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Geschichte

Beklemmendes Zeugnis der Juden-Deportation

Vor 20 Jahren wurden sie in einem Schrank entdeckt: Die einzigen noch erhaltenen Aufzeichnungen aus einem Polizeiarchiv, die die Deportation der französischen Juden dokumentieren. Nun sind sie in Paris ausgestellt.

Eines der historisch bedeutsamsten Dokumente ist das geheime "Memo 173-42" vom 13. Juli 1942: ''Die Behörden der Besatzer haben sich dazu entschieden, eine große Zahl ausländischer Juden festzunehmen.“ Auf dem über neun Seiten langen Dokument beschreibt der Chef der Pariser Polizei detailliert den Befehl, den Holocaust auf französischem Boden anzuordnen. Drei Tage später verhafteten französische Polizisten mehr als 13.000 Pariser Juden. Die Beamten waren in zwei Gruppen aufgeteilt - die eine uniformiert, die andere in Zivil, begleitet von einem deutschen Soldaten.

Internierungslager in Drancy (Foto: DW)

Internierungslager in Drancy

"Sehr viele Dokumente aus dieser Zeit wurden am Ende des Krieges zerstört. Die Aufzeichnungen sind eine Seltenheit, sie sind einzigartig", sagt Olivier Accarie Pierson, Kuratorin der Ausstellung, die derzeit im Rathaus des dritten Arrondissement in Paris zu sehen ist. Rätselhaft ist, warum die Dokumente, die den Alltag in Paris während der deutschen Besatzung festhalten, ausgerechnet in diesem Stadtbezirk erhalten blieben. Ob dies auf einen Akt zivilen Ungehorsams oder einfach auf Nachlässigkeit der Behörden zurückgeht, weiß niemand, sagt Accarie Pierson. Doch eines Tages, vor etwa 20 Jahren, wurden sie in einem Küchenschrank entdeckt.

Fundgrube der Informationen

Es ist das erste Mal, dass die Dokumente der Öffentlichkeit zugänglich gemacht werden. Historiker untersuchen sie dagegen schon, seit sie ins zentrale Pariser Polizei-Archiv gebracht wurden. Das Archiv ist eine Informations-Fundgrube mit Details des Pariser Lebens - es reicht zurück bis vor die Französische Revolution.

Zu den Dokumenten der Ausstellung gehören auch hunderte Namenslisten. Sie wurden von einem französischen Polizisten während der von den Deutschen befohlenen Juden-Zählung von 1940 sorgfältig notiert. Die Zahlen wurden ein Jahr später noch einmal aktualisiert, als die Juden ihre Radiogeräte aushändigen mussten. Die Namen und Adressen derjenigen, die den Anordnungen gehorchten, wurden aufgeschrieben, um sie für künftige Durchsuchungen zu benutzen. Es fiele schwer, beim Lesen nicht von der abgehackten Amtssprache schockiert zu sein, sagt Accarie Pierson: "Darin geht es ja um das Schicksal tausender Menschen, um Männer, Frauen und Kinder, die kurz darauf in den Konzentrationslagern starben!"

"le tout" - "das Ganze"

Volkszählung von Juden in Paris, 1940 (Foto: DW)

Volkszählung von Juden in Paris, 1940

Nach der Verhaftung wurden die Juden in zwei Lager gebracht - ins sogenannte "Vélodrome d'Hiver" im Westen von Paris und in ein Internierungslager, das in Drancy, vor den Toren der Hauptstadt, eingerichtet worden war. Obwohl keine Fotos aus den Lagern während der Besatzungszeit mehr erhalten sind, müssen die Bedingungen schrecklich gewesen sein. Auf einem Nachkriegsfoto vom Inneren des Pariser Lagers sei zum Beispiel zu sehen, dass es nicht einmal Betten dort gab, erklärt Accarie Pierson.

1942 wurden die Juden in Paris bereits wie Tiere behandelt. Polizei-Chef René Bousquet arbeitete bei den Durchsuchungen direkt mit der Gestapo zusammen. Die bürokratische Sprache lässt an manchen Stellen die Verachtung für die Juden auch bei anderen Polizeichefs erkennen. So zum Beispiel der Vermerk zur Deportation der Juden aus dem Pariser Lager: "Das Vélodrome d'Hiver wurde befreit", schrieb ein Polizist. "Ein paar persönliche Gegenstände und 50 kranke Menschen wurden zurückgelassen. Das Ganze ('le tout') wurde nach Drancy überführt."

Mutige Helfer

Memo von der Polizei, Paris, 13, Juli 1942 (Foto: DW)

Memo der Polizei, Paris, 13, Juli 1942

"Die meisten Polizisten gehorchten den deutschen Befehlen. Obwohl sie ahnten, welche Absicht dahintersteckte, führten sie sie aus, bevor die Deutschen sie dazu aufforderten", sagte Accarie Pierson. Allerdings widersetzten sich auch Einzelne den Anordnungen. Die französische Polizeiführung hatte erwartet, mehr als 27.000 Menschen zu verhaften. Dass sie diese Zahl nicht erreichten, lag am Mut einzelner Polizeibeamter, erklärt Accarie Pierson. "Ein paar Tage vor den Verhaftungen gingen viele Polizisten in die Häuser der Menschen, die sie festnehmen sollten und sagten zu ihnen, 'wenn wir am 16. Juli kommen, wenn wir an die Tür klopfen, sorgen Sie dafür, dass Sie nicht da sind. Sie müssen fliehen!‘"

Viele wurden gewarnt und flohen, aber nur wenige dachten, dass die Polizei auch Frauen und Kinder verhaften würden. Dies erklärt, warum unter den 13.152 in jener Nacht festgenommenen Menschen fast 10.000 Frauen oder Kinder waren. Von den 13.152 französischen Juden, die an jenem Morgen zusammengetrieben worden waren, wurden fast alle in Auschwitz getötet.

Auf Spurensuche

Einer der Polizisten half der Familie von Moise Weinflasch bei der Flucht. Wie viele andere Besucher der Ausstellung sucht auch Weinflasch nach einer Spur von seiner Familie. Während des Krieges lebten seine Eltern und seine Schwester in der Nähe des Rathauses. In der Nachbarschaft wohnte eine alte Dame: "Sie flohen, weil jemand sie gewarnt hatte, dass Juden verhaftet würden. Sie mussten sich irgendwo verstecken und sie wussten nicht, wohin sie gehen konnten. Darum sagte meine Mutter: 'Wir fragen die alte Dame, ob sie uns verstecken kann.' Und die Nachbarin versteckte tatsächlich die ganze Familie", erzählt Weinflasch. "Fünf Menschen in einer 60 Quadratmeter großen Wohnung." Weinflasch und seine Familie haben noch Kontakt zu der Familie der alten Dame.

Ein anderer außergewöhnlicher Beweis von Rebellion gegen die Deutschen ist ebenfalls in der Ausstellung zu sehen: gelbe Sterne, die einige junge nichtjüdische Pariser anfertigten und trugen, um die NS-Rassenpolitik zu verhöhnen und gegen sie zu protestieren. Auf einem der Sterne steht "Goi" - das hebräische Wort für Heide oder Nichtjude. Andere Sterne, die Jazz-Fans getragen hatten, wurden mit dem Wort "Swing" beschriftet. Acht Träger dieser Parodie-Sterne wurden mit den Juden im Lager Drancy interniert und dort für zwei Monate festgehalten. Sie mussten dort Abzeichen mit dem Satz tragen: "Ich liebe Juden."

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