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Europa

Belgien, einig Königreich?

Die Abdankung des belgischen Königs Albert zugunsten seines Sohnes Philippe ist mehr als ein Generationswechsel. Es geht auch um die Einheit des Landes.

Als 1993 der belgische König Baudouin kinderlos starb, bestieg mit seinem jüngeren Bruder Albert so ziemlich dessen charakterliches Gegenteil den Thron: Der tiefgläubige Baudouin war ganz Pflicht und Moral, Albert hatte den Ruf eines Lebemannes. Doch als König hat sich Albert Achtung erworben - als ein Mann, der auf Menschen zugeht, und vor allem als einer, der das Land zusammenhält. Das zwischen niederländisch sprechenden Flamen und französisch sprachigen Wallonen gespaltene Belgien droht auseinanderzufallen. Die Regierungsbildungen werden immer schwieriger. Nach der Wahl 2010, als die separatistische Neue Flämische Allianz (N-VA) stärkste Partei wurde, dauerte es mehr als anderthalb Jahre, bis endlich eine Koalition zustande kam. Pikanterweise fiel in diese Zeit auch noch die belgische EU-Ratspräsidentschaft. Europaabgeordnete machten sich über Belgien lustig. Doch der König spielte bei den Vermittlungsgesprächen zwischen den Parteien eine wichtige und konstruktive Rolle. Auf dem Höhepunkt der Krise erinnerte er Politiker und Gesellschaft in seiner Weihnachtsbotschaft 2010 an ihre Verantwortung: "Wahrer Mut besteht jetzt darin, einen Kompromiss zu finden, der zusammenführt, und nicht, die Gegensätze zu verschärfen."

Philippe oder Filip?

De Wever macht das Victory-Zeichen Foto: dapd

Der flämische Separatist De Wever will Belgien "verdampfen lassen"

Darauf pfeift natürlich Bart De Wever, der Vorsitzende der N-VA. Nach seinem Wahlsieg 2010 hatte er zwar den höchsten EU-Vertretern versichert, er wolle "keine Revolution" und "Schritt für Schritt vorgehen". Aber sein Ziel ist klar: ein unabhängiges Flandern. Und da der König für die Einheit Belgiens steht, will De Wever auch keine Monarchie. Albert hat sich dennoch auf Gespräche mit De Wever eingelassen. Ob auch Sohn Philippe das tun würde, erscheint dem belgischen Politologen Dirk Rochtus von der Katholischen Universität Löwen zweifelhaft. Zur Deutschen Welle sagt Rochtus: "Er ist ziemlich stur. Er denkt eher schwarz-weiß. Wenn ihm ein Politiker nicht gefällt, dann redet er gar nicht mit ihm. Und wenn man einen Ausweg aus der Krise finden will, muss man mit allen reden können."

Es kam in Flandern auch schlecht an, dass sich Philippe 2004 in einem Interview offen in den Streit einmischte: "Einige Leute und Parteien sind gegen Belgien und wollen unser Land zerstören. Ich kann Ihnen versichern, dass sie es mit mir zu tun kriegen." Es war eine Parteinahme, die einem künftigen Monarchen eigentlich nicht zusteht. Wie empfindlich viele Belgier und vor allem viele Flamen an dieser Stelle sind, zeigt auch der Streit um die Schreibweise des neuen Königs: französisch Philippe oder niederländisch Filip? Wie der neue Monarch zum Beispiel Dokumente unterschreiben wird, ist in Belgien ein Politikum ersten Ranges, auch wenn Ausländer das kleinlich finden mögen.

"Transfergemeinschaft" Belgien

Letztlich geht es aber bei den Auseinandersetzungen zwischen Flamen und Wallonen vor allem um Geldfragen und nicht um die Monarchie. Die reicheren Flamen sehen nicht ein, warum sie das ärmere Wallonien auf Dauer alimentieren sollen - ein Problem, das in Zeiten der Euro-Krise auch eine europäische Dimension hat. Der konservative belgische Europaabgeordnete Jan Derk Eppink stellte während einer Parlamentsdebatte sogar einmal ausdrücklich Belgien als abschreckendes Beispiel einer "Transfergemeinschaft" hin: "Wenn wir so weitermachen, ist die EU innerhalb einiger Jahre in der gleichen Lage wie Belgien jetzt: eine Transfergemeinschaft, deren politische Grundlage abbröckelt." Eine größere Finanzautonomie der Regionen in Belgien ist bereits in Arbeit und dürfte den Streit zumindest teilweise entschärfen.

Ob die Reform den Flamen reicht, wird sich spätestens an der nächsten landesweiten Wahl 2014 zeigen. Und wenn erneut die N-VA gewinnt, wird das nicht zuletzt einen König Philippe vor eine ernste Herausforderung stellen. Dann wird sich zeigen, ob er das Fingerspitzengefühl seines Vaters geerbt hat.

"Eine Republik würde Belgien gut tun"

Mathilde geht eingehakt neben ihrem Mann Philippe Foto: Imago

Die neue Königin Mathilde ist beliebter als ihr Mann

Doch gibt es in Belgien eine republikanische Bewegung, die die Monarchie aus politischen, konstitutionellen oder finanziellen Gründen abschaffen will? Der Politologe Dirk Rochtus schätzt seine Landsleute so ein: "Viele Leute sagen von sich selber: 'Wir würden überall auf der Welt Republikaner sein, aber nicht in Belgien.' Sie sind, was ich Vernunftmonarchisten nenne." Sie glaubten, dass Belgien ohne Monarchie nicht überleben würde. Das aber, so Rochtus, spreche nicht gerade für die Kraft der Demokratie: "Das heißt, dass man eigentlich nicht viel Vertrauen in die Demokratie in Belgien hat." Rochtus glaubt, "dass eine Republik Belgien sogar gut täte". Wenn alle Belgier einen Präsidenten wählen könnten, würde das den Zusammenhalt stärken.

Im Moment sind sogar die Parteien nach Regionen getrennt, selbst bei landesweiten Parlamentswahlen. Auch das macht den politischen Prozess in Belgien so schwierig. Doch Rochtus glaubt weder an ein baldiges Ende Belgiens noch an das der belgischen Monarchie. Philippe und seine beliebte Frau Mathilde haben auch bereits vorgesorgt, in doppelter Hinsicht: Ihre vier Kinder besuchen eine Schule, in der vorwiegend Niederländisch gesprochen wird. Die Älteste, Elisabeth, ist elf Jahre alt. Sie dürfte irgendwann die erste Königin Belgiens werden.

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