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Europa

Belgisches Dorf kämpft gegen Hafenausbau

Der Hafen von Antwerpen ist der zweitgrößte in Europa. Um sich gegen die Konkurrenten zu behaupten, soll er wachsen. Das Dorf Doel muss dafür verschwinden – die Bewohner kämpfen dagegen.

Die Windmühle von Doel, dahinter das Atomkraftwerk

Windmühle und AKW von Doel

Das Haus von Frieda Lauwers steht am Dorfrand. Vom obersten Stockwerk kann sie über den Deich schauen. Von dort sieht sie nicht nur die alte Windmühle aus dem 17. Jahrhundert, sondern auch den weißen Kühlturm. Das Atomkraftwerk steht seit 40 Jahren hier, Frieda hat sich an den Anblick gewöhnt, und es erscheint ihr nicht mehr bedrohlich.

Doel-Bewohnerin Frieda Lauwers (Foto: DW)

Frieda Lauwers ist wütend

Auch den Antwerpener Hafen sieht Frieda Lauwers vom obersten Stockwerk, und die riesigen Containerschiffe. Der Hafen rückt seit Jahren näher und näher heran an Friedas Haus. "Wenn ich morgens aufstehe, sehe ich das Wasser, ich höre die Vögel, ich liebe das", schwärmt sie. Es sei schön, in Doel zu leben. "Aber die Regierung macht uns unglücklich. Sie terrorisiert uns richtig."

Doel soll weg

Frieda Lauwers ist 65. Die lockigen Haare hat sie rotbraun getönt, sie trägt ein dünnes Sommerkleid. Frieda lacht viel und macht Witze, selbst wenn sie davon spricht, wie alle Doel zerstören wollen: Die flämische Regierung, die Antwerpener Hafenbehörde, die Gemeinde und das Planungsunternehmen für das linke Schelde-Ufer. Sie alle wollen den Antwerpener Hafen am linken Flussufer ausbauen. Das erste Containerdock am linken Ufer ist schon da, keine zwei Kilometer von Doel. Und nun stehen nur noch das Dorf und seine Bewohner im Weg.

Leerer Straßenzug in Doel (DW)

Die meisten sind weggezogen

Um ihren Protest bekannt zu machen, führt Frieda Touristen durch Doel. Heute ist eine Gruppe aus Holland angereist. Sprachlos laufen sie hinter Frieda her, durch das verlassene Dorf. An den Hausfassaden hängen Transparente mit der Aufschrift "Doel bleibt". Fenster und Türen sind mit Holzbrettern zugenagelt. Alles soll weg. Das große Bürgerhaus aus dem 17. Jahrhundert, damals Sommerresidenz des Malers Peter Paul Rubens. Und auch der alte Kirchturm. Noch ragt er einsam in den strahlend blauen Herbsthimmel, in seinem Schatten der Dorffriedhof.

"Die Dorfgemeinschaft ging auseinander"

Vor zehn Jahren schickte das Planungsunternehmen einen sogenannten Vermittler nach Doel, erzählt Frieda. Er habe den Dorfbewohnern gesagt, dass sie besser gleich ihre Häuser verkaufen sollten, denn sie würden viel weniger Geld dafür bekommen, wenn der Staat sie später enteigne. "Wir waren bis dahin eine eingeschworene Gemeinschaft", sagt Frieda, "aber dann begannen die Leute eben, ihre Häuser zu verkaufen, und alles fiel auseinander." Über 80 Häuser wurden abgerissen. "Da hielten es weitere Bewohner nicht mehr aus. Also zogen noch mehr weg."

Das letzte Ladengeschäft in Doel: Ein Elektrohandel (Foto: DW)

"Doel muss bleiben" hängt vorm letzten Geschäft

Vor etwa 15 Jahren, als der Kampf gegen den Hafen begann, wohnten in Doel 1000 Menschen. Heute sind es etwa 50. Die einzige Schule ist längst geschlossen, es gibt hier keine Kinder mehr. Stattdessen kamen Hausbesetzer, gegen die die Polizei nicht sofort vorging. Doel wurde ein Ort ohne Gesetze. Auch Künstler gesellten sich zu den Alteingesessenen.

