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Politik

Berüchtigtes Ex-Folterzentrum wird der Öffentlichkeit zugänglich

Die Marineschule ESMA war das größte Folterzentrum der argentinischen Militärdiktatur. Mehr als 20 Jahre nach dem Ende der Diktatur zieht das Militär aus. Ein Rundgang mit einem Überlebenden durch die Stätte des Terrors.

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Die ESMA an der Avenida del Libertador

Es ist ausgerechnet die dem argentinischen Helden der Unabhängigkeit, General San Martín, gewidmete Avenida del Libertador, die zu jenem Ort führt, der zu einem Symbol für Terror und Verbrechen an der Menschlichkeit geworden ist. Die ESMA (Escuela de Mecánica de la Armada Argentina) liegt nicht weit vom Stadtflughafen der argentinischen Hauptstadt Buenos Aires entfernt. Das Areal der Marineschule ist 17 Hektar groß, insgesamt erheben sich 35 zum Teil schmucke, frisch geweißelte Gebäude. Dazwischen stehen stattliche Palmen und edle Nadelbäume auf sattgrünem Rasen. Stadtführer erzählen, dass ahnunglose Touristen gerne staunend fragen, was man denn nettes in diesen Gebäuden untergebracht habe.

Falsche Idylle

Die Antwort macht sie dann meist etwas verlegen. Von den mehr als 340 Folterzentren der argentinischen Militärdiktatur war die ESMA die größte. 5000 Menschen sollen dort zwischen 1976 und 1983 systematisch gequält und dann ermordet worden sein. Nur rund zweihundert kamen nach Schätzungen von Menschenrechtsorganisationen mit dem Leben davon.

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Das Offizierskasino der ESMA. Im Keller wurde gefoltert, im zweiten Stock wohnten die Offiziere, im dritten schließen die Häftlinge

Victor Basterra war vier Jahre und fünf Monate in der ESMA. Sechs Stunden hatte er 1984 im Prozess gegen die Junta-Mitglieder ausgesagt, in den folgenden zwanzig Jahren hat er seine Geschichte Schülern, Studenten, Journalisten, Politikern oder Menschenrechtlern aus der ganzen Welt erzählt. Er lernte, das erlebte Schrecken in nüchterne, knappe Sätze zu packen. Doch am Tatort selbst, auf dem Gelände der ESMA, ist es etwas anderes. "Wenn ich hier wieder stehe erscheinen Bilder auf den Mauern und Wänden von denjenigen mit denen ich eingesperrt war und die spurlos verschwanden. Ich höre ihre Schreie und ich bekomme Gänsehaut."

Militärdiktatur in Argentinien - Jorge Rafael Videla

Der ehemalige Junta-Chef: Jorge Videla

Für den 60-Jährigen ist die Rückkehr an den Schreckensort aber wichtig, um das Geschehene zu verarbeiten. Bis vor einem Jahr war das noch undenkbar. Das Militär bildete auch nach dem Ende der Dikatatur tausende Marineschüler auf dem Gelände aus, so als sei dort nichts passiert - Zivilpersonen hatten keinen Zutritt. Dann kam Präsident Nestor Kirchner und machte die Menschenrechtspolitik zu einem der Schwerpunkte seiner Amtszeit. Zum letztjährigen Jahrestag des Militärputsches am 24. März ordnete er an, einige Gebäude der ESMA zu räumen. Das Militär gehorchte missmutig und hängte nur widerwillig das Porträt von Ex-Junta-Chef Jorge Videla von den Wänden.

Herzstillstand im Folterkeller

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Victor Basterra im ehemaligen Folterkeller

Victor besichtigte seitdem einige Male die ehemaligen Folterräume. Sie waren im dreistöckigen Offizierskasino untergebracht. Dorthin war Victor im August 1979 mit seiner Frau und seiner zwei Monate jungen Tocher in die ESMA gebracht worden. Männer in Zivil mit schweren Waffen drangen in die Wohnung ein, zogen ihren Opfern Kapuzen über den Kopf und brachten sie dann umgehend in die ESMA. Meist nutzten sie dafür gestohlene Autos der Marke Ford Falcon. "Selenio, Selenio", funkten sie dann in die Esma-Zentrale, das war der Code dafür, dass neue Häftlinge gebracht wurden. Basterra gehörte damals einer regimekritischen Gruppe an, die nach seinen Angaben jedoch auf die Anwendung von Gewalt verzichtet habe.

Seine Frau und seine Tocher wurden nach einer Woche freigelassen. Er dagegen blieb und wurde wie die meisten anderen in den "Sotano" geschafft, den Folterkeller. Dort gab es einen Raum, dessen Wände mit Eierkartons beklebt waren. "Die Schreie wurden dadurch aber trotzdem nicht abgedämpft", erzählt Victor. Meist drehten die Folterer das Radio auf volle Lautstärke. "Sie verpassten mir Elektroschock an allen sensiblen Körperteilen - an den Augen, Genitalien, Brustwarzen oder Zehnägeln. Zwei Mal blieb mein Herz stehen. Sie wollten Namen und Adressen von anderen Regimegegnern."

Lesen Sie im zweiten Teil, wie Victor Basterra wieder in Freiheit kam.

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