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Wirtschaft

"Begrenzte Möglichkeiten" - Indiens Rolle in der Finanzkrise

Indiens Einfluss auf die Finanzmärkte soll nach Vorstellung von Außenminister Steinmeier wachsen. Was kann das Land ausrichten? Fragen an den Kenner der indischen Volkswirtschaft, Boris Alex.

Boris Alex Indien-Korespondent der Bundesagentur für Außenwirtschaft Foto: Boris Alex

Boris Alex, Indien-Korrespondent der Bundesagentur für Außenwirtschaft

DW-WORLD.DE: Bundesaußenminister Frank-Walter Steinmeier ist drei Tage in Indien gewesen. Wie beurteilen Sie die Zusammenarbeit von Indien und Deutschland beim Thema Finanzkrise?

Boris Alex: Der Außenminister hat sich für die engere Einbindung Indiens in die Gestaltung der internationalen Beziehungen ausgesprochen. Das heißt, Indien, aber auch andere führende Schwellen- und Entwicklungsländer, sollen bei der Neugestaltung des internationalen Finanzsystems stärker eingebunden werden. Er hat auch gesagt, dass die G8-Gruppe langfristig um diese Gruppe erweitert werden soll. Nur mit Ländern wie Indien und China kann eine Akzeptanz für die neue Weltfinanzarchitektur überhaupt durchgesetzt werden. Ich vermute deshalb, dass Indien und Deutschland künftig noch enger zusammenarbeiten werden, was Abstimmung und Ausarbeitung von diesen Regeln angeht. Jetzt wurden allerdings noch keine konkreten Beschlüsse gefasst.

Indien gilt als größte Demokratie der Welt. Beim Weltfinanzgipfel in Washington war das Land bereits vertreten. Welchen Beitrag kann Indien auf internationaler Ebene leisten, um die Finanz- und Wirtschaftskrise einzudämmen und eine tiefe globale Rezession zu verhindern?

Aus meiner Sicht sind die Einflussmöglichkeiten Indiens noch arg begrenzt, weil Indien gemessen an seiner Wirtschaftskraft und auch an seiner Einbindung in die Weltwirtschaft noch kein Schwergewicht ist, das hier lenkend eingreifen könnte. Indiens Anteil am globalen Handel zum Beispiel liegt bei höchsten 1,5 Prozent. Wichtiger ist es, dass Indien an seinem bisherigen Kurs festhält, die eigene Wirtschaft zu stabilisieren und bestimmte Branchen gezielt zu unterstützen. Allerdings sollte Indien langfristig auf eine stärkere Beteiligung der Schwellenländer an internationalen Abstimmungsgremien bestehen. Damit würde das Land sich größere Handlungsspielräume eröffnen für die Lösung künftiger internationaler Probleme. Das gleiche gilt auch für China.

Blicken wir auf den indischen Markt. Wie stark ist die indische Volkswirtschaft von der Finanzkrise betroffen? Welche Branchen schlagen sich gut, welche weniger gut?

Im Unterschied zu den Industrieländern ist die Finanzkrise in Indien noch nicht so stark ausgeprägt. Die Realwirtschaft ist von den Auswirkungen zumeist verschont geblieben. Es gibt nur ein paar Branchen, die die Krise merken. Dazu gehören vor allem solche, die einen hohen Export-Anteil und eine enge Verflechtung mit den USA haben. Das sind zum Beispiel Textil- und Technologie-Unternehmen. Das ist aber auch die ganze Outsourcing-Branche, also etwa Callcenter-Firmen, die zum Beispiel für US-Banken die Kundenbetreuung machen. Die indischen Autobauer müssen damit rechnen, dass sie in den nächsten Monaten noch weniger Pkw absetzen können, weil die Konsumenten im Moment eher vorsichtig sind. Zudem sind die Finanzierungskosten für Pkw gestiegen. Man muss bedenken, dass in Indien acht von zehn Autos auf Pump gekauft sind.

Wie ist es den Finanzinstituten bisher ergangen?

Die Banken haben bisher keine größeren Schäden erlitten. Das hängt aber sicherlich damit zusammen, dass dieser Sektor in Indien sehr stark reguliert ist. Möglichkeiten für die indischen Banken, sich mit hochriskanten Finanzprodukten einzudecken, sind hier nicht gegeben.

Steht Indien eine Pleite à la Lehman Brothers erst noch bevor?

Das glaube ich nicht. Ich glaube auch nicht, dass Großunternehmen wie zum Beispiel Tata oder Reliance in eine Schieflage geraten werden. Denn diese Konzerne sind sehr diversifiziert aufgestellt. Sie sind auch in sehr krisensicheren Bereichen engagiert - zumindest in für Indien krisensicheren Bereichen, wie Energieversorgung, Chemie, Infrastruktur.

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Indiens IT-Metropole Bangalore

Minister Steinmeier hat am letzten Tag seiner Reise die Technologie-Metropole Bangalore besucht. Gibt es Auswirkungen der Wirtschaftskrise auf diesen Standort?

Hier hat die Auswirkung der Finanzkrise sich etwas stärker bemerkbar gemacht. Aus dem einfachen Grund, dass die IT- und die Outsourcing-Firmen viele Kunden in den USA sitzen haben, vor allem auch im Banken- und Versicherungswesen in den USA. Da ist ein erheblicher Anteil an Kunden weggebrochen. Aber die Unternehmen versuchen, das durch den Aufbau neuer Märkte beispielsweise in Japan und Europa zu kompensieren.

Wie reagiert die Regierung auf die Krise - ähnlich wie in anderen Ländern mit Konjunktur- oder Hilfspaketen?

Die indische Regierung hat sehr schnell und sehr besonnen auf die Finanzkrise reagiert. Im Vordergrund standen Liquiditätsengpässe, die überbrückt wurden. Durch Zinssenkung hat man es geschafft, mehr Liquidität ins Finanzsystem zu pumpen. Dadurch wurde Druck von den Banken genommen. Darüber hinaus hat das indische Parlament eine Finanzspritze in Höhe von umgerechnet 16 Milliarden Euro verabschiedet. Das Geld soll vor allem Export-Unternehmen zugute kommen, also auch hier vor allem Textil-, Technologie- und Outsourcing-Unternehmen.

Der indische Autohersteller Tata hat dieses Jahr von Ford die Marken Jaguar und Land Rover gekauft. Nun wird in Deutschland schon spekuliert, Tata könne womöglich an Opel interessiert sein. Was ist aus Ihrer Sicht dran an dieser Idee?

Von Seiten Tatas gibt es bislang keine offizielle Stellungnahme zu einer geplanten oder möglichen Übernahme. Und in den indischen Medien ist das überhaupt kein Thema. Da Tata dieses Jahr erst Jaguar und Land Rover übernommen hat, denke ich, wird auch erstmal kein allzu großes Interesse an einem weiteren Zukauf bestehen. Zudem gäbe es da wohl zu große Überschneidungen bei der Produktpalette von Opel und Tata. Das macht keinen Sinn.

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