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Musik

Bei Rock am Ring bebt die Eifel

Knapp 85.000 Rockfans lockte die Mutter aller deutschen Festivals am ersten Juni-Wochenende an den Nürburgring. Wieder ein Fest der Superlative, wieder mehr Bands, wieder eine maximale Auslastung an Zuschauern.

Bring Me The Horizon live on Stage! (Foto: Anders)

"Bring Me The Horizon"

Eigentlich ist alles wie immer. Erschreckend wie immer. Auf drei Bühnen geben sich die Bands das Mikro in die Hand, die Metaller unter den Musikern fordern den "Circlepit" vom Publikum, die etwas Weicheren wollen die Hände sehen, und die Elektrischen fragen alle dreißig Sekunden, ob man noch da wäre.

Die Leute auf der Tribüne regen sich über die schlechte Sicht auf, die Leute auf dem Platz skandieren "Scheiß Tribüne", weil sie es von da weder rechtzeitig auf eine Toilette noch zum Bierstand schaffen. Und dann das Wetter; entweder schmilzt man unter der Sonne auf dem Beton des alten Fahrerlagers, oder man ersäuft in wasserfallartigen Regenfällen. 26 mal Rock am Ring, 26 mal drei Tage dieselbe Platte in der Eifel.

Wenn’s anders wär', käm' keiner mehr

Bis zum Hals im Matsch versunken auf dem Campingplatz? Wir-Gefühl! Zusammen im Regen bei Coldplay absaufen? Wir-Gefühl! Bei der Band "Bring Me The Horizon" beim Pogo mitten drin gewesen? Wir-Gefühl! Nächstes Jahr kommen wir wieder? Wir-Gefühl.

Fans mit Regencapes (Foto: Anders)

... und trotz des Wetters kommen wir jedes Jahr wieder

Genau das ist die Magie dieses Festivals. So ein wenig wie die Geschichten vom Bund. Eigentlich eine schlimme Zeit, aber mit Abstand war es dann doch ganz schön da. 80 Prozent des Festivals steht man am Nürburgring an Toiletten an, sucht sein Zelt, steckt in nassen Klamotten, wird in der Menge zusammengedrückt und wartet, dass der Freund mit dem Bier zurückkommt. Aber die letzten 20 Prozent sind pure Magie.

"Ich weiß noch, wie ich das erste Mal vor zehn Jahren in diese Rockstadt gekommen bin", erinnert sich Conny Schiffbauer, Musikjournalistin und Festivalfan, "das hat mich völlig überwältigt." Oder der Moment, bei dem eine Frau anfing, beim Coldplay-Konzert vor Freude zu weinen und ihr Mann sie in den Arm nahm. Rock am Ring: Da passiert Unvergessliches.

Der Ring wird weiblich

Dem Ring 2011 wurde im Vorfeld vorgeworfen, dass das Lineup das Schwächste aller Zeiten wäre. Mit den Söhnen Mannheims, Coldplay und Hurts wären völlig untaugliche Bands ausgesucht worden. Vielleicht hat André Lieberberg, Sohn des legendären Veranstalters Marek Lieberberg, hier im Vorfeld eine Strömung gespürt.

Zwei junge flippige Mädchen bei Rock am Ring (Foto: Anders)

Weibliche Übermacht

Zum ersten Mal hatte man das Gefühl, dass mehr weibliche Besucher als männliche auf dem Platz sind. "Ich bin schon zum 15. Mal hier", meint Gabi aus Adenau. "Jedes Jahr versuche ich mehr und mehr Bands zu sehen. Mein persönlicher Rekord liegt bei 27 Bands, die ich komplett gesehen habe." Eine logistische Meisterleistung bei drei Bühnen, die Hunderte von Metern auseinander liegen und deren Zugangswege von Tausenden von Festivalbesuchern blockiert sind.

Trotz des archetypischen Verhaltens der männlichen Besucher - kurz: saufen, saufen, saufen - sind es vor allem Frauen, die mit Begeisterung dem Trip zum Ring monatelang im Voraus entgegenfiebern. "Du musst nur zu den richtigen Bands gehen", meint Conny Schiffbauer, "da stehen die Mädels in der ersten Reihe. Und nachts um vier schleppen sie ihren völlig betrunkenen Freund zum Zeltplatz zurück."

Keine Angst, sie wollen nur feiern

Rock am Ring Bühnen-Foto (Foto: Anders)

Show der Superlative

Dieses Jahr waren 40 Prozent der Tickets schon verkauft, bevor bekannt wurde, welche Bands überhaupt spielen. Rock am Ring ist ein Event, Karneval für Menschen, die keinen Karneval mögen. Drei Tage die Sau rauslassen, sich im Schlamm suhlen und mit den größten Bands dieses Planeten feiern. Dinge tun, vor denen Mama einen immer gewarnt hat. Wie ein Wunder passiert während des Festivals so gut wie nichts.

Die Organisation im Hintergrund läuft perfekt. Was auch immer an Ramba-Zamba die Fans mitbringen, die Sicherheitsmaßnahmen des Festivals fangen so gut wie alles ab. Veranstalter Marek Lieberberg ist stolz auf die "Mutter aller deutschen Festivals". Bei der obligatorischen Abschlussrede geriet er wieder ins Schwärmen. Fantastisch sei es gewesen, die Bands waren super, und ja, mit knapp 85.000 Besuchern war der Ring nicht ausverkauft, aber was soll es - fast ausverkauft war der Ring.

Wohnzimmer der Toten Hosen

Campino (Foto: Anders)

Campino

Am Ende seiner Rede zauberte er dann noch einen Hasen aus dem Hut. Nächstes Jahr feiern die Toten Hosen ihr 30-jähriges Bandbestehen am Ring. Die Düsseldorfer ließen es sich auch nicht nehmen, die frohe Nachricht selbst zu überbringen. "Hier kann man sich richtig gehen lassen und auch mal auf den Teppich kotzen. Das wird ein Riesenfest", grinste Campino, Frontmann der Düsseldorfer Punk-Urgesteine. Die Hosen können mit Fug und Recht behaupten, dass der Ring ihr Wohnzimmer ist. Mit dann sechs Auftritten auf der Center Stage, der Hauptbühne, zählen sie zu den Veteranen des Festivals.

Und 2012 wird es wie immer sein. Über 80.000 Leute da, drei Bühnen, die Bands geben sich das Mikro in die Hand, und die Toten Hosen wollen die Hände vom Publikum, welches zwischen den Liedern "Scheiß Tribüne" rufen wird - wie seit 26 Jahren, nur dass dann wohl mehr Frauenstimmen zu hören sein werden.

Autor: Uli José Anders
Redaktion: Matthias Klaus