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Fokus Osteuropa

Belarus: Diskussion um AKW-Planung

Der belarussische Premier hat erklärt, Belarus ziehe den Bau eines Atomkraftwerks in Betracht. Umweltschützer kündigen bereits eine Protestbewegung an. Wissenschaftler hingegen sehen keine Alternative zur Atomenergie.

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Atomkraft als Übergangsphase?

Dieses Jahr läuft in Belarus das Moratorium ab, das einen Planungsstopp für Atomkraftwerke vorsah. Der belarussische Premierminister Sergej Sidorskij erklärte vor kurzem, Belarus verfüge über genügend technische Erfahrung und wissenschaftliches Potential, um sich für den Bau eines Atomkraftwerks zu entscheiden. Dem Premier zufolge wurde diese Frage in der Regierung aber noch nicht diskutiert. Präsident Aleksandr Lukaschenko habe allerdings nicht ausgeschlossen, ein Referendum über diese Frage abzuhalten, betonte Sidorskij.

"Wir haben genug von Tschernobyl"

Irina Suchij, Vorsitzende der seit zehn Jahren bestehenden gesellschaftlichen Vereinigung " Ekodom ", kündigte bereits eine Anti-Atom-Kampagne an. Im Gespräch mit der Deutschen Welle sagte sie: "Die Regierung, der Premier, haben offiziell erklärt, Belarus beabsichtige ein Atomkraftwerk zu bauen. Wir sind kategorisch dagegen und werden alles unternehmen, um den Bau eines Atomkraftwerks zu verhindern. Das Geld sollte man in die Entwicklung erneuerbarer Energien investieren. Wir haben genug von Tschernobyl. Es gibt keine sicheren Atomtechnologien. Jeden Tag kommt es in Atomkraftwerken mehr oder weniger zu Störfällen, die zwar nicht zu Explosionen führen, aber niemand weiß, wann dies geschehen wird. Außerdem ist das Problem, wie radioaktive Abfälle gelagert werden sollen, weltweit ungelöst."

Die Initiatoren der Anti-Atom-Bewegung rechnen mit der Unterstützung der Öffentlichkeit. Wie stark sie sein wird, hängt auch davon ab, ob die Menschen in Belarus über die Probleme der Atomenergie gut informiert sein werden. Suchij fürchtet ein Referendum über den Bau eines Atomkraftwerks. Dazu sagte sie: "Wir alle wissen, wie Ergebnisse von Volksbefragungen bei uns zustande kommen."

Gefährliche Alternativen

Wissenschaftler sind der Ansicht, dass es keine völlig sicheren Energiequellen gibt. Das Mitglied der Akademie der Wissenschaften von Belarus, Anatolij Kudelskij, macht sich Sorgen über die Umwelt, aber auch über die Energie-Unabhängigkeit. Er meint, um wirtschaftliche Erschütterungen zu verhindern, müsse man heute in Betracht ziehen, dass politische Stürme auch den Energiebereich erfassten – die Förderung von Öl und Erdgas sowie deren Transport.

Kudelskij sagte der Deutschen Welle: "Die Atomenergie ist so gefährlich, wie die von einigen Wissenschaftlern, Politikern und Ökologen vorgeschlagene Nutzung inländischer Ressourcen. Diskutiert wird die Holzverbrennung. Aber wenn wir die belarussischen Wälder abholzen, dann ist doch klar, was mit dem Boden geschieht, der aus Sandschichten besteht: Es entsteht eine kalte Wüste."

Die Nutzung der in Belarus vorhandenen Braunkohle, die reich an Schwefel ist, wird Kudelskij zufolge eine beispiellose Schwefelbelastung der Umwelt nach sich ziehen. Der Wissenschaftler erläuterte, die Energieressourcen in Belarus, in einem Land mit gemäßigtem Klima, seien beschränkt. Es gebe keine starken Winde und wenig Sonnenenergie.

Erst Atom-, dann Wasserstoffenergie

Kudelskij befürwortet den Bau eines Atomkraftwerks in Belarus. Seinen Standpunkt begründet er wie folgt: "Wenn wir wollen, dass unsere Kinder und Enkel unter normalen Bedingungen leben, dann sollten wir nicht gegen den Bau eines Atomkraftwerks eintreten."

Im Zusammenhang mit der Umweltsicherheit betonte Kudelskij, dass in westlichen Atomkraftwerken die Anlagen durch Ingenieure vernünftig betreut würden. Zu dem, was in Tschernobyl geschah, sagte er: "Die Schuld für Tschernobyl tragen Menschen: Politiker, Konstrukteure, das Personal."

Kudelskij blickt auch in die fernere Zukunft: "Wir sollten außerdem an die kommenden Generationen denken. Vielleicht sollten wir uns auch mit der Wasserstoffenergie befassen. Mit der befasst man sich weltweit zu wenig." Dem Mitglied der Akademie der Wissenschaften von Belarus zufolge sollten sich sowohl Politiker und Wissenschaftler für diesen Weg einsetzen.

Jelena Danejko
DW-RADIO/Russisch, 25.4.2006, Fokus Ost-Südost