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Kultur

"Bei jedem Reaktortyp besteht die Möglichkeit eines katastrophalen Unfalls"

20 Jahre nach Tschernobyl stellen Atomkraftwerke sowjetischer Bauart noch immer ein besonders großes Sicherheitsrisiko dar. Dabei sind die Tschernobyl-Typen nicht die einzige Gefahr, meint der Physiker Helmut Hirsch.

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Der WWER-1000-Reaktor in Wolgodonsk, Russland

DW-WORLD.DE: Spätestens seit dem Unfall von Tschernobyl gelten die Tschernobyl-Reaktoren vom Typ RBMK als besonders gefährlich. Was macht diese Reaktoren so gefährlich?

Helmut Hirsch Österreich Atomexperte

Helmut Hirsch

Helmut Hirsch: Eine Verstärkung der Kettenreaktion führt bei diesen Reaktoren zu einer Aufschaukelung. Das regelt sich also nicht selbst runter, wie es bei den meisten westlichen Reaktoren ist. Die Kettenreaktion wird immer stärker - das ist der so genannte positive Blasenkoeffizient. Und eine solche Leistungsexkursion hat in Tschernobyl zu dem schweren Unfall geführt. Das ist eine Schwachstelle, an der seit dem Unfall gearbeitet wurde. Es hat einige Verbesserungen gegeben, ganz beseitigt ist sie immer noch nicht. Abgesehen davon hat der RBMK auch einige andere Nachteile, beispielsweise Probleme der Versprödung mit den Druckröhren, die die Brennelemente enthalten, Schwächen des Containments (Schutzhülle; Anm. d. Red.) und verschiedene andere.

Kann man sagen, dass die RBMK-Reaktoren die gefährlichsten noch aktiven Reaktoren sind?

Ich denke, das kann man sagen und hier besteht ja auch ein sehr weitgehender Konsens, dass diese Reaktoren nicht auf westliche Standards nachrüstbar sind und stillgelegt werden müssen.

Auch die WWER 440/230-Reaktoren erfüllen nicht die im Westen geforderten Sicherheitsstandards. Wo liegen hier die Probleme?

Das ist der andere Reaktortyp, der als praktisch nicht nachrüstbar angesehen wird. Ein großes Problem ist, dass diese Reaktoren praktisch kein Containment haben. Im Falle eines Unfalls, wenn radioaktiver Dampf im Inneren eines solchen Reaktors austritt, kann das ungehindert ins Freie gelangen. Da hat es ein paar Nachrüstungen gegeben, aber das sind eher notdürftige Basteleien, die das Problem nicht wirklich in den Griff bekommen. Ein anderes Problem ist, dass das Notkühlsystem dieser Reaktoren nur sehr schwach ausgelegt ist. Auch da hat es Versuche der Nachrüstung gegeben, aber insgesamt sind diese Punkte und die Werkstoffprobleme, die es da gibt, so gravierend, dass auch diese Reaktoren als nicht nachrüstbar gelten.

Ist im Unterschied dazu eine große Verbesserung bei den WWER 440/213-Reaktoren auszumachen?

Da gibt es auf jeden Fall einen Unterschied. Die 213er sind die zweite Generation der WWER. Da gibt es eine Reihe von Verbesserungen. Das Notkühlsystem ist dort besser ausgelegt. Sie haben auch eine bessere Containment-Struktur, die allerdings immer noch hinter dem westlichen Standard zurückbleibt. Die WWER 440/213 haben kein so genanntes Volldruck-Containment, sondern haben ein Containment, das von einem Druckabbausystem abhängig ist. Das ist sehr kompliziert und auch störungsanfällig. Außerdem wurden auch von diesen Reaktoren verschiedene Werkstoffprobleme berichtet. Es gibt dort auch Probleme mit der Anordnung der Sicherheitssysteme. Die Gefahr, dass zum Beispiel bei einer Einwirkung von außen nicht nur ein Strang der Sicherheitssysteme ausfällt, sondern mehrere, ist dort besonders groß. Man kann also sagen, dieser Reaktortyp stellt gegenüber der ersten Generation eine eindeutige Verbesserung dar, hat aber sehr gravierende Schwachstellen.

Der WWER 1000 schließlich ist vergleichbar mit Reaktoren westlicher Bauart aus den 1970er Jahren. Heißt das, sie sind sicher?

Das heißt es nicht. Er ist in der Auslegung in der Tat mit westlichen Reaktoren vergleichbar. Dieser Reaktortyp hat ein Volldruck-Containment. Also muss man auch sagen, eine Verbesserung gegenüber dem 213er ist, dass die störungsanfällige Konstruktion des Druckabbausystem im Containment dort wegfällt. Aber auch bei den WWER 1000 gibt es verschiedene Probleme: Der Schutz gegen Einwirkungen von außen ist im Vergleich zu modernen Anlagen der westlichen Bauart deutlich schlechter. Es wurden auch bei den WWER 1000 Werkstoffprobleme berichtet – insbesondere im Hinblick auf die Versprödung des Reaktordruckbehälters, der ja eine ganz zentrale Komponente ist. Außerdem hat der WWER 1000 auch noch sein ganz spezielles Problem: In einem Punkt ist es wirklich eine Fehlkonstruktion, in dem nämlich der Bereich des Reaktorgebäudes, der das Containment darstellt, der also auch im Falle eines Unfalls noch einen Einschluss für eine Zeitlang gewährleisten soll, hier erhöht gebaut ist und gegenüber Durchschmelzen nach unten besonders anfällig ist. Das bedeutet, dass bei diesem Reaktortyp, wenn ein Unfall eintritt, die Wahrscheinlichkeit für ein relativ frühes Versagen des Containments und relativ großer Freisetzungen größer ist als zum Beispiel bei einem deutschen Druckwasserreaktor.

Wie schätzen Sie das Risiko eines Unfalls bei dem schnellen Brüter ein?

Der schnelle Brüter ist ein sehr risikobehafteter Reaktortyp. Es gibt eine Reihe von Problemen, die diesem Typ inhärent sind. Da besteht bei einem Unfall in der Tat die Gefahr einer atomaren Explosion. Das war einer der wichtigsten Gründe, warum der fertiggebaute Brüter in Kalkar in Deutschland nicht in Betrieb genommen wurde. Der zweite Punkt ist, dass hier mit Flüssigmetall gekühlt wird, nämlich mit Natrium. Und Natrium ist ein sehr reaktives Metall, das heftig mit Luft und Wasser reagiert. Es kann also zu Bränden kommen. Also, ich denke schon allein wegen dieser grundsätzlichen Auslegungsschwächen ist der schnelle Brüter ein Reaktor, der nicht weiter verfolgt werden sollte.

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