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Nahost

Beirut: Erschütterung ja, Einsturz nein

Die Terrormiliz "Islamischer Staat" hat sich zu dem schweren Doppelanschlag im Libanon bekannt. Bente Scheller von der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut glaubt aber an die Widerstandsfähigkeit des Landes.

DW: Frau Scheller, wie schwerwiegend ist dieser Anschlag?

Bente Scheller: Für uns ist es wirklich schockierend, weil es der größte Anschlag in vielen Jahren ist und er auch ziemlich aus heiterem Himmel kam. Wir müssen zwar hier immer mit so etwas rechnen, aber wir hatten eine sehr lange ruhige Phase. Wir rätseln noch, was dahinter steckt, aber in jedem Fall ist das etwas, was dieses Land sehr erschüttert.

Ist das ein Anschlag, wie es der sunnitische IS selbst darstellt, gegen die schiitischen Hisbollah-Milizen im Libanon, die Verbündete des syrischen Präsidenten Baschar al-Assad sind?

Ich wäre vorsichtig, das so zu interpretieren. Natürlich hat der "Islamische Staat" hier die Verantwortung übernommen. Aber es gibt kein eigenes IS-Video dieses Anschlages, was ich sehr ungewöhnlich finde. Ich denke auch, dass alle Interpretationen, die in diese Richtung gehen, natürlich die Polarisierung des Landes befördern. Und es hat einen Stadtteil getroffen, in dem zwar die Hisbollah stark ist, wo aber auch Palästinenser und Syrer leben. Wenn man die Hisbollah treffen wollte, hätte es genügend Möglichkeiten gegeben, sie auch andernorts zu treffen, um wirklich ein deutliches Zeichen gegen ihr militärisches Engagement in Syrien zu setzen.

Bente Scheller (Foto: N. Engelhardt)

Bente Scheller: "Das Totenglöckchen für die Stabilität des Libanon hat schon oft geläutet"

Welche Rolle spielt die Hisbollah im syrischen Bürgerkrieg, wie wichtig ist sie strategisch?

Für Assad ist sie sehr, sehr wichtig. Wir haben ja gesehen, dass seine Milizen und seine Armee nicht besonders schlagkräftig waren. Sie sind immer schwächer geworden und deswegen über die Jahre immer abhängiger von der Hisbollah und ihrem Engagement. Deshalb ist es für Syrien in jeder Hinsicht außerordentlich wichtig, wie sich die Hisbollah dort engagiert. Aber für den Libanon stellt sich die Situation ganz anders dar. Hier wird das Engagement der Hisbollah als das Abwehren von Terrorismus verkauft. Die Hisbollah argumentiert: Wir bekämpfen den Terrorismus außerhalb unserer Landesgrenzen, damit er gar nicht erst hierher kommt. Und nach dieser Sichtweise ist es natürlich besonders schlimm für die Hisbollah, wenn so etwas auf dem eigenen Territorium geschieht.

Könnte das der Beginn einer Ausweitung des syrischen Bürgerkrieges auf den Libanon sein?

Natürlich haben wir eine sehr angespannte, hochriskante Situation. Aber Politiker aller Fraktionen haben das verurteilt, haben ihr Mitleid gegenüber den Opfern ausgesprochen. Heute ist ein Tag der nationalen Trauer. Hier versucht wirklich die politische Elite, sich gegen den Terror geeint zu zeigen und auf die Einheit des Landes und der Bevölkerung hinzuwirken.

Sehen Sie den Anschlag auch als Versuch, den Libanon als Staat zu destabilisieren?

Ja. Ich denke, alle Anschläge, die wir in den letzten Jahren gesehen haben, gehen in diese Richtung, weil klar ist, dass in einer sehr heiklen politischen Situation so etwas durchaus zu Ausschreitungen führen kann, dass hier das sorgsam austarierte Gleichgewicht zwischen den Akteuren jedes Mal in Gefahr gerät. Natürlich herrscht auch ein Volkszorn, weil so viele Syrer hier sind. Man muss sich vor Augen halten, dass wir etwa zwei Millionen Syrer hier im Land haben, denen stehen vier Millionen Libanesen gegenüber. Das ist eine sehr schwierige Situation. Deshalb ist jeder Anschlag eine potenziell große Gefahr für den sozialen Frieden.

Wie stabil ist der Libanon zurzeit - politisch, religiös, gesellschaftlich?

Das Totenglöckchen für die Stabilität hat man schon oft läuten hören. Wenn man vielen Berichten glauben darf, befindet sich das Land stets am Rande des Abgrunds, und gewissermaßen ist es auch so. Aber andererseits würde ich das Land auch mit einem Gebäude vergleichen, das in einem Erdbebengebiet gebaut ist. Es ist schwankend, es ist damit aber auch flexibel. Und bis jetzt haben wir immer beobachten können, dass das Land mit dieser Konstruktion recht gut gefahren ist, obwohl der Druck von außen durch den Bürgerkrieg immer größer geworden ist.

Sollte es weitere Anschläge geben, könnte dann eine neue Fluchtbewegung aus den libanesischen Flüchtlingslagern in Richtung Türkei oder Europa einsetzen?

Ich weiß nicht, ob der Trend dadurch so sehr steigen wird. Viele gehen weg, aber nicht, weil der Libanon so unsicher wäre. Aber die Rechtssituation der Flüchtlinge ist so unsicher, dass viele hier keine Perspektive sehen. Viele haben sich deswegen schon auf den Weg gemacht, entweder zurück nach Syrien oder nach Europa. Das wird sich sicherlich auch so fortsetzen. Aber ich glaube nicht, dass durch diesen Anschlag noch einmal eine große Flüchtlingswelle kommen wird.

Bente Scheller leitet das Büro der Heinrich-Böll-Stiftung in Beirut, die den Grünen nahesteht.

Das Gespräch führte Christoph Hasselbach.

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