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Deutschland

Beifreiung in Fußballschuhen

Frauenfußball hat es längst aus der Nische geschafft. Doch wenn die kickenden Mädchen Muslimas sind, müssen sie sich vor ihren Familien noch immer rechtfertigen. Die halten von Mädchenfußball nämlich oft gar nichts.

Das Mädchenteam von Türkiyemspor (Foto: Türkiyemspor)

Das Mädchenteam von Türkiyemspor

Berlin-Schöneberg, in einem Migrantenstadtteil: Ein Dutzend Mädchen spielt in einer Turnhalle Fußball. Die meisten sind türkischer und arabischer Herkunft. Jessika Mansour zum Beispiel. Sie spielt in einer Mädchenmannschaft des Sportclubs Türkiyemspor. Und muss sich für ihr Hobby immer wieder vor ihren Eltern rechtfertigen. "Mein Vater macht immer Witze darüber. Er verarscht mich: Na du Fußballerin? Gehst du wieder zum Training?" Und auch ihre Mutter hält nicht viel von ihrer Leidenschaft. "Du gehst nicht zum Training, es gibt viel zu putzen zu Hause, du darfst jetzt nicht gehen. Immer solche Sachen!"

Die 17-Jährige musste für ihr Hobby bei ihren libanesischen Eltern regelrecht kämpfen. Genauso wie ihre türkischstämmige Freundin Hülya Kaya. Auch sie hat die Vorurteile der älteren Generation gegen den Ballsport zu spüren bekommen. "Die denken erstmal, ein Mädchen sollte keine Shorts anziehen", sagt sie.

Die Eltern sind noch nicht angekommen

Training von Türkiyemspor (Foto: DW)

Ausländerfeindliche Parolen hören die Fußballer bei vielen Spielen

Ihre Eltern leben noch immer in der alten Heimat, der alten Kultur, finden die Mädchen. Sie selbst seien dagegen in Deutschland angekommen. "Wir sind halt moderner als unsere Eltern. Aber ich glaube, die haben irgendwann mal aufgehört zu reden, weil die wissen, die kriegen uns nicht rum", sagt Jessika.

Ihr Trainer Murat Dogan, 33 Jahre alt, hat immer wieder Schwierigkeiten, Spielerinnen für sein Team zu finden. Viele türkische Eltern wollen, dass ihre Kinder lieber traditionell leben, erzählt er. "Die meisten Familien kommen aus Ostanatolien, aus Dörfern in eine große Stadt wie Berlin. Da dauert es natürlich nicht nur zwei, drei, oder zehn Jahre, sondern zwei, drei Generationen, bis sich da etwas entwickelt."

Heiraten statt Kicken

Besonders problematisch wird es, wenn die Mädchen in die Pubertät kommen. In der alten konservativen Gesellschaft Ostanatoliens war es üblich, dass die Mädchen mit 17, 18 Jahren heiraten. Fußball ist von dieser Realität so weit entfernt wie Ostanatolien von Berlin. "Da gehört es sich eben nicht, Fußball zu spielen, da muss man sich um andere Sachen kümmern. Eine gute Ausbildung machen, damit man gut vorbereitet ist auf die Ehe", sagt der Trainer.

Die jungen Spielerinnen müssen nicht nur gegen die eigenen Eltern anstürmen. Sondern auch manchmal gegen feindlich gesinnte Fans. Jessika Mansour klagt über die deutschstämmigen Zuschauer, die bei Turnieren mitunter ausländerfeindliche Parolen grölen. "Die Eltern der gegnerischen Spielerinnen stehen meistens am Rand und rufen halt ins Spielfeld mitten rein: Scheiß Türken, scheiß Ausländer, geht doch in Euer Land!" Es sei schwer, in so einer Situation nicht hinzuhören und wieder ins Spiel zu kommen, sagt sie. "Denn wir haben unsere Ehre. Wir reden jedenfalls immer oft von unserer Ehre. Das hat zwar vielleicht nichts mit Ehre zu tun, aber es greift uns innerlich an."

Rassistische Sprüche auf dem Platz

Training von Türkiyemspor (Foto: DW)

Die Profimannschaft von Türkiyemspor spielt in der Regionalliga

Die Türkiyemspor-Spieler räumen aber auch ein: Auch die eigenen Kicker sind keine Unschuldslämmer. Auffällig sei aber, dass der Migranten-Verein nicht mit üblichen Kraftausdrücken auf dem Rasen attackiert wird, sondern stets mit ausländerfeindlichen Parolen. Ähnliche Klagen kommen von den Männerteams des Migrantenclubs – sogar von Türkiyemspors Profimannschaft, die in der deutschen Regionalliga spielt.

Die Leitung des Sportvereins versucht gegen zu halten und für ein friedliches Miteinander zu werben: So gibt es Anti-Gewaltprojekte, Turniere mit christlichen und jüdischen Mannschaften, Aktionen beim Berliner Karneval der Kulturen sowie Extra-Förderprogramme für Frauen und Mädchen. Integration sei das Hauptanliegen des Vereins, bilanziert Clubmanager Fikret Ceylan. "Wir haben einfach nicht vorgehabt, so viel Sozialarbeit zu machen. Aber mittlerweile werden die Projekte immer mehr. Kann sein, dass wir eines Tages den Fußball total vergessen."

Autor: Jens Rosbach
Redaktion: Manfred Götzke