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Welt

Bell: "Sie sollen nicht in meinem Namen töten"

In einem offenen Brief in der "New York Times" haben Überlebende des Holocaust die Offensive Israels im Gazastreifen als "Genozid" verurteilt. Die 1923 in Hamburg geborene Edith Bell gehört zu den Unterzeichnerinnen.

Frage: Warum haben Sie sich entschlossen, einen Brief zu unterschreiben, der Israel und die USA in aller Öffentlichkeit so scharf kritisiert?

Edith Bell: Ich bin sehr aufgebracht über das, was in Israel und Gaza passiert. Und ich bin der Überzeugung, dass militärische Macht keines dieser Probleme löst. Vor allem bin ich verbittert, dass der Holocaust, mein Leid während des Krieges, dazu benutzt wird, das Töten Unschuldiger zu rechtfertigen.

Sie beziehen sich auf Eli Wiesel, der in einer Anzeige - ebenfalls in der "New York Times" - die Hamas mit den Nazis in Verbindung brachte und der Hamas einen Totenkult vorwarf. Was sind da Ihre Argumente?

Ich bin in Deutschland aufgewachsen. Mein Vater kämpfte im Ersten Weltkrieg, einem sogenannten Großen Krieg, der alle Kriege für immer beenden sollte. Wir fanden heraus, dass Kämpfe noch mehr Kämpfe mit sich bringen. Dadurch wird nichts gelöst. Wir wurden als Untermenschen behandelt, wie Sie wissen. Ich habe den größten Teil meines Lebens für Frieden und Gerechtigkeit gearbeitet, um zu verhindern, dass das irgendwann noch mal einem Menschen passiert - egal ob er gebürtiger Amerikaner, Afroamerikaner, schwul oder lesbisch, Jude oder Araber ist.

Warum glauben Sie, dass Israels Angriff auf Gaza als Völkermord bezeichnet werden kann?

Weil sie blind die Menschen töten. Eine ganze Bevölkerungsgruppe wird getötet. Mein israelischer Neffe hat mir vor 20 Jahren gesagt: Ihr habt eure Indianer getötet. Ja, das stimmt. Aber zwei falsche Dinge machen nicht ein richtiges.

Es ist soviel Furor zwischen den Zeilen des offenen Briefes und in Ihren Antworten. Warum ist das so?

Ich will nicht, dass die Leute in meinem Namen solche Dinge tun. Mein Steuergeld wird dafür verwendet. Die US-Regierung scheint zu denken, dass das Aipac (das American Israel Public Affairs Committee ist nach eigener Darstellung eine pro-israelische Lobby-Vereinigung. Anm d Red.) unsere Bevölkerungsgruppe vertritt, aber das stimmt nicht. Es handelt sich um eine Organisation, die viel Einfluss auf den US-Kongress hat und die behauptet, die amerikanischen Juden zu repräsentieren. Aber das tut sie offensichtlich nicht.

Wollen Sie, dass die amerikanische Regierung die Unterstützung Israels beendet?

Ja, genau. Ich bin seit langem Mitglied der Women's International League for Peace and Freedom, und wir sprechen uns dafür aus, die illegale Besetzung von Gaza und das Abschlachten zu beenden. Wir stehen für eine Waffenruhe, Verhandlungen mit allen Parteien, multinationale humanitäre Hilfe für Gaza, und wir verlangen, dass die USA und Israel zur Rechenschaft gezogen werden.

Bundeskanzlerin Angela Merkel unterstützt Israel und sein Recht auf Selbstverteidigung nachdrücklich. Sollte sie ihre Politik ändern?

Diese Selbstverteidigung ist ziemlich unverhältnismäßig. Israel ist die mächtigste Nation im Nahen Osten. Die Palästinenser in Gaza haben keine Armee, keine Luftwaffe, keine Marine, keine Waffen, die mit denen der israelischen Seite zu vergleichen wären. Die Bevölkerung von Gaza lebt im Zustand der konstanten Belagerung. Die Menschen sind aus ihren Häusern in Flüchtlingslager ohne ausreichend Wasser, Essen, medizinische Versorung und Elektrizität getrieben worden. Sie werden jetzt selbst aus diesen Unterkünften vertrieben. Wohin sollen sie gehen?

Sie haben eben erwähnt, dass Sie eine Überlebende des Holocaust sind. Wie haben Ihre Erfahrungen von damals ihren Blick auf Gaza geprägt?

Ich bin in Hamburg aufgewachsen, und meine Familie ist später nach Amsterdam gezogen. Die Deutschen haben meine Eltern mitgenommen. Mein Vater ist in Theresienstadt gestorben, meine Mutter in Auschwitz. Ich habe verschiedene Konzentrationslager durch pures Glück überlebt. Wir wurden als Untermenschen behandelt. Das sollte nie wieder einem Menschen passieren.

Edith Brell ist Überlebende des Holocaust. Sie war unter anderem in den Lagern Theresienstadt und Auschwitz. Nach dem Krieg emigrierte sie nach Israel, bevor sie 1954 in die USA übersiedelte. Heute lebt sie in Pittsburgh.

Das Interview führte Gero Schließ.

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