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Europa

Belgiens Terroristen auf der Angeklagebank

Es ist ein belgischer Krimi: In Brüssel beginnt am Montag der Prozess gegen Mitglieder der Terrorzelle aus der ostbelgischen Stadt Verviers. Doch auf der Anklagebank sitzen nur die Drahtzieher aus der zweiten Reihe.

Eine neue und besonders haarsträubende Einzelheit zu den Plänen der Terrorzelle von Verviers steuerte inzwischen der Anti-Terrorchef der französischen Gendarmerie bei. "Die Idee der Terroristen war es, einen hochrangigen belgischen Repräsentanten zu entführen und ihn vor laufender Kamera im Internet zu enthaupten", erzählte Hubert Bonneau dem Magazin "Le Point".

Bisher war man in Belgien davon ausgegangen, das Ziel der Anschlagspläne seien vor allem Polizisten und eine Polizeistation im Brüsseler Stadtteil Molenbeek gewesen. Aber seit die französische Polizei mit den belgischen Kollegen enger zusammenarbeitet, dringen hin und wieder unerwartete Details nach außen.

Verdächtige aus der Haft entlassen

Gerade eine Woche nach den tödlichen Anschlägen auf Charlie Hebdo und den jüdischen Supermarkt in Paris war der belgischen Polizei am 15. Januar 2015 ein spektakulärer Coup gelungen. Aufsehenerregend war dabei vor allem die Heftigkeit des Feuergefechtes, in das Polizisten in der wallonischen Kleinstadt Verviers mit einer Gruppe von Terroristen verstrickt worden waren.

Belgien Prozess Terrorzelle Verviers (Bild: imago/Belga)

Nur sieben von sechzehn Verdächtigen werden auf der Anklagebank erwartet

Beim Versuch, das mutmaßliche Terrorversteck zu stürmen, entwickelte sich ein dermaßen intensiver Schusswechsel, dass das Haus in der Rue de la Colline zu brennen begann. Die Polizei musste gleichzeitig schießen und Feuer löschen. Am Ende waren zwei der Verdächtigen tot. Der Dritte, Marouane El Bali, wurde kurz darauf festgenommen.

El Bali muss sich von Montag an mit sechs weiteren Angeklagten in Brüssel vor Gericht verantworten. Er sitzt gemeinsam mit den anderen Angeklagten Souhaib El Abdi, Mohamed Arshad und Mamood Hajni derzeit in Untersuchungshaft. Drei weitere Verdächtige waren unter Auflagen wieder aus der Haft entlassen worden.

Die vier Hauptangeklagten sollen sich wegen Bildung einer terroristischen Vereinigung verantworten. Sie gelten nach Auffassung der Staatsanwaltschaft als Anführer der sogenannten Terrorzelle von Verviers, ebenso wie Omar Damache, der damals in Athen verhaftet worden war.

Doch die meisten Mitglieder der Zelle stehen gar nicht vor Gericht - sie gelten als verschwunden. Die Verdächtigen - zwei Belgier, fünf Franzosen, ein Marokkaner und ein Niederländer - sollen entweder in Syrien als Kämpfer für den "Islamischen Staat" (IS) unterwegs sein, bereits tot oder untergetaucht sein.

Schaubild Terrornetzwerk Belgien anderer Ausschnitt (Bild: Bernd Riegert)

Der Prozess wird erneut die engen Verbindungen im franco-belgischen Terrornetzwerk aufzeigen

Belgien - Ruheraum für Terroristen?

Auch der eigentliche Drahtzieher sitzt nicht auf der Anklagebank. Es soll der belgisch-marrokanische IS-Terrorist Abdelhamid Abaoud gewesen sein. Abaoud war es auch, der nach dem Fahndungserfolg von Verviers die zerschlagene Zelle wieder aufbaute. Er rekrutierte die Logistiker und zum Märtyrertod bereiten Männer, die dann am 13. November in Paris zuschlugen. Einmal mehr zeigte sich die enge Verbindung zwischen belgischen und französischen Terroristen, Belgien diente quasi als Ruheraum und Ort der Vorbereitungen für die Pariser Attacken.

Aus der Gruppe von Paris um Abaoud sind alle tot, bis auf den einzigen Überlebenden Salah Abdeslam. Die Mitglieder hatten sich selbst in die Luft gesprengt oder waren wenige Tage später im Kugelhagel der Polizei im Pariser Stadtteil St. Denis gestorben, wo auch Albelhamid Abaoud selbst ums Leben kam. Abdeslam hatte als einziger seine Sprengstoffweste nicht gezündet und vermutlich weggeworfen.

Er flüchtete nach Hause, wo er schließlich im März im Brüsseler Viertel Molenbeek gefasst wurde. Dort waren die Fäden zwischen den Tätern und ihren Helfern von Verviers, Paris und Brüssel zusammen gelaufen. Unter ihnen gab es mehrere Brüderpaare, Verwandte und Kindheitsfreunde, was auch erklärt, warum die Gruppe für die Polizei so lange undurchdringlich geblieben war.

Frankreich Terror in Paris Bataclan (Bild: Reuters/C. Hartmann)

Das blutigste Attentat von Paris fand am 13. November 2015 im Konzertsaal Bataclan statt

Pendeln zwischen Syrien und Europa

Die griechische Polizei hatte am 17. Januar vorigen Jahres auf einen Tipp aus Belgien hin in Athen den Algerier Omar Damache festgenommen. Abdelhamid Abaaoud aber entkam der Fahndung. Er hatte sich in der gleichen Wohnung aufgehalten, und pflegte per Handy den Kontakt zur Gruppe in Verviers.

Die Polizei fand dort auch einen von ihm genutzten Laptop, auf dem es bereits Hinweise für einen geplanten Anschlag auf einen großen Flughafen gab. Der fand schließlich am 22. März in Brüssel statt, ein weiteres Zeichen für die enge Zusammenarbeit des weit verzweigten Terrornetzwerks. So tauchte unter anderem der als Logistiker an den Pariser Anschlägen beteiligte Najim Laachraoui vier Monate später als Selbstmord-Attentäter am Brüsseler Flughafen wieder auf.

Abdelhamid Abaoud aber reiste im vergangenen Jahr über Monate zwischen Syrien, Griechenland, Belgien und Frankreich hin und her und brüstete sich sogar in IS Publikationen, er sei dem Schleppnetz von Verviers entkommen.

Hätten damals Polizei und Sicherheitsbehörden in Europa schon besser zusammengearbeitet, wäre er vielleicht früher in dessen Fänge geraten. Die Angeklagten aber, die jetzt in Brüssel vor Gericht stehen, gehören vermutlich eher zur zweiten Reihe der belgisch-französischen Terrorszene.