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Fokus Osteuropa

Belarus: Umstrittener Feiertags-Vorschlag

Präsident Lukaschenko schlägt vor, den 17.9., als 1939 die Rote Armee infolge des Hitler-Stalin-Pakts das damals zu Polen gehörende westliche Belarus besetzte, als Wiedervereinigungs-Tag zu begehen. Historiker streiten.

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Flagge der Belarussischen SSR auch heute Staatsflagge

In Belarus gibt es vielleicht bald einen weiteren staatlichen Feiertag, den 17. September, den Tag der Wiedervereinigung von Belarus. Einen entsprechenden Vorschlag unterbreitete der belarussische Präsident Aleksandr Lukaschenko den Teilnehmern eines Runden Tisches zum Thema "Wahrheit und Lüge über die Wiedervereinigung von West-Belarus mit der Belarussischen SSR". Die Vertreter präsidentenfreundlicher gesellschaftlicher Organisationen versammelten sich, um deutlich zu machen, dass "Versuche westlicher Ideologen, die Geschichte des Landes neu zu schreiben, unzulässig sind".

Unabhängigkeitstag in Frage gestellt

Das Mitglied des Zentralkomitees der Kommunistischen Partei von Belarus, Lew Krischtapowitsch, rief sogar inzwischen dazu auf, den 17. September als Tag der Unabhängigkeit und als wichtigsten Feiertag des Landes zu begehen. Allerdings wies der stellvertretende Vorsitzende der belarussischen Kommunisten, Georgij Atamanow, im Gespräch mit der Deutschen Welle die Idee zurück, den Tag der Unabhängigkeit zu verschieben: "Die Rede war nur von der Einrichtung eines Tags der Wiedervereinigung, als das westliche Belarus an die Belarussische SSR angeschlossen wurde."

Das Ergebnis der Septemberereignisse von 1939, so Atamanow, sei die Wiederherstellung der territorialen Integrität von Belarus gewesen. Ferner hätten ab diesem Zeitpunkt die Staatsgrenzen ungefähr mit den tatsächlichen Grenzen des Siedlungsgebiets der Belarussen übereingestimmt.

Gedenken an NKWD-Terror gefordert

Bei weitem nicht alle Historiker sind allerdings der Ansicht, dass der 17. September als Gedenktag begangen werden muss. Der Geschichtswissenschaftler Leonid Morjakow, der die Repressionen auf dem Gebiet von Belarus untersuchte, sagte: "Schon am 18. September begannen Massenverhaftungen. Das war schon die vierte Welle, wo mehrere zehntausend Menschen inhaftiert wurden. Es sah nur so aus, als würden bis zu jenem Tag, bis zum 17. September, die Polen, die ebenfalls das westliche Belarus erobert hatten, die Bewohner vor dem NKWD schützen. Das heißt, es war in gewisser Weise ein Tag der Befreiung und zugleich der Beginn von Repressionen."

Morjakow meint, die Menschen in Belarus sollten andere wichtigere Gedenktage kennen: "Da gibt es den 29. Oktober, das müsste unbedingt ein Gedenktag sein. Am 29. Oktober 1937 wurde in nur einer Nacht die Elite der belarussischen Nation hier in Minsk in den Kellern des NKWD vernichtet. Etwa 100 Menschen: Professoren und Rektoren von Instituten der Universität, Schriftsteller, 22 Literaten und viele andere. Das ist der wichtigste Gedenktag. Man muss ihn einführen, damit an die dunkelste Nacht in der Geschichte von Belarus ständig erinnert wird."

Sowjetische Tradition lebendig

Über den geheimen Pakt zwischen Hitler-Deutschland und Stalins UdSSR, wie auch über die gemeinsame Parade nach der Teilung Polens sprechen die offiziellen Historiker in Belarus auch heute noch ungern. Beispielsweise werden die Ereignisse von 1939 auf der offiziellen Internetseite der Stadt Baranowitschi wie folgt dargestellt:

"Unter den Bedingungen eines ungestümen Vordringens von Hitlers Horden bis tief nach Polen hinein konnte das sowjetische Volk dem Schicksal seiner Blutsbrüder, der Ukrainer und der Belarussen, nicht tatenlos gegenüberstehen, denn über ihnen erhob sich die Gefahr der Unterjochung und Vernichtung. Am 17. September 1939 überschritt gemäß eines Befehls der Sowjetischen Regierung die Rote Armee die Grenzen des Vorkriegs-Polens und brachte den Werktätigen im Westen von Belarus und der Ukraine die Rettung vor den faschistischen Eroberern."

Sergej Pantschenko
DW-RADIO/Belarus, 9.9.2007, Fokus Ost-Südost