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Nahost

Belagerung als Kriegsstrategie

Die Vereinten Nationen schlagen Alarm: Über 250.000 Syrer leben in belagerten Städten. Von der Außenwelt abgeschnitten werden sie zur Spielmasse verfeindeter Kräfte, denen zum Sieg über den Gegner jedes Mittel recht ist.

Sie sind in Sicherheit: Rund 1000 Menschen konnten das belagerte Homs Anfang Februar verlassen. Mehr als anderthalb Jahre hatten sie in der Stadt ausgeharrt, nachdem Truppen des Regimes von Baschar al-Assad sie im Mai 2011 zu belagern begannen und den Ring um sie in den folgenden Monaten immer enger zogen. Am Ende kam niemand mehr aus der Stadt heraus. Auch betreten konnte sie niemand mehr. Systematisch kappten Assads Truppen die Versorgungslinien in die Stadt. Weder Nahrungsmittel noch Treibstoff erreichten die Bewohner. Die Vorräte verknappten sich, die Lage für die Menschen wurde immer schwieriger. Bereits im März 2012 wies UN-Generalsekretär Ban Ki-Moon auf die katastrophale Lage der Eingeschlossenen hin: "Die brutalen Kämpfe halten die Zivilisten in ihren Häusern gefangen. Sie haben weder Nahrung, Wärme, Strom noch medizinische Versorgung. Die Menschen mussten Schnee schmelzen, um trinken zu können." Doch es dauerte zwei weitere Jahre, bis zumindest einige Menschen die Stadt verlassen konnten. Mehrere Tausend sind weiterhin in der Stadt eingeschlossen.

Wie den Bewohnern von Homs geht es rund 250.000 Menschen in Syrien. Etwa 15 Städte oder Stadtviertel werden belagert. Einige sind von den Truppen Assads eingeschlossen, andere von dschihadistischen Oppositionsgruppen. Nun hat der Human Rights Council der Vereinten Nationen in einem umfassenden Report zum Krieg in Syrien auf die Lage der Menschen aufmerksam gemacht, die in den umzingelten Städten leben. "In dem Report dokumentieren wir, wie Regierungs- und wahrscheinlich auch Milizengruppen weiterhin großangelegte Angriffe auf Zivilisten durchführen. Dabei setzen sie auf systematischen Mord, auf Folter, Vergewaltigung und Verbrechen gegen die Menschlichkeit", erklärte

Paulo Sérgio Pinheiro

, der Vorsitzende der UN-Untersuchungskommission für Syrien, bei der Vorstellung des Berichts.

Zuspitzung der Gewalt

Ein Panzer der Regierungstruppen kontrolliert Zufahrstwege in die Stadt Homs, 01.02.2014 (Foto: AFP / Getty Images)

Tödliche Barriere: Ein Panzer der Regierungstruppen kontrolliert Zufahrtswege in die Stadt Homs

Der Report dokumentiert die Logik der Gewalt in einem Krieg, in dem diplomatische Bemühungen bislang scheiterten. Regierung und Opposition konnten sich bei den als "Genf 1" und "Genf 2" bezeichneten Friedenskonferenzen nicht auf einen Minimalkonsens einigen. Beide Seiten setzen alles auf eine Karte. Das Ende des Krieges ist für sie nur durch den Sieg über den jeweils anderen möglich. Diese Logik, das zeigt der Bericht, treibt sie zu einem

immer rücksichtsloseren Vorgehen

. Leidtragende der eskalierenden Gewalt sind die syrischen Zivilisten - neben den rund neun Millionen Flüchtlingen inner- und außerhalb des Landes vor allem die in den Städten Eingeschlossenen.

So haben die Regierungstruppen die Lieferungen von Hilfsgütern eingeschränkt oder ganz unterbrochen, heißt es in dem Report. Auch chirurgische Geräte würden sie nicht in die Städte lassen, denn mit diesen, so ihr Argument, könnten auch verwundete Kämpfer der Opposition versorgt werden. Gleichzeitig nehmen die Truppen die belagerten Städte unter Beschuss. "Periodische Bombardierungen verursachten Verletzungen, die nicht behandelt werden konnten und zu hohen Todesraten führen", beschreibt der Bericht die Situation in Homs. "Scharfschützen aus den Reihen der Regierungstruppen, die sich an sämtlichen Zugangspunkten positioniert hatten, behinderten die Mobilität und schossen wahllos auf Personen."

Hilfstruppen der UN verteilen Lebensmittel in Aleppo, 7.2. 2013 (Foto: dpa)

Hunger: Hilfstruppen der UN verteilen Lebensmittel in Aleppo

Lebensmittelknappheit und Unterernährung

Die systematische Abriegelung hat in vielen Städten zu einem akuten Mangel an Lebensmitteln geführt. Zu besonders dramatischen Umständen führte die Unterversorgung in der südwestlich von Damaskus gelegenen Stadt Muadamiyah. "Bewohner berichten, dass sie sich von Oliven, Blättern, Gras und Kräutern ernährten, nachdem Weizen und Reis verbraucht waren", heißt es in dem Report. Zwar konnten im Oktober 2013 rund 5000 Menschen die Stadt verlassen. Männer im kampffähigen Alter waren allerdings nicht dabei - sie müssen auf Geheiß der Regierung weiter in Muadamiyah ausharren. "Sie fürchten, verhaftet oder getötet zu werden oder dass man sie 'verschwinden' lässt", so der Report.

Ähnlich dramatisch sieht es in jenen Städten aus, die von nicht-staatlichen Gruppen belagert werden. Diese lassen überhaupt keine Hilfslieferungen passieren, heißt es in dem Report. Als Truppen Assads in das überwiegend von Schiiten bewohnte Al-Ghab-Tal in der Nähe von Hama einzogen, um die Bewohner vor Übergriffen durch rund um das Tal siedelnde Sunniten zu schützen, riegelten die Besatzer das Tal komplett ab. Bauern, die auf den Feldern Landwirtschaft zu betreiben versuchten, wurden von Scharfschützen erschossen. "Wiederholte Erschießungen und Entführungen haben es für die Bewohner von Mirdash und Shatha unmöglich gemacht, ihr Land zu bewirtschaften. Das hat sie um ihre Haupteinnahmequelle und Versorgung gebracht", heißt es in dem Report.

Eine Frau und ihr Kind horten Lebensmittel in Aleppo, 19.2. 2013 (Foto: EPA)

Ein knappes Gut: Lebensmittel steigen im Preis

Keine Ende des Leidens in Sicht

Die Belagerung hat für Kinder besonders dramatische Konsequenzen: "Der Konflikt verschärfte die Gewalt gegen Kinder. Sie leiden daran, viel zu früh verheiratet zu werden, an sexueller Gewalt und an Vergewaltigung", so Paulo Sérgio Pinheiro, der Vorsitzende der UN-Untersuchungskommission, bei der Vorstellung des Berichts.

Am Ende des Reports geben die Autoren Hinweise zur Linderung der humanitären Not. So empfehlen sie, die nötigen Hilfs- und Nahrungsmittel zu den Eingeschlossenen durchzulassen. Ihre Menschenwürde müsse geachtet werden. Die Empfehlungen sind eindeutig. Die Kriegsparteien müssten sie nur umsetzen. Dazu werden sie allerdings schon seit drei Jahren aufgefordert.