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Bücher

Begegnungen: Thomas Brussig in Ägypten

Er reist gerne und das hat für ihn biografische Gründe: Wer hinter einer Mauer aufgewachsen ist, für den ist eine Einladung ins Ausland immer noch etwas Besonderes - zum Beispiel eine Reise nach Ägypten.

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Thomas Brussig (40)

"Ich wusste, dass ich in eine Gesellschaft komme, wo Armut ein Problem ist, wo Korruption ein Problem ist (...) wo in diesem Mischmasch einiges passiert und einiges im Argen liegt (…) das alles wusste ich und das habe ich da teilweise auch angetroffen ...“

Schon einmal hatte Thomas Brussig (40) zuvor die Millionen-Metropole Kairo besucht, schon einmal war er mit den Ängsten und Vorurteilen so mancher Ägypter konfrontiert worden, hatte in Diskussionen - kurz nach den Anschlägen vom 11. September 2001 - die Befindlichkeiten seiner arabischen Gesprächspartner ausloten können. Doch das Gefühl, das Land, die Menschen und deren Glaube zu kennen, dieses Gefühl hat Brussig auch vor seiner zweiten Reise nach Ägypten nicht gespürt:

"Die arabische Welt mit den Massen, die einerseits arm, andererseits aber auch fanatisiert sind und die auch, wie wir wissen, zu allem entschlossen sind, das ist etwas, was wir aus unserer Welt nicht kennen und was uns auch ängstigt und das, das kann man ja erst mal aussprechen.“

Skepsis gegenüber Dialog der Kulturen

Thomas Brussig war vom Goethe-Institut nach Kairo eingeladen worden. Zu Beginn des Jahres sollte er während der größten Buchmesse der arabischsprachigen Welt sein ganz persönliches Tagebuch schreiben und ins Netz stellen.

Auch Brussigs zweite Kairo-Reise fiel in einen Zeitraum, in dem die westliche und die arabischsprachige Welt miteinander im Clinch lagen, der Streit um die Mohammed-Karikaturen in einer dänischen Zeitung war in vollem Gange. - Dem von allen so vehement geforderten "Dialog der Kulturen" stand Brussig allerdings skeptisch gegenüber:

"Diese ganzen Diskussionen, die so unter dem Schlagwort 'Dialog der Kulturen' abgehalten werden, das hat auf mich immer so einen Eindruck gemacht, als ob die Vertreter des Westens auf die Vertreter der arabischen Welt einreden wie ein Arzt auf einen armen Irren oder wie ein Verwandter auf einen armen Irren, dem man von seiner Wahnsinnstat abzuhalten versucht.“

Nicht urteilen und bewerten wollte der in Ost-Berlin geborene Autor. Zunächst einmal ging es ihm ums Zuhören, ums Verstehen und Fragen:

"Dann erinnere ich mich sehr genau an ein Gespräch mit einem Journalisten, ich habe ihn gefragt: 'warum diese Erregung um diese Mohammedkarikaturen?' Er hat gesagt: 'Wenn wir den Islam nicht hätten, die Leute würden sich hier gegenseitig buchstäblich auffressen oder totschlagen!' Also das im Grunde genommen der Islam für das Funktionieren der Gesellschaft, also einfach für ganz grundsätzliche, für ganz einfaches menschliches Verhalten ganz wesentlich ist und das der deshalb auch so leidenschaftlich und so fanatisch verteidigt wird und das deshalb auch jeder Angriff eine so unglaubliche Verletzung ist. Ich glaube, so tief können wir gar nicht mehr verletzt werden wie die sich durch solche Karikaturen verletzt fühlen.“

Manches bleibt auch in der Erinnerung fremd

Wie tief verwurzelt der Islam in der arabischen Gesellschaft ist, welche Rolle er spielt in der Gesellschaft, bei Erziehungsfragen, im alltäglichen Leben - das waren die nachdrücklichsten Erkenntnisse, die sich Brussig während seines Aufenthalts in Ägypten aufdrängten. Doch der Berliner ist nicht jemand, der nach einer solchen Reise plötzlich mit überschäumendem Verständnis für das "Fremde" daher kommt, nicht einer, der die Gräben zukleistert oder darüber hinwegsieht. Manches bleibt fremd, auch in der Erinnerung:

"Es hat da so eine Busfahrt gegeben, stundenlang durch die Wüste, und ich dachte, dass es Musik war, also so eine Art Gesang ohne irgendwelche Begleitung und es ging mir so auf den Zünder, also immer diese Stimme zu hören und irgendwann habe ich dann gehört, es sind Koran-Rezitationen, die werden in so einem Singsang vorgetragen oder in einem Singsang gelesen, eigentlich kann man gar nicht sagen 'in einem Singsang' es ist eigentlich mehr ein 'Sang', in dem er gelesen wird und das eben stundenlang. Ich weiß nicht, wozu das ... , wie soll man sagen, ich weiß nicht, warum man sich da stundenlang auf der Busfahrt beschallen lassen muss .... "

Trotz dieser Skepsis und Distanz, die drei Wochen in Kairo haben Brussig nachdenklich gemacht, haben ihn doch auch zu einer Überprüfung seines Wertekanons, zu dem auch die Pressefreiheit gehört, veranlasst:

"Nachdem ich da ein paar Wochen war, habe ich auch den Standpunkt der Ägypter besser verstanden, ich bin ein großer Fan der Pressefreiheit und die Pressefreiheit ist mir so wichtig, dass sie auch so tolerant sein oder das sie so weit gefasst sein muss, dass solche Fehler auch möglich sein müssen - nur ich halte die Karikaturen für einen Fehler, denn wir haben die Pressefreiheit ja nicht dafür um die religiösen Gefühle anderer Menschen zu verletzten und der Erkenntnisgewinn oder das Gelächter über diese Karikaturen oder der Erkenntnisgewinn mit diesen Karikaturen war nicht so groß und nicht so gewaltig, dass sie diese Beleidigung rechtfertigt. Also wenn wir die Pressefreiheit haben, dann haben wir damit auch die Verpflichtung, dass wir uns auch immer wieder darüber verständigen und uns immer wieder auch Gedanken machen und uns immer wieder auch neu korrigieren, womit wir sie denn ausfüllen.“

Bogen zum ureigenen Thema

Und noch etwas hat Thomas Brussig mitgebracht aus Ägypten. Die Erkenntnis, dass die Menschen in seiner Heimat, in Deutschland, immer noch zu sehr darauf aus sind jemand nach seiner Herkunft zu beurteilen. In dieser Hinsicht, meint Brussig, ist man in Ägypten weiter.

"Wenn man die Menschen danach einteilt, wenn man diese Information braucht, dann ist da noch etwas im Argen und ich hatte in Ägypten nicht das Gefühl, dass es die Ägypter interessiert, ob da jetzt einer Christ oder Moslem ist. Es ist vielleicht in Deutschland ein bisschen so ... vielleicht erleben wir ja noch den Tag, an dem es uninteressant ist, ob jemand aus dem Osten oder aus dem Westen ist, aber so lange wir das immer noch wissen wollen und solange wir noch jemand danach bewerten, ob er aus dem Westen oder aus dem Osten ist, ist auch bei uns die innere Einheit nicht vollzogen.“

Und so schlägt Thomas Brussig, der Autor mit DDR-Sozialisation, ganz elegant den Bogen zu seinem ureigenen Thema.

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