1. Inhalt
  2. Navigation
  3. Weitere Inhalte
  4. Metanavigation
  5. Suche
  6. Choose from 30 Languages

Kultur

Begegnungen im Kulturlabor Hanoi

E-Gitarre trifft auf vietnamesisches Saiteninstrument. Das Deutschland-Jahr in Vietnam bietet Raum für Experimente. Bei der "Open Academy" arbeiten Deutsche und Vietnamesen zusammen. Kann schwierig sein, aber auch schön.

Eine Performance der 'Open Academy' Hanoi (Foto: DW / Aya Bach)

"Ich fühle mich ganz schön allein in Vietnam", seufzt die junge Komponistin Kim Ngoc. Kein Wunder - sie ist die einzige Avantgarde-Komponistin ihres Landes. "Wenn ich eine Aufführung habe, gibt es niemanden, der kritisch draufschaut", erzählt sie in der Probenpause im Künstlerhaus Nha San Duc. Heute ist Gelegenheit zum Austausch da; der Berliner Experimental-Schlagzeuger Michael Vorfeld und zwei vietnamesische Kollegen sind mit Elektronik und E-Gitarre zum Workshop der "Open Academy" gekommen.

Musik bis zur Schmerzgrenze

Das Nha San Duc ist der richtige Ort dafür. Seit zehn Jahren ist es der Treffpunkt der freien Kunstszene Hanois, wie durch ein Wunder geduldet von den offiziellen Kulturbehörden, die sonst mit Argusaugen über das Treiben der Kulturmenschen wachen. Abseits der großen Straßen, versteckt zwischen geduckten Häusern und umgeben von Hundegebell, findet das vietnamesisch-deutsche Quartett schnell einen gemeinsamen Sound. Es wummert und dröhnt und rockt, manchmal bis zur Schmerzgrenze. Auch Kim Ngoc, ein Wesen von elfenhafter Statur, rückt ihrem traditionellen vietnamesischen Saiteninstrument unerbittlich zu Leibe.

Umweltschutz und Performance-Kunst

Die Musikerin Kim Ngoc bei einem Konzert der 'Open Academy Hanoi' (Foto: Vu Huy Thong)

Musik als Experiment: Konzert im Goethe-Institut

Das Ergebnis der Probe wird später beim Konzert im Goethe-Institut Hanoi zu hören sein. Denn "Goethe" ist Veranstalter der Workshop-Reihe mit dem programmatischen Titel "Open Academy". Sie bringt Künstler verschiedener Disziplinen aus Deutschland und Vietnam zusammen. Von Hanoi im Norden über Hue in der Mitte bis Ho Chi Minh Stadt im Süden und gleich über mehrere Wochen erstreckt sich die Academy. Damit zählt sie zu den großen Veranstaltungen des Deutschland-Jahres in Vietnam, das aus Anlass der Aufnahme diplomatischer Beziehungen vor 35 Jahren ein umfangreiches Programm aufbietet – von Fachkonferenzen zum Umweltschutz bis zu Tanz-, Musik- und Filmprogrammen reicht die Palette. Darunter war übrigens auch eine Performance von Kim Ngoc im Opernhaus von Hanoi.

Solche Unterstützung ist bei den Künstlern der freien Szene hochwillkommen. Denn der Bereich, in dem etwa Kim Ngoc arbeitet, ist in Vietnam die Sache einer winzigen Minderheit: "Im Gegensatz zu Deutschland gibt es fast niemanden hier, der experimentelle Musik macht", sagt sie. Eine Ursache sieht sie in der konservativen Ausbildung an den Hochschulen. "Aber es ist auch eine Chance, etwas Neues zu initiieren und Grenzen aufzubrechen. Mir gibt das eine besondere Energie zu arbeiten und zu leben."

Studenten der Kunsthochschule Hanoi beim Video-Workshop (Foto: Aya Bach)

Professioneller Blick: Studierende der Kunsthochschule im Video-Workshop

Von der Staatskunst zur freien Szene

Die wird sie auch brauchen, denn die kulturpolitische Landschaft lässt sich nicht so schnell umpflügen. Kunst war in Vietnam jahrzehntelang ausschließlich Staatskunst. Die freie Szene, etwa in der bildenden Kunst, entwickelt sich erst seit den 1990er Jahren. Und nach der langen Abschottung des Landes sind Impulse von außen mittlerweile erwünscht – aber bitte mit Vorsicht.

Zu den erstaunlichen Zeichen der Öffnung zählt, dass die Open Academy mit einigen Workshops an der altehrwürdigen Kunsthochschule Hanoi zu Gast ist. Zu verdanken ist das nicht zuletzt der Kuratorin Veronika Radulovic. Die Berliner Künstlerin hat zwölf Jahre lang in Hanoi gelebt und als Gastdozentin des DAAD an der Kunsthochschule gelehrt. Doch die Workshops dort anzusiedeln, ist in ihren Augen immer noch ein politischer Balanceakt: "Das hat auch deswegen funktioniert, weil Direktor und Hochschulleitung die Idee wunderbar begleitet und positiv aufgenommen haben".

Kontrastprogramm zu Lack und Öl

Veronika Radulovic, Kuratorin der 'Open Academy' in Hanoi (Foto: Aya Bach)

Lebte 12 Jahre in Hanoi: Kuratorin Veronika Radulovic

Tatsächlich hat die Hochschulleitung Master-Studenten und junge Lehrende zur Open Academy geschickt. Performance, Video, Installationen - das alles liegt abseits der üblichen Ausbildung, die in konfuzianischer Tradition noch immer das Kopieren der verehrten Meister ins Zentrum stellt. Wie seit eh und je sind Lack- und Ölmalerei die Königsdisziplinen. Und jetzt rückt auf einmal Workshop-Leiter Andreas Schmid mit Leuchtstoffröhren und buntem Klebeband an. Die jungen Künstler sind skeptisch, machen sich dann aber mit Begeisterung ans Werk. In kürzester Zeit schaffen sie im unwirtlichen Treppenhaus die Illusion eines mehrdimensionalen Kunst-Raumes. Führt nicht die Treppe auf einmal ins Freie? Die Installation darf nun sogar auf Dauer bleiben.

WWW-Links