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Asien

Belohnung fürs Vergessen des "35. Mai 1989"

In China gibt es immer noch Stimmen gegen das Vergessen des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989. Offenbar versucht die Regierung jetzt, diese Stimmen mit Geld zum Schweigen zu bringen.

Panzer der chinesischen Armee kontrollierten am 06.06.1989 die Changan-Straße, die zum Platz des Himmlischen Friedens führte. (Foto: dpa)

Die Volksbefreiungsarmee ging gegen das eigene Volk vor

"Acht mal acht", "35. Mai 1989" oder die römischen Zahlen "VI" und "IV" - in China stehen diese Begriffe für den Tag, an dem die chinesische Regierung blutig gegen friedlich protestierende Studenten vorging. Denn der Begriff "64" - eine Anspielung auf das Datum des Massakers auf dem Platz des Himmlischen Friedens am 4. Juni 1989 - ist seit 22 Jahren tabu. Deswegen kreieren raffinierte chinesische Internetuser solche Synonyme, um die Zensur zu umgehen.

Ähnlich wie bei den aktuellen Umbrüchen in der arabischen Welt protestierten chinesische Studenten im Juni 1989 für mehr Freiheit und Demokratie. Anlass für den Protest gab es genug: Die Lebensmittelpreise stiegen Ende der 1980er Jahre in nie gekannte Höhe. Die Studenten kritisierten, dass die Machthaber und deren Angehörige mit ihren Sonderprivilegien im damaligen planwirtschaftlichen System kräftig abgesahnt hätten.

Obwohl die Studenten friedlich demonstrierten, entschied sich die chinesische Regierung, die Volksbefreiungsarmee gegen das eigene Volk einzusetzen. Panzer fuhren auf dem Tiananmen-Platz, wie der Platz des Himmlischen Friedens im Chinesischen heißt, rücksichtslos in die Menschenmenge. Schüsse fielen. Die anfangs von den offiziellen Stellen als "diszipliniert zurückhaltend" bezeichnete Armee zeigte ihr zweites Gesicht. Vorsichtige Quellen schätzen die Zahl der Opfer auf "nur" einige hundert. Andere Quellen sprechen von bis zu 2.000 Toten.

Entschädigung nach 22 Jahren?

Archiv: Eine andere Tiananmen-Mutter Ding Zilin trauerte um den Tod ihres Sohnes 2008. (Foto: AP/Greg Baker)

Die "Tianamen-Mütter" fordern Gerechtigkeit - der Staat bietet ihnen Geld

Nach dem Massaker gründeten die Mütter einiger Opfer die Organisation "Tiananmen Muqin" - auf Deutsch "Mütter von Tiananmen". Die Frauen verlangen seit Jahrzehnten öffentlich ein juristisches Verfahren gegen die verantwortlichen Machthaber und Drahtzieher des Massakers. Seit ihrer Gründung wird die Organisation von der chinesischen Regierung beobachtet und hat mit zahlreichen Repressionen zu kämpfen.

Jetzt, kurz vor dem 22. Jahrestag des Massakers, gaben die "Mütter von Tiananmen" bekannt, dass die chinesische Regierung offenbar versucht hat, eine Opferfamilie durch finanzielle Entschädigung zum Schweigen zu bringen. Xu Jue, eine der Tiananmen-Mütter, sieht es als Provokation, dass die chinesische Regierung den Verlust der Kinder nun mit Geld wieder gut machen wolle: "Die Regierung schuldet uns Gerechtigkeit, spricht aber nur von Geld. Wie kann sie das Leben unserer Kinder mit Geld gleichsetzen? Ist das nicht eine Art Beleidigung uns gegenüber?"

Nach Angaben der "Mütter von Tiananmen" hätten die Sicherheitsbehörden einer Opferfamilie eine Entschädigungszahlung angeboten. Die Familie habe daraufhin umgerechnet etwa 320.000 Euro gefordert. Bisher hätten die Behörden auf diese Forderung jedoch noch nicht reagiert, hieß es weiter.

Hoffnung für China?

Archiv: Bao Tong neben dem Foto des Parteisekretärs Zhao Ziyang. (Foto: AP/Ng Han Guan)

Bao Tong: Entschädigung ist Schuldbekenntnis des Staates

Bao Tong war im Sommer 1989 ein enger Mitarbeiter des damaligen Generalsekretärs der Kommunistischen Partei Chinas, Zhao Ziyang. Der hatte damals Verständnis für die protestierenden Studenten gezeigt - und war anschließend entmachtet worden.

Bao bewertet die Bereitschaft der chinesischen Regierung, die Angehörigen der Opfer zu entschädigen, als ein Schuldbekenntnis des Staates. Die Regierunge denke jetzt über eine Kompensation nach und gebe damit zu, dass der Fehler beim Staat gelegen habe, so Bao Tong. Die chinesische Regierung hätten eine solche Entschädigung nie in Erwägung gezogen, wenn sie ihre Entscheidung von vor 22 Jahren immer noch für richtig halte. "Das militärische Vorgehen gegen das Volk entspricht nicht dem Grundsatz einer Volksrepublik. Wenn wir uns öffentlich zu diesem Grunsatz bekennen und ihn leben, gewinnt China an Hoffnung", sagt Bao.

Vollständige Aufklärung gefordert

Archiv: 1989 wurde auf dem Tiananmen-Platz eine Statue der Göttin der Demokratie aufgestellt. (Foto: AP/Jeff Widener)

1989 forderten friedlich demonstrierende Studenten mehr Freiheit und Demokratie

Allerdings bekommt die Tiananmen-Mutter Xu Jue die Unterdrückung durch den Staat noch immer am eigenen Leib zu spüren. Eine Woche vor dem Jahrestag bekam sie Besuch von der Sicherheitsbehörde. Ihr wurde verboten, das Haus zu verlassen und am Grab ihres Sohnes zu trauern.

Xu und andere Mütter von Tiananmen halten an ihrer Forderung gegenüber dem chinesischen Staat fest. Sie verlangen eine vollständige und lückenlose Aufklärung des Massakers sowie rechtliche Konsequenzen gegen die Verursacher des Grauens. Außerdem fordern sie eine Entschädigung für alle Angehörigen der Opfer vom "35. Mai 1989" - wie das Datum im chinesischen Internet heißt.

Autor: Jun Yan
Redaktion: Dang Yuan

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