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Europa

Belastungsprobe für das türkisch-russische Verhältnis

Der Abschuss eines russischen Kampfflugzeugs verdeutlicht erneut die schwierige Lage im Syrienkrieg. Welche Gefahren nun drohen, gerade auch für das geplante Anti-IS-Bündnis, erläutert Can Kasapoglu im DW-Interview.

DW: War so ein Vorfall zu erwarten?

Kasapoglu: Die Türkei hat klargestellt, dass sie ihre Einsatzregeln nicht ändern und auch keine Rücksichten auf die Nationalität eines den Luftraum verletzenden Flugzeugs nehmen würde. Vor gerade einmal einem Monat hat die Türkei eine unbemannte russische Drohne abgeschossen. Die türkischen Behörden haben Russland gewarnt, den türkischen Luftraum nicht zu verletzen. Die Türkei hat gezeigt, dass ihre Einsatzregeln robust sind und nicht auf die Probe gestellt werden sollten - weder von syrischer Seite noch von russischer.

Warum, glauben Sie, flog die russische Militärmaschine über dem Gebiet?

Die Suchoi Su-24 sind Bomber. Wen hat die Maschine bombardiert? Die turkmenischen Kämpfer der syrischen Armee, die als türkeistämmige Syrer gegen das syrische Regime vorgehen, mit Unterstützung der Türkei. Wir sprechen von rund 5000 bis 9000 türkischsprechenden Kämpfern. Sie lagen unter heftigem Beschuss der syrischen Streitkräfte, die lange von den Russen und Iranern unterstützt wurden. Die Türkei hat das frustriert. Ein Grund ist, dass nach den Anschlägen von Paris auf dem G20-Gipfel in Antalya Ankara und Washington die Chancen einer verbesserten und intensivierten gemeinsamen Luftoperationen über Syrien diskutieren.

Diese Luftoperationen waren als Unterstützung der Anti-Assad-Einheiten auf syrischem Boden gedacht. Also für die Freie Syrische Armee und die turkmenischen Kämpfer. Im Gegenzug rückten die Syrer, Russen und Iraner gegen die Turkmenen vor, als "stellvertretende Bestrafung" der Türkei. Grundsätzlich hat die Militärmaschine türkischen Luftraum verletzt. Ein ernsthafter Vorfall. Wir wollen nicht hoffen, dass an der südlichen Flanke der NATO eine Situation entsteht wie bei den baltischen Staaten.

Can Kasapoglu Militäranalyst am EDAM in Istanbul Foto: privat

Can Kasapoglu, Militärexperte

Was meinen Sie damit ?

Russische Verletzungen des Luftraums über den baltischen Staaten sind inzwischen an der Tagesordnung - wir wollen eine solche Entwicklung an der Südflanke der Nato, die ja den türkischen Luftraum einschließt, nicht sehen.

Die Russen haben erklärt, ihr Flugzeug habe sich über syrischem Gebiet befunden, als es abgeschossen wurde. Was wissen Sie darüber, wo es abgeschossen wurde - über der Türkei oder über Syrien ?

Das türkische Vorgehen ist so: Wer immer in die 12-Meilen-Zone vor dem türkischen Luftraum eindringt, wird gewarnt. Wenn sich eine Maschine auf fünf Meilen dem türkischen Luftraum nähert, macht die Türkei die F-16-Abfangjäger startklar und gibt weitere Warnungen ab. Abgeschossen wird jede Maschine, die, von Syrien kommend, türkischen Luftraum verletzt. Nach diesem Vorgehen und wenn wir an frühere Verstöße Russlands denken, können wir davon ausgehen, dass die Suchoi-24 türkischen Luftraum verletzt hat.

Was wird das für Konsequenzen für die Beziehungen zwischen Russland und der Tükei haben ?

Wenn Russland die Situation eskalieren lassen möchte, wird es weitere solcher Luftraumverletzungen geben. Dann werden wir auch eine deutliche Eskalation nicht nur zwischen Russland und der Türkei sehen, sondern auch zwischen der NATO und Russland. Türkische Regierungsvertreter haben bereits deutlich gemacht, dass sie nicht nur ihren Luftraum verletzt sehen, sondern den der NATO.

Zum ersten Mal hat ein NATO-Mitgliedsland eine russische Militärmaschine abgeschossen. Was bedeutet das für die Beziehungen zwischen Russland und der NATO?

Die Eskalation betrifft zwar nicht die NATO-Mitgliedstaaten des Baltikums, aber einen mächtigen militärischen Spieler der Allianz: die Türkei. Ankara hatte bisher gute Beziehungen zu Russland. Präsident Erdogan betonte, dass Russland einen Freund verlieren könnte, wenn sich Russland weiterhin so verhalten würde. Bisher hat Russland sehr gute Beziehungen mit der Türkei, was den Handel allgemein, aber besonders im Energiebereich angeht. Die jüngsten Ereignisse könnten ein zusätzlicher Faktor sein, diese Beziehungen zu verändern.

Russland Kampfjet Suchoi Su-24

Eine Suchoi Su-24. Ein Bomber dieses Typs wurde von der Türkei abgeschossen - nun wird gestritten, über welchem Luftraum das geschah

Nach den Terrorattacken in Paris drängt Russland auf eine internationale Koalition gegen den IS. Was bedeutet dieser Vorfall für die Pläne ?

Wenn Russland wirklich Teil dieser Anti-IS-Koalition sein möchte, dann sollten andere Ziele auf syrischem Boden ins Auge gefasst werden. Von Beginn der russischen Operationen an ging es weniger um den IS als um die moderate syrische Opposition. Zweitens, anstatt den NATO-Luftraum zu verletzen, sollte Russland sich besser mit den anderen Akteuren in der Anti-IS-Koalition abstimmen.

Glauben Sie, dass die Türkei jetzt die Unterstützung anderer NATO-Partner anfordern wird ?

Höchstwahrscheinlich. In jeder Krise im Nahen und Mittleren Osten haben wir erlebt, dass die Türkei sich an die NATO gewandt hat. Wir hören, dass der türkische Premierminister eine diplomatische Kampagne startet, die das Verhalten der Türkei erklären soll. Ich sehe nicht die Eröffnung einer NATO-Unterstützung nach Artikel 5. Aber Artikel 4 ist auf dem Tisch. Und dieser bedeutet Konsultationen über eine Sicherheits- und Verteidigungssituation.

Dr. Can Kasapoglu ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Militärexperte am NATO Defense College in Istanbul.

Das Interview führte Roman Goncharenko.

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