Der Abrissbescheid kam im Sommer

Einer der Alteingesessenen ist Jan Creve. Er wohnt seit 25 Jahren einige Kilometer außerhalb von Doel auf seinem alten Bauernhof. Efeu rankt an dem Backsteingemäuer hoch, Moos bedeckt das Reetdach. Jan Creve sitzt in seinem Garten an einem Holztisch. Der Geschichtslehrer ist 48 Jahre alt, bei ihm leben seine fünf Kinder. Er ist der Sprecher von "Doel 2020", der Bewohner-Initiative gegen die Hafenpläne.

Jan Creve, Sprecher der Initiative 'Doel 2020' (Foto: DW)

Jan Creve mit Abrissbescheid für seinen Bauernhof

Jan Creve hat für seinen Bauernhof ebenfalls einen Abrissbescheid bekommen. Dagegen ist er vor Gericht gegangen. Auch für "Doel 2020" hat er in diesem Sommer erneut ein Urteil erkämpft, das der Regierung verbietet, die Häuser in Doel dem Erdboden gleichzumachen. Für Jan Creve ein weiterer Beweis, dass die Regierung, der Hafen, dass sie alle im Unrecht sind. Er schaut ernst, entschlossen, in seiner Stimme schwingen Wut und Unverständnis über das Verhalten seiner Gegner.

Ist der Hafenausbau wirklich notwendig?

Jan Creve ist überzeugt, dass das neue Containerdock wirtschaftlich keinen Sinn macht. Er führt an, dass selbst das erste Dock nicht ausgelastet sei und wegen der Weltwirtschaftskrise gar nicht mehr so viele Container in Antwerpen ankämen wie zu der Zeit, als man das zweite Dock plante. "Es ist überhaupt nicht nötig, den Hafen weiter auszubauen", sagt Jan Creve. "Wir wollen, dass die Regierung neu über die Zukunft von Doel nachdenkt und dabei alle Alternativen in Betracht zieht."

Die Hafenbehörde widerspricht. Die Containerfracht sei dieses Jahr um neun Prozent gewachsen, spätestens im Jahr 2020 werde man den zusätzlichen Platz brauchen. Der Hafen müsse am linken Ufer wachsen, um seine Führungsposition zu behaupten und um die Arbeitsplätze zu erhalten. Bis heute ist Doel jedoch offiziell Wohngebiet. Solange das so ist, kann sich der Hafen hier nicht ausbreiten.

Das Dorf kämpft weiter

Mauerreste eines abgerissenen Hauses (DW)

Etwa 80 Häuser sind bisher abgerissen worden

Dass Doel so bleibt, dafür will Frieda Lauwers weiter kämpfen. "Ich bin trotzig, wütend, traurig. Wenn man diese Geschichte aus China hören würde, würde man sagen: "Natürlich, so was passiert in China". Schwer zu glauben, aber es passiert hier in Europa!" In Hamburg, in Marseille habe man Kompromisse gefunden, so dass Hafen und Menschen nebeneinander existieren könnten. "Warum machen wir es hier nicht auch so?", fragt Frieda. Was sie nicht sagt: In Hamburg ist der Stadtteil Altenwerder abgerissen worden, damit der Hafen 2003 ein modernes Containerterminal in Betrieb nehmen konnte. Dort hatte der Hafen gewonnen.

Frieda weiß, dass auch letztendlich in Antwerpen der Hafen gewinnen wird. Wenn es dann soweit ist, will sie zu ihren Kindern nach Antwerpen ziehen. Aber Doel, sagt sie, wird sie nie vergessen.

Autorin: Brigitta Moll

Redaktion: Gero Rueter