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Welt

Behindert und vergessen

Die Kämpfe zwischen der ugandischen Regierung und den Rebellen sind beendet. Doch das Leiden der Opfer geht weiter. Regierung und NGOs haben nicht genügend Mittel, um allen zu helfen.

Zwei behinderte Männer auf einer unasphaltierten Strasse (rote Erde) in Nord-Uganda. Einer der Männer sitzt in einem Rollstuhl, der andere steht nebenihn, gestützt auf Gehhilfen aus Holz.

Die Flüchtlingslager werden geräumt - zurück bleiben die Behinderten

22 Jahre terrorisierte die "Lord's Resistance Army" den Norden Ugandas. Während ihres Kampfes gegen die ugandische Regierung überfiel sie Dörfer, tötete die Erwachsenen und rekrutierte deren Kinder als Soldaten. Hunderttausende Menschen flohen aus ihren Heimatdörfer. Für diese Flüchtlinge, "Internally displaced persons" genannt, errichtete die ugandische Regierung spezielle Lager. Vor zwei Jahren haben die Milizen Uganda in Richtung der Demokratischen Republik Kongo verlassen und die Flüchtlingslager wurden von der ugandischen Regierung aufgelöst. Die Bewohner kehren jetzt nach und nach in ihre Heimatorte zurück. Doch oft sind es gerade die Schwächsten der Gesellschaft, die das nicht können - alte, kranke oder behinderte Menschen.

Von der eigenen Familie zurückgelassen

Ein behinderter Mann in Ugandas Norden steht, gestützt auf einen Holzstab als Gehhilfe, am Stzraßßenrand im ländihen Uganda.

Bouncer - Opfer einer Landmine

Einer von ihnen ist Bouncer, dessen Lebensmittelpunkt noch immer das ehemalige Flüchtlingslager Apotokito ist, das rund 40 Kilometer von der Distrikthauptstadt Gulu entfernt liegt. Als Bouncer 15 Jahre alt war, fuhr er mit seinem Fahrrad über eine Landmine und verlor sein linkes Bein. "Ich brauche medizinische Hilfe", sagt er, "denn die Wunden an meinem Fuß heilen nicht richtig ab, sie brechen immer wieder auf."

Mindestens einmal im Monat müsste Bouncer zur medizinischen Untersuchung. Doch hier, in Apotokito, gibt es für ihn keine Hilfe. Bouncer fühlt sich allein gelassen. Und zwar nicht nur von der ugandischen Regierung, sondern auch von seiner Familie, die ihn hier zurückließ. Er ist kein Einzelfall. Viele Familien in Uganda fürchten, den oft mehrere hundert Kilometer langen Marsch vom Flüchtlingscamp zurück nach Hause zusammen mit einem alten oder behinderten Menschen nicht zu schaffen.

Kaum soziale Auffangnetze

Eine behinderte Frau aus Uganda sitzt auf einem Fußweg aus Beton vor einer Hauswand. Sie hat nur ein Bein, neben ihr liegt ihre Gehhilfe.

Eine Behinderung gilt in vielen Familien als Makel

Niemand weiß, wie viele Menschen in Uganda mit einer Behinderung leben. Viele von ihnen werden von ihrer Familie vor der Öffentlichkeit abgeschottet. Ein behindertes Familienmitglied zu haben, gilt vielen Menschen in Uganda als Makel. Von ihrer Familie können viele behinderte Menschen deshalb keine Hilfe erwarten - und auch nicht vom ugandischen Gesundheitssystem, denn das ist komplett unterentwickelt. Krankenversicherungen gibt es nur für eingetragene Mitglieder des nationalen Sicherheitsfonds. Das Problem dabei: Nicht einmal eine halbe Million Menschen in Uganda sind Mitglied, und das bei einer Bevölkerungszahl von 31 Millionen.

Im ugandischen Parlament kam es zwar 2006 zu einem Gesetzesentwurf, der die Stellung behinderter Menschen stärken sollte - ratifiziert ist aber bis heute nichts. Richard Totwong arbeitet in Gulu als Gesandter des ugandischen Präsidenten Yoweri Kaguta Museveni. "Die Regierung ist langsam", gibt er offen zu, "aber wir brauchen Zeit, um nach dem Rebellenkrieg langfristige Hilfe anlaufen zu lassen."

Hilfe von außen

Ein Mitarbeiter der orthopädischen Werkstatt im Regionalkrankenhaus im ugandischen Gulu hält eine Prothese in der Hand.

In der orthopädischen Werkstatt im Regionalkrankenhaus in Gulu werden Prothesen hergestellt

Am effektivsten kann die Regierung dort helfen, wo sie von ausländischen Organisationen unterstützt wird. Eine der im Norden Ugandas stark vertretenen Nichtregierungsorganisationen ist AVSI (Association of Volunteers in International Service) aus Italien. Seit 1984 ist AVSI in der Region rund um Gulu vertreten; zum Beispiel mit einer orthopädischen Werkstatt. "Die ugandische Regierung versucht, Gelder von außen zu akquirieren", erklärt AVSI-Mitarbeiterin Femke Bannink, "trotzdem ist die Hilfe lückenhaft. Deshalb sind Organisationen wie AVSI ja auch immer noch hier." Die Ärzte in der Orthopädie-Werkstatt in Gulu behandeln jährlich 430 Patienten, die dafür nichts zahlen. Die Regierung finanziert das Gebäude und das Personal, die Materialien kommen von AVSI. Indem sie eine öffentliche Einrichtung wie das Regionalkrankenhaus unterstützt, will die Organisation der Regierung helfen, sich selbst zu helfen. Die Werkstatt ist nicht das einzige Projekt.

AVSI kümmert sich auch um Menschen, die von der Lord's Resistance Army verstümmelt wurden. Zweimal im Jahr kommt ein Team von plastischen Chirurgen aus Holland und Italien nach Gulu. Die Ärzte operieren in Gulu, führen aber auch Schulungen durch.

Der Terror der Lord´s Resistance Army wird unzählige Menschen in Uganda ihr Leben lang begleiten. Doch AVSI oder auch andere Hilfsorganisationen geben Menschen wie Bouncer Hoffnung. Denn die ugandische Regierung wird auch in absehbarer Zukunft die Probleme behinderter Menschen nicht allein lösen können.

Autor: Friedel Taube

Redaktion: Beatrix Beuthner

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