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Geschichte

Begegnungen mit Schoah-Überlebenden

Im Sommer ist Hochsaison für Freiwilligendienste in Israel. Junge Deutsche interessieren sich weiterhin für die gemeinsame Geschichte, doch ihr Blick hat sich gewandelt.

Ella Enzmann und Gretel Meron im Seniorenheim Haifa 2011 (Foto: Aktion Sühnezeichen/H. Greyer)

Aktion Sühnezeichen - Seniorenheim Haifa

"Ich habe erfahren, was es bedeutet, dass ich zur letzten Generation gehöre, die noch mit Überlebenden des Holocaust sprechen kann - mit Menschen, die wirklich dabei waren. Das war ein ganz besonderes Erleben von Geschichte." Ella Enzmann ist im September 2008 zwölf Monate für einen Freiwilligendienst nach Israel gegangen. Dort hat die Deutsche in einem Kindergarten und Altenheim gearbeitet. Unter anderem hat die 24-Jährige die in Deutschland geborene Gretel Merom betreut, die im Februar 2013 ihren 100. Geburtstag gefeiert hat (siehe Foto).

Einsatz in sozialen Projekten

"Aktion Sühnezeichen Friedensdienste (ASF)" ist eine von zahlreichen deutschen Organisationen, die regelmäßig junge Menschen zwischen 18 und 30 Jahren für Freiwilligendienste nach Israel entsendet, insgesamt rund 900 Freiwillige pro Jahr. Im August 2013 endet Simon Weißbecks Einsatz im Land am östlichen Mittelmeer. Warum er gegangen ist, erklärt der 20-jährige Deutsche so: "Mir war wichtig, die einzigartige Möglichkeit zur intensiven Auseinandersetzung mit deutscher Vergangenheit und Schoah zu ergreifen."

Der Freiwilllige Eugen Voronin hat auch mit Kindern zusammengearbeitet (Foto: Aktion Sühnezeichen/H. Greyer)

Freiwillige Arbeit in sozialen Projekten

Die deutsch-israelische Geschichte ist bis heute beeinflusst von der millionenfachen Ermordung der Juden in Deutschland und Europa durch die Nazis während des Zweiten Weltkrieges. Als der Staat Israel vor 65 Jahren am 14. Mai 1948 ausgerufen wurde, geschah dies auch, um jüdischen Überlebenden der Schoah eine neue Heimat zu schaffen.

Weißbeck hat ebenfalls in einem Altenheim in Jerusalem gearbeitet. Die rund 25 deutschen ASF-Freiwilligen, die jedes Jahr nach Israel gehen, kommen in sozialen Einrichtungen mit Kindern, alten oder behinderten Menschen zum Einsatz, aber auch in Gedenkstätten. Jeder der deutschen Freiwilligen widmet einen Teil seiner Zeit immer auch Holocaust-Überlebenden.

Hochsaison im Sommer

Freiwilligendienste wie der von ASF, deutsch-israelischen Jugendaustausch oder Einsätze von deutschen "Volunteers" in Kibbutzim - landwirtschaftlichen Gemeinschaften in Israel - gibt es seit mehr als 50 Jahren. In den Sommermonaten Juli und August ist dafür Hauptsaison, wenn in Deutschland Schul- und Universitätsferien sind. Viele Freiwillige, die für ein Jahr nach Israel gehen, bereiten sich in diesen Monaten auf ihren Aufenthalt ab September vor.

Bernhard Krane (r.)

Bernhard Krane

"Das Interesse junger Deutscher an der Auseinandersetzung mit der NS-Zeit ist über die Jahre nicht geringer geworden - eher im Gegenteil. Wir haben immer mehr Bewerber als Plätze", sagt Bernhard Krane von ASF. "Allerdings ist der biografische Bezug zur Kriegsgeneration unter den Israel-Freiwilligen anders als früher", weiß er. Ein solcher Dienst in Israel sei damals auch eine Abgrenzung von den Eltern gewesen, die im Nachkriegsdeutschland häufig lieber nicht an die Folgen des Nazi-Terrors erinnert werden wollten, meint Krane, der seit 1987 als Referatsleiter bei ASF für die Israel-Einsätze zuständig ist. Die Organisation entsendet deutsche Freiwillige auch in andere Länder mit Holocaust-Überlebenden. "Heute ist Neugier auf die Geschichten der alten Menschen oft der Antrieb. Und auch die Alten in Israel erzählen lieber der Enkelgeneration ihre Lebensgeschichte."

Die Herkunft ändert den Blick auf die Geschichte

"Die Jugendlichen haben heute vielfältigere Zugänge zur deutsch-israelischen Geschichte als vor 20 oder 30 Jahren", sagt Christine Mähler, Leiterin von ConAct, dem Koordinierungszentrum für den deutsch-israelischen Jugendaustausch. Denn auch die Zusammensetzung der Jugendgruppen habe sich geändert. ConAct als Einrichtung des Bundesjugendministeriums unterstützt den Austausch von Jugendgruppen aus Israel und Deutschland. 250 bis 300 Programme für rund 7000 Teilnehmer seien es jedes Jahr.

