ist riesig.

Die Ursachen des Terrors erforschen

Iris Berben verlegt im Haus Fliesen, kniet auf dem Boden (Zorro Film GmbH)

Rückzug ins bürgerliche Leben

Das wird auf der einen Seite von vielen eher konservativen Menschen schlagartig besetzt mit dem Wort "Terror". Da macht man sich gar nicht mehr die Mühe, etwas zu erklären: Wie ist es eigentlich zu dieser Idee gekommen? Viele diskutieren heute nur noch im Zusammenhang mit dem Wort "Terror" und mit dem, was mit Terroranschlägen dann zerstört wurde. Insofern denke ich, geht es um eine Komplexität, die uns die Möglichkeit gibt, wieder einen Zugang zu dem Thema zu finden. In dem Film findet dies statt über eine sehr persönliche, eine sehr private Geschichte. Das ist eine Möglichkeit, etwas über diese Zeit zu erzählen, über Menschen, die alle politisch motiviert waren. Es war nicht nur eine große Ideologie, die sich da politisch manifestierte. Es gab ganz unterschiedliche Aspekte, warum Leute da eine Art politische Heimat fanden. Davon sollte erzählt werden.

An einer Stelle im Film werfen sie ihrem Sohn vor, zu hedonistisch zu sein. Würden Sie dies auch der Jugend heute vorwerfen?

Einerseits sind unsere Kinder auch das Resultat unserer heutigen Lebensform, zu der wir uns ja bekannt haben. Ich habe einen 38jährigen Sohn, ich kenne diese Gespräche sehr gut. Mein Sohn hat irgendwann mal zu mir gesagt: "Worum ich dich wirklich beneide, ist die Zeit damals, weil da alles viel konkreter war." Die Kinder mussten sich konkreterer abnabeln. Heute sind wir uns, ob es in der Musik ist, in der Mode oder bei sonstigen Einstellungen, sehr nahe.

Iris Berben, Sebastian Urzendowsky und Katharina Schüttler sitzen beim Essen am Tisch (Zorro Film GmbH)

Konfrontation mit den Kindern: Iris Berben, Katharina Schüttler, Sebastian Urzendowsky

Wogegen lehnt man sich da auf? Also, die Eltern sind es nicht mehr unbedingt. Es sei denn Du hast ein wahnsinnig konservatives Elternhaus. Aber es ist ja nicht mehr diese große, konkrete Haltung da, wie in den Nachwehen nach dem Zweiten Weltkrieg, wo nach dem Wiederaufbau in Deutschland viele Menschen in den gleichen Positionen weiter agierten. Da hat ja kaum jemand gefragt: "In welcher Position warst du eigentlich früher? In welcher Verantwortlichkeit?"

Nachdenken über Gewalt

Das hat sich aber heute natürlich verändert?

Die Diskussionen heute, die drehen sich um Umwelt oder Migration. Das macht es auch schwerer für Jugendliche. Wir leben in einer Zeit, wo mir ein 20jähriger bereits erklären kann, was er wann wo einzahlen muss, um mit 55 welche Rente zu kriegen. Ich bin 59, ich schwöre Ihnen, ich weiß es bis heute nicht. Auch das ist ein Zeichen der Zeit. Wenn ich mir allerdings die Nachrichten anschaue und heute in den Iran schaue, dann überlege ich auch: Wie geht man damit um? Eine Opposition geht endlich auf die Straße, weil der Machtanspruch dort in einer so zynischen Weise gelebt wird. Wo wird das hinführen?

Und dann kommt mir auch der Gedanke: Wie viel Gewalt kann jetzt auch auf Seiten der Opposition entstehen? Muss es immer erst etwas so Konkretes sein, was Dich in Deiner Freiheit, in Deinen Rechten, in Deiner Lebensvorstellung so einengt, dass man auf die Straße gehen muss? Da bin ich selber etwas hilflos. Oder schauen wir auf uns! Wirtschaftskrise und Insolvenz! Insolvenz ist in der Zwischenzeit ja fast ein Kosewort geworden. Es hat ja jeden Schrecken verloren. Alles bricht weg. Und ich stelle fest: Es ist aber erstaunlich ruhig hier! Man könnte jetzt fordern: "Hebt Euren Arsch und macht was!" Gleichzeitig wissen wir, dass alles sehr komplex und miteinander vernetzt ist, weltweit. So dass man sich fragt: "Wo und wie kann man da ansetzten?"

Katharina Schüttler schmeißt ein Molotow-Cocktail (Zorro Film GmbH)

Aufruhr der Jugend: Alice (Katharina Schüttler) auf den Spuren der Mutter

In einer Szene im Film sieht Ihr Charakter Judith zahlreiche Kopien auf einem Feld: Ein hundertfacher Steckbrief, angebracht von ihrer anklagenden Tochter. Ist das für Judith der Punkt, an dem sie sich ihrer eigenen Vergangenheit stellen muss?

