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Politik

Begegnungen im KZ Dachau

100 Jugendliche aus 20 Nationen sind nach Dachau zur "Internationalen Jugendbegegnung" gekommen. Zeitzeugen wie der KZ-Überlebende Abba Naor begleiten sie dort zwei Wochen lang.

Abba Naor beim Internationalen Jugendtreffen in Dachau (Foto: DW)

Abba Naor beim "Internationalen Jugendtreffen" in Dachau

Heute ist die Welfenkaserne in der Nähe von Landsberg ein Stützpunkt der deutschen Luftwaffe. Öffentlich zugänglich ist dieser Ort normalerweise nicht. Für den 81-jährigen ehemaligen Zwangsarbeiter und KZ-Überlebenden Abba Naor und die ihn begleitende Gruppe israelischer Jugendlicher wurde jedoch eine Ausnahme gemacht. "Ich habe heute vor allen Dingen Enkelkinder von ehemaligen Häftlingen mitgenommen", erzählt Abba Naor, der bereits 1995 das Gelände wieder betrat.

Abba Naor (Foto: DW)

Abba Naor vermittelt Geschichte

Naor stammt wie viele in den Außenlagern des KZ Dachau eingesetzte Zwangsarbeiter aus Litauen. 13 Jahre war er alt, als die Deutschen einmarschierten. 1944 wurde er aus dem Ghetto des litauischen Kaunas nach Dachau deportiert, ebenso wie sein Vater. Bis heute fällt es ihm schwer zu beschreiben, was in den Arbeitslagern vor sich ging. "Man kann zwar erzählen, es war so und so", aber die Gefühle und Ängste von damals seien damit nicht ausgedrückt. Irgendwie habe er existiert, aber nicht wirklich gelebt. "Jeder zweite ist hier gestorben, diese sogenannten Arbeitslager waren ja ausgesprochene Vernichtungslager", erklärt Naor.

Eindrücke aus dem Bunker

Später betreten er und die Jugendlichen die heute von der Bundeswehr genutzte, riesige Bunkeranlage der Kaserne. Mehr als 1000 Zwangsarbeiter errichteten den Bau mit seiner mehrere Meter dicken Betonhülle zwischen 1944 und 1945. "Wenn jemand ausrutschte bei dieser Arbeit", erzählt Naor vor der im Bunker versammelten Gruppe, "dann hatte er keine Chance. Dann wurde er lebendig in der Betonwand begraben". Viele der Jugendlichen sind zum ersten Mal in Deutschland, manche umarmen sich oder weinen beim Rundgang.

Gedenktafel vor der Bunkeranlage (Foto: DW)

Gedenktafel vor der Bunkeranlage

Obwohl die Welfenkaserne und der für den Bau von Kampfflugzeugen errichtete Bunker öffentlich nicht zugänglich sind, gibt es auch hier Formen des Gedenkens und der Erinnerung. Dazu zählt eine sich weitgehend auf Informationstafeln beschränkende Ausstellung im Bunkerinneren, die nach strengen Sicherheitskontrollen nur über schlecht oder kaum beleuchtete Wege betreten werden kann. Vor einigen Jahren wurden die auf Schautafeln kopierten Dokumente und Erläuterungen von einer Schulklasse angefertigt. Nur wenige Objekte werden in dem großen Raum gezeigt, darunter ein paar hölzerne Schuhe, die beim Tragen oft große Schmerzen verursachten.

Verantwortung für die Zukunft

"Ich sehe meine Aufgabe darin, die Vergangenheit nicht zu vergessen, aber mein Blick ist nach vorn, auf die Zukunft gerichtet", sagt Naor über sein Engagement. Seit mehreren Jahren begleitet er nun schon die jeden Sommer in Dachau stattfindende "Internationale Jugendbegegnung". In den Workshops und Exkursionen spielen hier besonders die Zeitzeugen eine wichtige Rolle. Oft seien die gestellten Fragen sehr persönlich und immer wieder schmerzhaft, "egal wie oft ich es erzähle", sagt Naor.

Auch das internationale Flair schätzt Naor, der zu dem Treffen aus seinem Wohnort Tel Aviv angereist ist. "Die Bedeutung ist: Eigentlich sind alle Menschen gleich. Egal, woher sie kommen." In diesem Jahr sind es rund 100 Teilnehmer aus 20 Nationen. Dass er bis heute so gut deutsch spricht, erklärt Naor mit dem Leben als Zwangsarbeiter in verschiedenen Lagern, wo er genug Zeit gehabt habe, deutsch zu lernen. 1946, nachdem er auch den Todesmarsch von Dachau überlebt hatte, wanderte Naor nach Palästina aus. Sein Vater blieb in Deutschland, in den 50er-Jahren sah er ihn zum ersten Mal wieder. Seine Mutter und sein kleiner Bruder waren im KZ Stutthof bei Danzig ermordet worden.

Autor: Walter Kittel
Redaktion: Kay-Alexander Scholz