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Kultur

Begegnungen: Eva-Maria Hagen

Sie war die Brigitte Bardot des Ostens, Muse für den Liedermacher Wolf Biermann, begründete mit Tochter Nina und Enkelin Cosma einen Clan. Schreibt, singt, spielt noch immer und könnte gut als Kulturpolitikerin arbeiten.

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"Zu lachen oder zu weinen, wenn dir danach ist."

Sie strahlt, überstrahlt fast die anderen Schauspieler auf der Bühne der Bar jeder Vernunft in Berlin. Hier spielt Eva-Maria Hagen bis zum Frühling das Fräulein Schneider in einer Zwanzig-Quadratmeter-Inszenierung des Musicals "Cabaret". Noch immer singt sie frech und mädchenhaft; ihr Alter scheint auf der Strecke geblieben. Auch hinter der Bühne, im ausrangierten, gemütlichen Zirkuswagen, der als Garderobe für das Ensemble dient, sind auf ihrem Gesicht auch näher betrachtet kaum Spuren der vergangenen 70 Jahre zu entdecken, jedenfalls keine tiefen Falten oder eisigen Botox-Zonen.

Zauberhaftes

Eine Diva ist sie nicht – obwohl sie das als Mutter des Gesamtkunstwerks Nina Hagen gut sein könnte. Neugierig blitzen ihre Augen, ihre Gesten sind schwungvoll, auffällig ihre herzliche Lebendigkeit. Früher als DEFA-Filmstar nannte man sie die Brigitte Bardot des Ostens, weil sie so sexy war, doch noch immer umgibt sie etwas Geheimnisvolles. Im Sommer dreht sie wieder, dieses Mal nichts Zauberhaftes, wofür sie immer gern besetzt wird. Sie spielt eine ältere Frau, die sich auf den Weg gemacht hat zur Enkel-Generation, um herauszufinden, ob sie sich gegenseitig noch etwas zu sagen haben.

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Als Fräulein Schneider in "Cabaret", zusammen mit Peter Kock als Herr Schulz

Mit Märchen und Volksliedern wuchs Eva-Maria Hagen auf, sie gehörten zum Alltag. Phantasie habe sie durchs Leben getragen – zusammen mit einer großen Portion Leidenschaft: "Eine Cousine erzählte mir, ich habe ihr einmal in den Arm gebissen, weil ich das Schneewittchen spielen wollte. Obwohl meine Haarfarbe mehr dem Schilf am Kammbruch glich und ihrs doch dem Ebenholz, wie es im Märchen geschrieben steht."

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Oma und trotzdem frisch in Herrn Schulz verliebt

Provokantes

In ihrem schwarzen Wollpullover und der grauen Hose passt sie zu ihren beiden, bürgerlichen Wohnorten Berlin-Prenzlauer Berg und Hamburg in Alsternähe – wenig aber zur grellen Tochter Nina. Nur die Sprache, das bisschen Berlinerische, das Lachen und die Lust am Provozieren verrät die gemeinsame Vergangenheit, offenbart einige Parallelen. "Diese Weiber laufen heutzutage rum wie die Kasperl", musste sie sich als junges Mädchen wegen der damals in Mode gekommenen Ringelsocken und den Hochwasserhosen hinterherrufen lassen. Und als Kind? Ausgerissen sei sie, am Abgrund geklettert und habe abenteuerliche Dinge unternommen. Sie wollte Halt finden, sagt Hagen heute, denn die Wurzeln waren durch das plötzliche Wegmüssen im Krieg gekappt.

Die Kindheit hinterm Oder-Fluss ist auch Thema ihres neuesten Buches "Eva jenseits vom Paradies", in dem sie beschreibt, wie es war, als die Frauen in der Familie ohne ihre Männer auskommen mussten. "Manchmal staune ich selbst, was wir alles verkraftet haben und gebe das den Menschen weiter, die sich nicht trauen und auf der Stuhlkante sitzen bleiben. Geh’ dem Wind entgegen und warte nicht darauf, dass dich jemand mitnimmt." Der Kampf ums Überleben habe sie zu ihrer positiven Grundhaltung geführt. Sie will auf die Menschen zugehen.

Wahrhaftiges

Wolf Biermann

Wolf Biermann nach seiner Ausbürgerung aus der DDR bei seinem legendären Konzert am 14. November 1976 in Köln

Die Hagen singt noch heute gern Lieder von Wolf Biermann, mit dem sie einst eine jahrelange Liebes- und jetzt eine innige Freundschaftsbeziehung pflegt. "Diese Lieder aus aller Welt, die er so liebevoll ins Deutsche überträgt, ermutigen Gefühl zuzulassen, Freude und Schmerz, zu lachen, zu weinen, wenn dir danach ist", schwärmt sie.

Berühmt wurde Biermann einst durch seine kritischen Lieder und durch die Ausbürgerung aus der DDR. Damals, 1977, folgte sie ihm aus Ost-Berlin in den fremden Westen - nicht ganz freiwillig, auch sie wurde aus der Staatsbürgerschaft entlassen, wie es damals offiziell hieß. Ihre berührenden Erzählungen darüber im Buch "Eva und der Wolf" wurden 1999 mit der Carl-Zuckmayer-Medaille geehrt.

Überraschendes

Die Theaterbühnen sollten mehr Originale spielen: Mit diesem Gedanken des deutschen Bundespräsidenten, der jüngst einen unverfälschten Schiller anregte, kann sich die noch bei Brecht gelernte Schauspielerin durchaus anfreunden. Bis auf das Dutzend guter Leute, die in deutschen Theatern vorzufinden sind, würden viele Regisseure gern nur ihren Bauchnabel präsentieren und dabei Schauspiel und Text vernachlässigen: "Da geh’ ich nicht rein. Bäh und Pfui!" Kultur, Sprache und Kunst müssten hoch gehalten werden, meint Hagen. "Sonst sind wir doch nur Figuren auf dem Schachbrett von Big Brother!"

Ob sie Preußen mag? In mancherlei Hinsicht schon, sagt Hagen, die das 300-jährige Preußen-Jubiläum im vergangenen Jahr mit einem satirischem Programm feierte. Einst haben die Preußen schließlich die kostenlose Schulpflicht eingeführt. Kinderarbeit wurde verboten. Vorübergehend erlebte Kultur in der preußischen Hauptstadt Berlin eine Blüte. Und auch heute noch sei Bildung eine der guten preußischen Tugenden.

Lesen Sie im 2. Teil Vertrautes, Stolzes und Verquicktes aus dem Leben der Eva-Maria Hagen.