Das denke ich nicht. Denn die Frage hat sich für sie schon vorher gestellt. Eigentlich steht jetzt ihre Familie im Mittelpunkt, der Mann mit den zwei Kindern. Das ist ja so ein Art Schutzwall für Judith. Während des Drehs hatte ich immer das Gefühl von einem Parallelleben. Judith hatte das andere Leben schon. Dann kam ein Verdrängungsprozess. Anders wäre es für sie nicht möglich gewesen, so unterzutauchen. Als die Fotos auf dem Feld hängen, weiß sie: "Jetzt ist der Moment, wo Du die Fäden nicht mehr in der Hand hast." Sie ist entblößt. Ich fand es ganz toll geschrieben, wie bei ihrem Mann dadurch diese Wut entsteht, weil er nur teilweise eingeweiht war in ihr Leben. Er ist dann derjenige, der die Fäden in die Hand nehmen will.

Ein philosophisches Thema

Verdient jeder Mensch eine zweite Chance?

Grundsätzlich ja. Das lässt ja auch das Ende des Films offen. Damit ist auch der Zuschauer gefordert. Denn er muss weiter denken: Was macht sie nun? Ich glaube, es ist kein Geheimnis, dass die Autorin und ich unterschiedlicher Meinung sind. (Lacht...) Sie glauben nicht, wie wir darüber diskutiert haben! Es gibt einmal die moralische Verantwortung, die man, glaube ich, einer Gesellschaft gegenüber hat, in der wir aufgewachsen sind. Und die sagt natürlich: "Für das Unrecht, was wir begangen haben, müssen wir bestraft werden."

Katharina Schüttler sitzt am Tisch und blickt in die Kamera (Zorro Film GmbH)

Fragen an die Mutter: Alice

Im Film würde sie drei weitere Menschen bestrafen, wenn sie sich stellte. Sie würde das Leben ihrer Familie zerstören. Es ist eine Frage, die ich mir seit diesem Film weiterhin stelle. Ich behaupte, Judith stellt sich. Ich wünsche ihr aber, dass sie einfach verschwindet. Moralisch haben wir ja keine Schwierigkeit, das einzufordern, zu sagen: "Da ist ein Leben zerstört worden! Und es ist egal wann, du musst dafür zur Rechenschaft gezogen werden!" Aus der Distanz heraus muss man aber auch begreifen: Wo steht sie heute? In welchem Kontext steht sie? Das ist im Grunde genommen ein philosophisches Thema.

Gibt es für sie im Film einen Schlüsselmoment zwischen Mutter und Tochter? Einen Moment, wo Alice Judith als Mutter anerkennt und umgekehrt?

Ich glaube nicht, dass es einen gemeinsamen Moment gibt. Judith hat diesen Moment viel früher gehabt als Alice. Für Alice geht es zunächst um eine reine Anklage. Es geht darum, dass die Mutter sie allein gelassen hat. Aber sie will sie ja gar nicht als Mutter ansehen.

Filmplakat: Schriftzug des Filmtitels mit Fotos der Darsteller über grüner Landschaft (Zorro Folm GmbH)

"Es kommt der Tag"

Thema Terrorismus schon zu Karrierebeginn

"Es kommt der Tag" ist bereits Ihr zweiter Film zum Thema Terrorismus. 1969 haben Sie unter der Regie von Klaus Lemke "Brandstifter" gedreht. Mit welchem Gefühl sind Sie damals an den Film gegangen?

"Brandstifter" war im Grunde genommen eine Momentaufnahme des eigenen Lebens. Der Kaufhausbrand in Frankfurt von Baader und Ensslin war die Vorlage dafür. Und es ist meine eigene Geschichte gewesen. Ich bin damals in Hamburg zwei Jahre beim SDS (Sozialistischer Deutscher Studentenbund) rumgeturnt, habe Demos mitorganisiert und Springerhäuser besetzt. Wir haben alles niedergehauen, was in unsere Finger kam. Ich war eine Mitläuferin, die Instinkt hatte, aber kein politisches Statement geben konnte. Nach elf Jahren Internat tat mir diese Nähe gut. Im Internat wurde ja jede Frage im Keim erstickt.

Plötzlich gab es einen Aufbruch von Menschen, die sagten: "Ne, da muss man nachhaken! Wieso soll der Recht haben, nur weil er in einer bestimmten Position ist?" "Brandstifter" hält die Befindlichkeit in unserem Land fest. Und ich konnte dabei sein und habe eher holpernd, stolpernd meine eigenen Texte gesprochen. Im Grunde habe ich versucht, mich als 18jähriges Mädchen wiederzugeben, was mir später jahrelang peinlich war. Wenn ich es heute sehe, finde ich es Klasse. Weil ich denke: "Ja, es ist Eins zu Eins umgesetzt. So war es, so war ich! Selbst mit dieser Piepsstimme."

Das Gespräch führte Bernd Sobolla

Redaktion: Jochen Kürten

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