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Europa

Belgische Polizei sucht überlebenden Täter

Bilanz der Ermittler: Drei der vier Attentäter von Brüssel sind tot, zwei davon sind Brüder. Einer lebt jedoch und ist auf der Flucht. Erste Todesopfer konnten identifiziert werden. Bernd Riegert berichtet aus Brüssel.

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Brüssel: Am Tag danach

"Ich kann gut verstehen, dass es einen Informations-Notstand gibt, aber wir können nur veröffentlichen, was wirklich geklärt und bestätigt ist", sagte der oberste Staatsanwalt Belgiens, Frederic Van Leeuw, in Brüssel. Zuvor hatte zahlreiche Medien in Brüssel spekuliert, dass die belgische Polizei den dritten Attentäter vom Flughafen in Zaventem verhaftet und als Naijm Laachraoui identifiziert hat. Das war offenbar falsch, wie Staatsanwalt de Leeuw zu erkennen gab.

Gesichert ist hingegen, dass einer der drei Attentäter, die am Dienstag elf Menschen in der Abflughalle mit den Tod rissen und Dutzende verletzten, Ibrahim El Bakraoui heißt. Der 30 Jahre alte Belgier ist auf dem obigen Foto in der Mitte zu sehen. Links neben ihm schiebt ein bislang unbekannter Attentäter den Gepäckwagen mit einer Bombe. Diese beiden Männer haben sich am Flughafen in die Luft gesprengt. Der rechts abgebildete Mann mit dem Hut hat seine Bombe nicht gezündet. Er überlebte wohl und ist auf der Flucht. Ihn sucht die Staatsanwaltschaft nun dringend. Der Mann ist offenbar nicht Naijm Laachraoui, der bereits an den Attentaten von Paris im November beteiligt war.

Mit dem Taxi zum Mord

Belgien Brüssel Staatsanwalt Frederick Van Leeuw

Staatsanwalt Van Leeuw

Entscheidende Hinweise auf die Spuren des Attentäter-Trios bekam die Polizei von einem Taxi-Fahrer, der die drei am Dienstag aus dem Stadtteil Schaerbeek zum Flughafen gefahren hatte. Die Männer kamen dem Chauffeur verdächtig vor, weil sie jede Hilfe beim Transportieren ihrer fünf schweren Gepäckstücke ablehnten und sehr ruppig auftraten. Mit Hilfe des Taxi-Fahrers konnte die Polizei die Wohnung in Schaerbeek in der Max-Rose-Straße finden und durchsuchen, in der sich die Attentäter aufgehalten hatten. Bei dieser Wohnnung handelt es sich um eine Bomben-Werkstatt. Es wurde eine große Menge von Chemikalien, Sprengstoff sowie Zünder gefunden, bestätigte die Staatsanwaltschaft. In einem Mülleimer in der Nähe der Wohnung fanden die Ermittler einen Laptop, der eine Art Testament von Ibrahim El Bakraoui enthielt.

Bei weiteren Wohnnungsdurchsuchungen in anderen Stadtteilen von Brüssel wurden ebenfalls Beweismittel gesichert und zwei Personen vorläufig festgenommen. Sie wurden aber nur als Zeugen verhört und gelten nicht als dringend Tatverdächtige.

Terror-Brüder am Flughafen und in der Metro

Der mutmaßliche Attentäter, der den U-Bahn-Wagen in der Metro-Station Maelbeek in die Luft sprengte, konnte identifiziert werden. Es handelt sich um den 27 Jahre alten Belgier Khalid El Bakraoui. Er ist der jüngere Bruder des Flughafen-Terroristen Ibrahim El Bakraoui. In der Metro-Station Maelbeek starben 20 Menschen, über 100 wurden verletzt. Khalid El Bakraoui hatte die Bombe in einer Tasche mitgeführt und im zweiten Wagen der U-Bahn abgestellt. Die Bombe, die mit Nägeln gespickt war, explodierte kurz nachdem der Zug in den U-Bahn-Tunnel mit Fahrtrichtung Innenstadt abgefahren war. Es scheint nach dem derzeitigen Stand der Ermittlungen so, dass Khalid El Bakraoui der einzige Tatverdächtige von Maelbeek ist und dort allein gehandelt hat. Die Spurensicherung ist nach wie vor damit beschäftigt, die verwüstete U-Bahn-Station und den zerstörten Wagen zu untersuchen.

