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Aktuell Europa

Belgische AKW-Achterbahnfahrt geht weiter

In wildem Wechsel werden die belgischen Atomreaktoren hoch- und runtergefahren. Jetzt ging Tihange 1 erneut ans Netz. Und in Deutschland wächst die Angst - denn von dort sind es nur 70 Kilometer bis Aachen.

Atomkraftwerk in Tihange, Belgien (Archivbild: ERIC LALMAND/AFP/Getty Images)

40 Jahre Atomstrom: AKW Tihange, in den 1980er-Jahren erweitert (Archivbild)

Sogar die deutsche Bundesregierung hatte am Ende ihre diplomatische Zurückhaltung aufgegeben. Am Donnerstag hatte Umweltministerin Barbara Hendricks noch vornehm formuliert, sie sei in Sorge darüber, ob die Sicherheit der belgischen Atommeiler Tihange und Doel "in vollem Umfang gewährleistet ist".

Tags darauf legte sie in einem Interview des Westdeutschen Rundfunks nach: "Das ist ja Flickschusterei, was die da betreiben." Langsam aber sicher seien "die Dinger wohl besser außer Betrieb zu nehmen", so Hendricks. Zu hoch sei die Zahl der bekanntgewordenen Zwischenfälle.

Leckage in der Leitung

Die vorerst letzte Panne dieser Serie: Nur vier Tage nach dem Wiederhochfahren musste die umstrittene Anlage Doel 3 bei Antwerpen am ersten Weihnachtstag erneut vom Netz genommen werden. Der Grund: An der Heißwasserleitung eines Generators war ein Leck entdeckt worden. Für die Sicherheit der Anlage und der Umwelt bestehe keinerlei Gefahr, betonte eine Sprecherin des Betreibers Electrabel daraufhin.

Anti-AKW-Protest in Aachen (Archivbild: DW)

Demonstration in Aachen. Die Bürger fordern die Abschaltung der alten Reaktoren.

Alle Proteste jenseits der Grenze - von deutschen Politikern und Umweltschützern - stießen in Belgien auf taube Ohren. Nun wurde auch Reaktorblock 1 des Atomkraftwerks Tihange wieder hochgefahren. Tihange 1 hatte sich nach dem Brand einer Schalttafel im nicht-nuklearen Bereich der Anlage am 18. Dezember automatisch abgeschaltet.

Der Zwischenfall habe keine Auswirkungen auf die Bevölkerung oder die Umwelt gehabt, hieß es auch damals bei Electrabel. Block 2 ist schon seit Montag wieder in Betrieb. Er war im März 2014 heruntergefahren worden - weil sich Haarrisse am Reaktorbehälter gezeigt hatten. Die belgische Atomaufsicht sah in den Rissen allerdings keine Gefahr für die Sicherheit.

Mit gebundenen Händen

Die nordrhein-westfälische Landesregierung fordert dagegen das Aus für Tihange. Bundesumweltministerin Hendricks schrieb an Heiligabend auf ihrer Facebook-Seite, Deutschland werde Anfang Januar bei einem Gespräch mit der belgischen Atomaufsicht seine Bedenken äußern. Zugleich machte die SPD-Politikerin aber auch klar, dass der Regierung de facto die Hände gebunden sind: Sie habe keine Möglichkeit, den Weiterbetrieb ausländischer Reaktoren zu verhindern.

Die belgische Atompolitik gleicht immer mehr einer Achterbahnfahrt - genauso wie das Runter-und-Hochfahren der Anlagen selbst. Vor mehr als vier Jahren hatte die damalige Regierung beschlossen, ab 2015 mit dem Atomausstieg Ernst zu machen. Doch das Versprechen wird nicht eingelöst: In dieser Woche entschied die Mitte-Rechts-Regierung, die Reaktorblöcke Doel 1 und 2 bis 2025 laufen zu lassen. Ursprünglich sollten sie im laufenden Jahr stillgelegt werden.

Betrachtet man die Leistungsdaten der belgischen AKW genauer, wird deutlich, warum der Widerwille, sie dauerhaft abzuschalten, so groß ist: Am Standort Doel werden jährlich 23 Milliarden Kilowattstunden Strom produziert. Das entspricht nach Angaben des Betreibers knapp 30 Prozent der gesamten belgischen Stromerzeugung. Die Energieerzeugung am Standort Tihange bewegt sich in der gleichen Größenordnung. jj/hf (dpa, afp)