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Fokus Osteuropa

Belarus kündigt erstes eigenes Atomkraftwerk an

Der Sicherheitsrat in Minsk hat beschlossen, ein Atomkraftwerk zu bauen. Befürworter und Gegner des Projekts finden sich in den Reihen der Opposition, aber auch der Staatsmacht. Umstritten ist eine Beteiligung Russlands.

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Der geplante Bau eines Kernkraftwerks in Belarus war Thema einer Sitzung des belarussischen Sicherheitsrates am 15. Januar. Präsident Lukaschenko kritisierte bei dieser Gelegenheit, dass die entsprechenden Vorbereitungen zu langsam verliefen. Das Projekt sei noch immer nicht ausgereift, unter anderem seien der Generalauftragnehmer und der Ort der Anlage noch nicht bestimmt. Die Gegner des Atomprojekts, die sich vor allem unter den Oppositionellen des Landes finden, machten das Staatsoberhaupt darauf aufmerksam, dass "aufgrund der Explosion bei den Preisen für fossile Rohstoffe rings um Belarus herum geplant ist, eine gewaltige Anzahl von Reaktoren zu bauen". Während nicht alle Oppositionelle gegen den Bau eines Atomkraftwerks in Belarus eintreten, sind übrigens auch nicht alle Vertreter der Staatsmacht für eine solche Anlage.

Argumente pro und contra

Der einstige belarussische Parlamentspräsident Stanislaw Schuschkewitsch, der mehr als 20 Jahre das Institut für Atomphysik an der Staatlichen Belarussischen Universität leitete, sagte, Eile in dieser Frage sei schädlich. "Man braucht eine Gruppe von Profis. Bei uns befasst man sich immer nur damit, wenn entsprechende Konjunktur herrscht. Experten für Wärmephysik bestimmen meist den Ort für den Bau eines Werks. Ich bin der Meinung, dass man bei uns die Geophysik als Wissenschaft längst vernachlässigt hat", betonte Schuschkewitsch.

Belarus sollte sich wegen Tschernobyl nicht in ein innovationsfeindliches Reservat verwandeln, sagte der ehemalige Präsident der Akademie der Wissenschaften von Belarus, Aleksandr Wojtowitsch. "Windkraft ist für Belarus lächerlich, das würde kein Problem lösen, außerdem ist dies sehr teuer. Wir haben kaum Wind und Sonnenenergie auch nicht. Wenn wir diesen Weg einschlagen, dann übernehmen uns gleich. Das sind heute noch sehr teure Energiequellen. Deswegen meine ich, es wäre sinnvoll, ein Atomkraftwerk zu bauen. Wir nehmen neue Technologien, und diese haben dazu noch Zukunft", so Wojtowitsch.

Die Pläne für ein erstes Kernkraftwerk in Belarus sind umstritten. Wissenschaftler, Befürworter eines AKWs, aber auch Gegner der Staatsmacht machen sich weniger um die Idee an sich Sorgen, sondern eher um die konkrete Umsetzung der Pläne. "Ich befürchte, dass man bei uns alles auf sowjetische Art und Weise machen wird: Nämlich den Anschein erwecken, ein Wettbewerb werde durchgeführt, und in Wirklichkeit wird man irgendein russisches Werk mit russischem Geld bauen. Das wäre sehr schlecht", sagte Schuschkewitsch besorgt.

Steht Beteiligung Russlands fest?

Dass es besser wäre, ein Atomkraftwerk ohne die Russen zu bauen, um die Energiesicherheit des Landes zu stärken, vielleicht unter Beteiligung der Franzosen, sagte auch Präsident Lukaschenko. Wenn die Russen ein AKW bauen würden, ändere sich der Anteil russischer Energieressourcen am belarussischen Energiesektor nicht. Ein Teil des Erdöls und Erdgases würden einfach durch Atombrennstoff ersetzt. Aber die politischen Meinungsverschiedenheiten mit dem Westen verhindern, dass sich Belarus von der Abhängigkeit von Russland löst.

Der Erste stellvertretende Vorsitzende des Präsidiums der Akademie der Wissenschaften von Belarus, Pjotr Witjas, sagte vor kurzem, der Bau eines Atomkraftwerks sei praktisch beschlossene Sache, und ohne die Russen werde es nicht gebaut. Auch Wladimir Timoschpolskij, der bis vor kurzem Atomprojekte in der Akademie der Wissenschaften betreute, ist zu 99 Prozent davon überzeugt, dass ein AKW von den Russen gebaut wird.

Sergej Pantschenko, DW-Belarus

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