Tatverdächtige waren aktenkundig

Die Brüder El Bakraoui waren der belgischen Polizei und Justiz schon länger bekannt. Beide wurden wegen Überfällen, Waffenbesitz und Körperverletzung zu Haftstrafen verurteilt. Beide wurden schon länger von der Polizei gesucht. Der eine Bruder, weil er in terroristische Aktivitäten verwickelt sein sollte, der andere, weil er eine Haftstrafe nicht angetreten hatte. Sie gehörten wohl auch zu der islamistischen Terrorzelle, die die Anschläge von Paris geplant hatte. Deshalb standen sie auch in Kontakt zu dem mutmaßlichen Terroristen Salah Abdeslam, der vergangenen Freitag in Brüssel verhaftet worden war. Abdeslam gilt als einer der Drahtzieher der Anschläge von Paris. Er hatte sich zusammen mit den Bakraoui-Brüdern in einer konspirativen Wohnung im Brüsseler Stadtteil Forest versteckt und war fast vier Monate untergetaucht.

Der türkische Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan teilte in Ankara mit, die türkischen Behörden hätten einen der Brüder im Juni 2015 nahe der syrischen Grenze festgenommen und anschließend ausgewiesen. Belgische Polizeistellen seien informiert worden, dass es sich bei dem Abgeschobenen um einen reisenden Dschihadisten handeln könnte. Erdogan warf den belgischen Ermittlern vor, sie hätten die Gefährlichkeit des Mannes wohl nicht erkannt.

Verzweigtes Netzwerk

Belgien Terroranschläge in Brüssel Fahndung Verdächtiger

Identität unbekannt? Der dritte Attentäter

Auch wenn nicht klar ist, ob der flüchtige Naijm Laachraoui an den verheerenden Anschlägen in Brüssel beteiligt war, so wird er trotzdem dringend gesucht. Denn auch zwischen Laachraoui und Salah Abdeslam gibt es eine Verbindung. Beide mutmaßlichen Massenmörder waren im September 2015 an der ungarisch-österreichischen Grenze im Auto unterwegs. Dort waren sie bei einer Grenzkontrolle aufgefallen. Ihre wahren Identitäten und ihren kriminellen Hintergrund konnten sie aber verbergen. Naijm Laachraoui war mutmaßlich an den Anschlägen in Paris beteiligt. Seine DNA wurde an einem Sprengstoffgürtel gefunden, der nicht detoniert war.

Welche weiteren Verzweigungen des Terroristen-Netzwerks in Brüssel es noch gibt und wer die noch unbekannten Attentäter vom Flughafen Zaventem sind, müssen die weiteren Ermittlungen ergeben. Die Frage, warum die Männer trotz ihrer Gefährlichkeit nicht vor ihren mutmaßlichen Taten gefunden werden konnten, muss die belgische Polizei nun beantworten. Der belgische Innenminister Jan Jambon nahm seine Beamten vor Kritik schon einmal vorsorglich in Schutz. "Die Sicherheitsbehörden arbeiten Tag und Nacht unter enormem Druck. Sie geben ihr Bestes."

Belgien Schweigeminute Place de la Bourse Brüssel

Schweigeminute am Platz der Börse in Brüssel: Hunderte versammeln sich

Deutsche Opfer?

Eine Sprecherin der Polizei sagte in Brüssel, die Identifizierung der zum Teil schwer verstümmelten Toten und 270 Verletzten sei sehr schwierig und aufwändig. Sie könne die Ungeduld der Angehörigen verstehen, man wolle aber sehr sicher gehen, bevor man Angaben mache. Erst drei Tote konnten einwandfrei erkannt werden: eine peruanische Mutter zweier Kleinkinder, ein Mitarbeiter der wallonischen Regierung und ein belgischer Student. Das belgische Außenministerium teilte mit, dass unter den Opfern 40 Nationen vertreten seien, darunter viele US-Amerikaner, die beim Einchecken bei American Airlines getroffen wurden. Das Auswärtige Amt in Berlin bestätigte, dass unter den Opfern möglicherweise auch deutsche Staatsbürger sein könnten.

Da immer noch einer der Attentäter auf der Flucht ist und weitere Terroranschläge nicht ausgeschlossen werden können, bleibt die höchste Terrorwarnstufe in Belgien bestehen, so der Sprecher des Sicherheitsrates. Der Flughafen von Brüssel bleibt bis auf Weiteres geschlossen.

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