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10 Jahre Krieg in Afghanistan

"Bei uns ist viel Wunschdenken im Spiel!"

"Eine Lehre aus der Afghanistan-Intervention ist, dass man sich selber auch belügen kann", sagt Henning Riecke von der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik. Der NATO stellt er trotzdem ein gutes Zeugnis aus.

Henning Riecke, Leiter des Programmbereichs USA/Transatlantische Studien bei der Deutschen Gesellschaft für Auswärtige Politik (Foto: DW)

Henning Riecke

DW-WORLD.DE: Herr Riecke was hat die Intervention in Afghanistan für die Terrorabwehr gebracht?

Henning Riecke: Die terroristische Infrastruktur ist in andere Länder abgedrängt worden. Es ist gelungen, im Rahmen der Auseinandersetzung in Afghanistan, aber auch in Pakistan, weite Teile der Führungsebene von Al Kaida zu töten. Das hat die Dynamik innerhalb dieses Netzwerkes in Bewegung gebracht. Es ist jetzt wahrscheinlicher, dass lokale Gruppen versuchen, islamistische Ziele durchzusetzen - zum Beispiel auf der arabischen Halbinsel oder in Afrika. Es geht heute nicht mehr so sehr um die global orientierte, anti-westlich ausgerichtete Bewegung, die Al Kaida vor zehn Jahren noch war.

Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit Interventionen. Halten Sie es für machbar, ein kulturell und religiös sehr anders geprägtes Land mit militärischen Mitteln in Richtung Demokratie zu führen?

Ich glaube, dass das ein sehr, sehr langfristiger Prozess ist. Dafür muss viel passieren: eine Öffnung nach Außen, einen wirtschaftlichen und kulturellen Austausch mit der globalisierten Welt und langsam wachsende, politische Strukturen der Partizipation. Aber die Voraussetzung für den Beginn eines solchen Prozesses ist, dass der Bürgerkrieg beendet und die Sicherheit für die Menschen im ganzen Land gewährleistet ist. Und das funktioniert meines Erachtens nur mit militärischen Mitteln.

NATO-Soldat im Panzer, davor afghanische Soldaten mit Kampfhelmen (Foto: DW)

Sind militärische Mittel für den Aufbau eines Staates unverzichtbar?

Das Problem war, dass zu Beginn der Afghanistan-Intervention zunächst ein Regimewechsel notwendig war. Dieser komplette Neuanfang ist eine Sache, die ich nicht noch einmal empfehlen würde. Und ich glaube, das ist auch ins Bewusstsein der westlichen Sicherheitspolitik eingedrungen.

Die Art und Weise, wie gerade Deutschland im Fall Libyens gegen ein militärisches Vorgehen war, zeigt, dass die Politiker vorsichtiger geworden sind. Denn mit einem militärischen Eingreifen verbindet sich Verantwortung für die nächsten Schritte, und die beinhalten am Ende auch die politische Verantwortung des Staatenaufbaus.

Das deutsche Nein zum militärischen Einsatz in Libyen ist eine direkte Lehre aus der Afghanistan-Intervention?

Ich glaube schon, dass es eine Lehre aus Afghanistan ist, dass man sich selber auch belügen kann - so wie am Anfang viele gesagt haben, dass Afghanistan eine Demokratie nach westlichem Vorbild werden kann.

Zur Selbstlüge gehörte auch der Mythos der Bundesregierung, dass wir im Norden mit unseren Soldaten saubere Stabilisierungsarbeit leisten, während die Amerikaner im Süden und Osten des Landes den harten Kampf gegen die Terroristen führen, Türen eintreten und Bomben werfen. Es hat lange gedauert, bis die Bundesregierung diesen Mythos aufgegeben hat, der auch eine Desinformation der Öffentlichkeit war. Er hat die Menschen in Deutschland fehlgeleitet darüber, was in Afghanistan gemacht werden muss und was dort erreicht werden kann.

Heute gelten Gespräch mit den Taliban, mit den verschiedenen Gruppen der Aufständischen, als Gebot der Stunde ist. Halten Sie das für richtig?

Es ist eine Realität im Kriegsgeschehen und bei Verhandlungen in Konflikten, dass man mit dem Gegner verhandeln muss. So wie in jedem Konflikt und in jeder Kriegshandlung müssen auch die Taliban als Gegner in Verhandlungen einbezogen werden, um diesen Krieg zu beenden. Es ist unwahrscheinlich, dass man die Taliban alle töten und ihre Strukturen insgesamt zerschlagen kann, weil es zu viele Verbündete in Afghanistan selber gibt und weil sie auch von Pakistan aus operieren können.

Ich glaube, dass es einzelne Gruppierungen unter den Taliban gibt, die möglicherweise eher bereit sind, in solche Verhandlungen einzugehen als andere. Ich denke, dass es gerade durch den großen Druck auf die Taliban und ihre Führungsebene jüngere Kräfte gibt, die vielleicht noch radikaler sind als die ursprünglichen Führer, was die Verhandlungen noch schwerer machen wird. Ich glaube aber auch, dass es Spaltungen innerhalb der Taliban gibt, die man ausnutzen muss.

Ein kleines afghanisches Mädchen hält stolz sein Schulheft in die Kamera. (Foto: DW)

Sie leiden am meisten, wenn es keine politische Lösung gibt.

Ganz sicher ist, dass die Taliban selber, um das Gesicht nicht zu verlieren, einen Teil ihrer Ziele erreichen müssten. Sie müssten erreichen, dass sie selber in Afghanistan bleiben können, dass ihre Sicherheit gewährleistet ist und dass es eine Perspektive gibt auf den Abzug der westlichen Kräfte. Man muss ihnen die Möglichkeit geben, in eine politische Rolle hineinzuwachsen. Mit welchen Partnern auf der Taliban-Seite man das erreichen kann und mit welchen Angeboten das erreicht werden muss - da ist noch sehr vieles offen.

Bei uns im Westen ist viel Wunschdenken mit im Spiel, als seien Verhandlungen das eine Wundermittel, dass man nur anwenden muss, um den Konflikt zu beenden. Ich glaube, dass wir noch viele Rückschläge erleben werden.

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