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Fokus Osteuropa

Belarus: Ex-Offizier übergibt Deutscher Welle geheime Aufnahmen

Ein ehemaliger Offizier einer Spezialeinheit hat heimlich Aufnahmen von Gesprächen mit Vorgesetzten erstellt, die nun der DW vorliegen. Sie geben Einblick in die Denk- und Arbeitsweise des weißrussischen Regimes.

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Igor Makar (Mitte) bei der Deutschen Welle

Er war auf Seiten der Macht: Igor Makar, Offizier von ALMAS, einer Spezialeinheit zur Terrorbekämpfung, die aber tatsächlich zur Bekämpfung der demokratischen Opposition eingesetzt wurde und wird. Doch nach sechs Jahren bei ALMAS kamen Makar Zweifel, und er nahm Kontakt mit dem Oppositionspolitiker Aleksandr Kosulin auf. Das blieb nicht lange verborgen. Der angedrohten Entlassung kam Makar zuvor. Er quittierte den Dienst und wurde Sicherheitsberater und Personenschützer des Oppositionsführers Kosulin.

Zuckerbrot und Peitsche

Die Staatsmacht nahm das nicht einfach hin. Makar wurde zum Kommandeur von ALMAS zitiert, zu Nikolaj Karpenkow, und der bearbeitete ihn mit Zuckerbrot und Peitsche. Mit verstecktem Mikrofon zeichnete Makar die Begegnung auf. Sein Vorgesetzter bot ihm Folgendes an: "Wenn Sie als Offizier uns helfen, Provokationen zu verhindern, wenn Sie uns kompromittierendes Material beschaffen, dann bekommen Sie einen Pass und können reisen, wohin Sie wollen. Das kann ich garantieren. Wenn Sie bleiben wollen und uns helfen, dieses Netz von Leuten, die das Land ins Chaos stürzen wollen, zu eliminieren, können Sie wieder in den Dienst eintreten."

Sollte Makar nicht auf dieses Angebot eingehen, so habe er mit entsprechenden Konsequenzen zu rechnen, machte sein Vorgesetzter ihm im Gespräch deutlich: "Ich warne Sie offiziell als Kommandeur der Spezialeinheit: Sie haben das Gesetz verletzt, und es gibt allen Grund, Sie festzunehmen, ins Gefängnis zu stecken und mit Ihnen ins Reine zu kommen. Sie haben Scheiße gebaut."

Innenminister schwärmt von Vorzügen einer Diktatur

Igor Makar ließ sich daraufhin zum Schein auf eine Rolle als Doppelagent ein. Das brachte ihm einen Termin beim weißrussischen Innenminister Wladimir Naumow persönlich ein. Auch dieses Gespräch konnte Makar aufzeichnen. Es ist noch aufschlussreicher, zeigt es doch, wie sicher sich das Regime Lukaschenko fühlt. Auf der Aufnahme sagt Innenminister Naumow: "Russland hat seine eigenen wirtschaftlichen und politischen Interessen, und ich sage Ihnen: Russland wird Weißrussland niemals fallen lassen, damit sich die ukrainische Variante nicht wiederholt."

Und dann schwärmte Innenminister Naumow von den Vorzügen der Diktatur: "Man kann besser Geschäfte machen in einem diktatorischen Land wie Weißrussland, wo jeder in Ruhe arbeiten kann, ohne dass dir jemand auf die Pelle rückt oder dich erschießt."

Schritt in die Öffentlichkeit

Als der vermeintliche Doppelagent Igor Makar zwei Tage vor der Wahl am 19. März 2006 kompromittierende Unterlagen über die Opposition übergeben sollte, setzte er sich über Moskau nach Litauen ab. Dort erhielt er politisches Asyl. Angst hatte Makar aber noch lange. Im Gespräch mit der Deutschen Welle erzählt er: "Ich hatte große Sorge um meine Sicherheit. Die Bänder hatte ich noch einem Freund anvertraut, der sie sofort veröffentlichen sollte, wenn mir etwas zustößt. Außerdem sitzt Kosulin im Gefängnis, verurteilt zu fünf Jahren. Ich möchte helfen, dass er frei kommt." Aus diesem Grund habe er sich nun der Deutschen Welle anvertraut - deren weißrussisches Programm dem Regime Lukaschenko übrigens ein besonderer Dorn im Auge ist.

Peter Stützle
DW-RADIO, 18.7.2007, Fokus Ost-Südost