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Wissen & Umwelt

Beobachtungssatellit Envisat funkt nicht mehr

Er hat viel gesehen von der Welt. Mehr als 52.000 mal hat er die Erde umkreist und zehn Jahre lang Unmengen an wertvollen Umweltdaten gesammelt. Jetzt ging der größte europäische Erdbeobachtungssatellit verloren.

ARCHIV - Der europäische Erdbeobachtungssatellit Envisat im Weltall (undatiertes Handout). Europas größter Erdbeobachtungssatellit «Envisat» sendet nach zehn Jahren im Dienst plötzlich keine Daten mehr zu Erde. Der Kontakt sei abgebrochen, teilte die europäische Raumfahrtorganisation Esa in Paris mit. Foto: ESA (Zu dpa «Kontakt zu Umweltsatellit «Envisat» abgebrochen» vom 12.04.2012) +++(c) dpa - Bildfunk+++

Deutscher Umwelt-Satellit Envisat

Es ist gut einen Monat her, da kam in der Europäischen Raumfahrtorganisation ESA Unruhe auf. Europas größter Umweltsatellit war auf einmal nicht mehr zu erreichen. Alle Versuche der Ingenieure, den Kontakt mit dem Satelliten Envisat wieder herzustellen, blieben erfolglos. Der 8,2 Tonnen schwere Trabant gab kein Lebenszeichen mehr von sich. Zwischen dem größten jemals geflogenen Erdbeobachtungssatelliten und der Bodenstation herrscht seitdem Funkstille. Jetzt erklärte die ESA die "Envisat"-Mission für beendet.

Dabei hielt der Satellit viel länger aus, als die Forscher bei seinem Start am 1. März 2002 zunächst für möglich gehalten hatten. "Satelliten werden immer mit einer bestimmten Lebenserwartung ins All geschickt", erklärt Johann-Dietrich Wörner, Vorstandsvorsitzender des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR). Als der über zwei Milliarden teure Envisat vor zehn Jahren ins All startete, sei man lediglich von einer Lebensdauer von fünf Jahren ausgegangen.

Was die Raumfahrtexperten jetzt beunruhigt, ist vielmehr die Tatsache, dass der Satellit nun frei im All herumschwirrt. Problematisch werde es vor allem dann werden, wenn er mit Meteoriten oder anderen Bruchstücken zusammenstoße. Unklar ist den Forschern, warum der Umweltsatellit so plötzlich versagt hat. "Über die möglichen Gründe gibt es derzeit noch keine endgültige Klarheit", bedauert Wörner. Für den Ausfall von Envisat sind die unterschiedlichsten Ursachen vorstellbar: von einem normalen Alterungsprozess bis hin zu einer Kollision mit einem Meteoriten, bei der zentrale Bauteile zu Schaden gekommen sein könnten.

Multifunktions-Satellit

Wie sich bereits am Namen ableiten lässt, wurde "Envisat" (vom englischen Wort "Environment" für Umwelt) zur Umweltbeobachtung eingesetzt. "Er konnte zum Beispiel die Feuchtigkeit in der Erdatmosphäre und auch die Oberflächentemperatur des Meeres sehr genau messen", so Wörner. Mit einem speziellen Radarsystem habe der Satellit auch bei ungünstigen Wetterbedingungen, zum Beispiel bei starker Bewölkung, funktioniert. Außerdem konnte er unabhängig vom Tageslicht arbeiten. "Ein großer Vorteil", schwärmt Wörner, der Envisat auch einen "Multifunktions-Satelliten" nennt.

Insbesondere im Bereich des Katastrophenmanagements konnte der in etwas mehr als 750 Kilometern Höhe schwebende Satellit für die Forschung wichtige Informationen und Daten liefern, beispielsweise nach einem Erdbeben. Mit seinen Kameras und Spektrometern konnte Envisat ziemlich genaue Aufnahmen der lokalen Ereignisse machen. "Etwa, wo die meisten Häuser zerstört wurden oder an welcher Stelle Waldbrände entstanden sind", erklärt Wörner.

Eine Aufnahme des europäischen Satelliten Envisat zeigt den Ölteppich im Golf von Mexiko am 02.05.2010. (Foto: ESA)

Nach der Explosion der Ölplattform Deepwater Horizon im Golf von Mexiko: Envisat hat den Forschern gezeigt, wie groß der entstandene Ölteppich war.

Diese Daten konnten dabei helfen, schneller auf Umweltveränderungen zu reagieren. "Wenn im Anschluss an ein Erdbeben eine Flutwelle drohte, hätte sich hierfür auch der Wasserspiegel verändern müssen." Und da der Satellit in der Lage war, genaue Aufnahmen der Meeresoberfläche zu machen, konnte man vor drohenden Flutwellen schneller warnen. In Indonesien habe dies in der Praxis schon ganz gut funktioniert, versichert der Experte.

Gut hundert Minuten brauchte der "Öko-Polizist im Weltraum", um die Erde einmal zu umrunden - "etwas mehr Zeit, als die Internationale Raumstation ISS mit ihren Astronauten benötigt", erklärt Wörner. An welcher Stelle sich der Satellit gerade befand, konnten die Experten mit einem am Satelliten installierten Laserspiegel exakt feststellen.

Ersatz gesucht

Zurzeit arbeiten die Luft- und Raumfahrtexperten noch an einem Nachfolger für Envisat. Bereits im kommenden Jahr soll eine ganze Familie kleinerer Satelliten ihre Reise antreten. "Sentinels" (auf deutsch: Wächter) heißt die neue Generation von Umweltsatelliten, die die ESA in einem gemeinsamen Projekt mit der Europäischen Kommission 2013 in die Umlaufbahn schicken möchte. Von denen sei jedoch keiner so groß und komplex wie Envisat. Die Experten arbeiten nun unter Hochdruck. Denn durch das Fehlen von Envisat ist laut Wörner eine echte Lücke entstanden.

Noch hundert Jahre oder länger wird der bislang größte Umweltsatellit Europas weiter als Weltraumschrott seine Runden um den Erdball drehen. "Er wird nicht auf die Erde stürzen", versichert Wörner. Trotzdem tüfteln die Weltraumexperten an einer Mission, um Envisat und andere "unkooperative Satelliten" irgendwann einfangen zu können. Allerdings werde das noch einige Jahre dauern. "Die Technologie dafür ist viel schwieriger, als man das vielleicht bei Armageddon gesehen hat", sagt Johann-Dietrich Wörner lachend.

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