Ungezwungenes Kennenlernen: Teilnehmer eines deutsch-israelischen Jugendaustausches im Kibbutz Degania A im Mai 2013 (Foto: Johannes Schrader)

Freiwillige im Kibbutz Degania A im Mai 2013

"Früher trafen die Nachfahren von Nazi-Tätern und -Opfern beim Jugendaustausch aufeinander. Heute haben die Teilnehmer unterschiedliche Herkünfte, mit Wurzeln in Italien oder Russland." Es würden auch nicht nur jüdische Jugendliche auf der einen und christliche auf der anderen Seite teilnehmen. "Beide Staaten haben sich zu multikulturellen Gesellschaften entwickelt.", sagt Mähler.

Beliebter Kibbutz-Einsatz

Seit dem Sechstagekrieg im Jahr 1967, bei dem Israel von seinen arabischen Nachbarländern angegriffen worden ist, ist Deutschland eines der Länder, aus denen die meisten Freiwilligen für die Arbeit im Kibbutz kommen, weiß Aya Sagi, Direktorin des "Kibbutz Volunteers Program Center" in Tel Aviv. Volunteers kämen insgesamt aus 50 Ländern weltweit, 2012 seien es 1200 gewesen. "Auf jeden Fall sind sich deutsche Volunteers der Geschichte sehr viel mehr bewusst als andere und wissen deutlich mehr darüber. Sie bringen auch die nötige Sensibilität dafür mit."

Prägende Begegnungen

Ella Enzmann, die seit Ende ihres Freiwilligendienstes 2009 ein bis zwei Mal pro Jahr nach Israel fährt, erzählt: "Ich hatte eigentlich erwartet, dass ganz viele Leute nicht mit mir sprechen wollten, weil ich aus Deutschland bin, und dass das schwierig wird." Ganz im Gegenteil seien aber viele Bewohner des Altenheimes, in dem sie gearbeitet hat, begeistert gewesen und hätten auf jeden Fall Deutsch mit ihr sprechen wollen.

Audio anhören 00:43

Ella Enzmann (24) über ihre Eindrücke als Freiwillige in einem Altenheim in Israel (Juli 2013)

"Sie erinnerten sich an Gedichte und Bücher, die wir dann zusammen gelesen haben. Diese Begegnungen waren sehr wertvoll und sind mit das Prägendste aus diesem Jahr", sagt die Studentin, die damals vier alte Frauen intensiv betreut hat. Nur Gretel Merom lebt von ihnen noch, mit ihr hat Enzmann bis heute regelmäßigen Kontakt. Gretel Merom kam bereits 1934 mit einer zionistischen Jugendorganisation in das heutige Israel. Ihre Eltern wurden 1942 aus Frankfurt am Main von den Nazis deportiert und im polnischen Lodz ermordet.

Wie geht es weiter ohne die Schoah-Überlebenden?

Kibbutz-Freiwillige arbeiten oft auf den Feldern der landwirtschaftlichen Gemeinschaft mit (Foto: imago)

Kibbutz-Freiwillige arbeiten oft auf den Feldern der landwirtschaftlichen Gemeinschaft mit

Wie die Arbeit von deutschen Freiwilligendiensten in Israel weitergeht, wenn die Holocaust-Überlebenden nach und nach sterben, ist für Krane von ASF eine offene Frage. "Auch deutsche Muttersprachler gibt es dann fast nicht mehr in Israel", sagt Krane, der 1977 für 18 Monate nach Israel ging, um in der Holocaust-Gedenkstätte Yad Vashem und einem Kinderprojekt mitzuarbeiten. Mähler von ConAct sagt: "Ich mache mir da keine Sorgen. Der Austausch mit Israel weckt ein so spezifisches Interesse, dass es dafür immer genug Interessenten geben wird."

Seit kurzem gibt es nun auch ein Programm, mit dem erstmals in größerer Zahl junge Israelis für Freiwilligendienste nach Deutschland kommen. "Kom-Mit-Nadev" vergibt seit 2010 jährlich bis zu 20 Plätze - seit Anfang 2013 nicht mehr als Pilotprojekt, sondern als ständiges Angebot. "Das unterstützt die Gegenseitigkeit", sagt Mähler. Dass sich das deutsch-israelische Verhältnis normalisiert und Freiwilligendienste und Jugendbegegnungen an Bedeutung verlieren werden, erwartet sie nicht: "Es gibt viel Vertrauen auf beiden Seiten, aber ich glaube, dass die Präsenz der nationalsozialistischen Geschichte da ist und bleiben wird."

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