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Fokus Osteuropa

Belarus: Geschichtsunterricht künftig nur auf Russisch

Kurz vor Beginn des neuen Schuljahres hat das Bildungsministerium einen Brief an die Schulen gerichtet, der den Geschichtsunterricht betrifft. Belarussisch als Unterrichtsprache muss weiter dem Russischen weichen.

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22 Prozent der Schüler in Belarus werden auf Belarussisch unterrichtet

In der Direktive des Bildungsministeriums wird mitgeteilt, das Fach "Geschichte von Belarus" müsse in den Klassen neun und zehn auf Russisch unterrichtet werden. Der Experte Andrej Bastunez sagte der Deutschen Welle: "Die belarussische Sprache wird in ein gewisses Reservat verdrängt. Früher herrschte sie im staatlichen Radio und Fernsehen. Alle Schilder waren auf Belarussisch. Dass jetzt auch die belarussische Geschichte an die Reihe gekommen ist, zeigt, dass dies einfach ein konsequentes und systematisches Vorgehen der Staatsmacht ist."

Imperiale Politik wird belohnt

Wladimir Kolas, Leiter des von den Behörden geschlossenen belarussischen Lyzeums, meint, für alles sei die Politik verantwortlich: "Alles läuft im Fahrwasser der Politik, die von der heutigen Staatsmacht verfolgt wird und bestimmt nicht von Minsk aus gesteuert wird. Es ist eine Politik, die wir noch aus der Sowjetzeit kennen – die Geschichte wird umgeschrieben und die Nationalsprachen verdrängt. Diese Politik hat auch eine Bezeichnung: imperial. Diese Staatsmacht setzt die imperiale Politik um und erhält dafür wirtschaftliche Unterstützung."

Menschen leicht zu manipulieren

Geschehen ist in den vergangenen Jahren viel. Zwischen 1995 und 2005 wurde in 435 belarussischen Schulen Russisch als Unterrichtssprache eingeführt. Geschlossen wurde das einzige belarussische Lyzeum des Landes. Heute werden nur etwa 22 Prozent der Schüler auf Belarussisch unterrichtet. Im Lande besteht keine einzige Universität, in der auf der Sprache der Titularnation gelehrt wird.

Experten sind sich darin einig, dass Menschen, die ihre Muttersprache nicht beherrschen, ihre Kultur und Geschichte nicht kennen, leicht zu manipulieren sind. Der belarussische Präsident Aleksandr Lukaschenko hatte bereits mehrfach erklärt, er sei kein Belarusse, sondern ein Sowjetmensch.

Andrej Bastunez sagte in diesem Zusammenhang: "Bei uns gab es überhaupt keine belarussische Geschichte. Die Tatsache, dass sie heute in höheren Klassen auf Russisch gelehrt werden soll, stellt eine Rückkehr zu dem Konzept dar, als angeblich keine eigenständige Geschichte von Belarus existiert hatte, sondern nur die der Sowjetunion oder der Länder, die sich auf dem Gebiet des Imperiums befanden. Es ist traurig, dass auf diese Politik nicht entsprechend reagiert wird, seitens derjenigen, denen heute das Schicksal unserer Kinder, unserer jungen Generation anvertraut ist."

Lukaschenkos Aufmarschgebiet

Der Schriftsteller und Historiker Wladimir Orlow, Autor des Buches "Zehn Epochen der belarussischen Geschichte" und der populären Enzyklopädie " Das Land Belarus" meint: "Dies ist ein weiterer Beweis dafür, dass Lukaschenko absolut nicht interessiert ist am Aufbau eines souveränen Staates, der auf demokratischen und nationalen Werten basiert. Die Geschichte und Sprache zählen zu den wichtigsten Werten. Lukaschenko hat sich von seinem Plan, in der russischen Politik mitzuspielen, nicht verabschiedet, deswegen braucht er ein entnationalisiertes Aufmarschgebiet, von dem aus er versuchen könnte, seine ambitionierten Pläne umzusetzen."

Natalja Grigorjewa
DW-RADIO/Russisch, 8.8.2006, Fokus Ost-Südost