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Musik

Beethovens schöpferischer Sprung aus der Krise

Krisen beeinträchtigen das Leben erheblich. Erika Schuchardt hat erforscht, dass Menschen acht Phasen durchleben, um ihre Krisen zu überwinden. Das Ergebnis ihrer Arbeit erläutert sie an Beethovens Leben und Werk.

Die Psychologin und Bildungswissenschaftlerin Erika Schuchardt befasst sich seit den 1970er Jahren damit, wie Menschen es schaffen, ihre persönliche Krise zu meistern. Dazu hat sie hunderte von Menschen begleitet. Sie hat über 2000 Lebensgeschichten gelesen, um zu verstehen, wie Menschen weltweit aus Krisen finden. Dabei stieß sie auf Beethoven.

Beethovens Lebenssituation

Schon im Alter von 28 Jahren war Beethoven schwerhörig. Drei Jahre später beschreibt er Symptome wie Hochton- und Sprachverständlichkeitsverlust, quälende Ohrgeräusche, Verzerrungen und Überempfindlichkeit für Schall. Beethovens Ertaubung schreitet fort. Er bemerkt, dass er isoliert, verachtet und verlacht wird.

Erika Schuchardt vor einer Beethoven-Büste (Foto DW/Per Henriksen)

Die Forscherin und ihr Objekt

Erika Schuchardt: "Er fühlt sich ausgegrenzt und weiß nicht, wohin mit seinen Aggressionen. Er kann nichts sagen und schreibt als junger Mann 1802 ein Testament, in dem er eine Gesellschaft beklagt, die ihn für feindselig, krank und störrisch hält." In diesem Testament schreibt er: "Ich endete mein Leben, wär' da nicht die Kunst. So lange du, Gott, mir die Musik gibst, muss ich leben. (…) Herr, gib mir die Kraft, mich zu besiegen."

Die Phasen der Krisenbewältigung

Die Psychologin Erika Schuchardt hat für den Verlauf von seelischen Krisen ein differenziertes Phasenmodell entwickelt. Bei allen betroffenen Menschen steht am Anfang einer Krise die Frage: "Was ist eigentlich los?" Beethoven hätte seine große Verunsicherung in Briefen an die beiden Brüder und Freunde erwähnt, sagt Erika Schuchardt. In der zweiten Spiralphase stehe dann die Gewissheit, seine Schwerhörigkeit als Krankheit könne gar nicht sein. Das sei so schmerzlich, dass Beethoven seine Taubheit vor sich und anderen verschweigt, so Schuchardt.

"Dann kommt das emotional ungesteuerte Durchgangsstadium. Beethoven hat lange Jahre seine Emotionen zurückgehalten. Die dritte Spiralphase – "Warum gerade ich?" – bricht aggressiv aus ihm heraus. Er richtet sich gegen die Freunde und erteilt ihnen lebenslanges Zuhörverbot beim Üben, weil er ihnen misstraut. Gleichzeitig verhandelt er sein Schicksal: Er versucht seine Leiden durch die Hilfe von Ärzten und Wallfahrten abzuschaffen." Am Ende dieses Stadiums hätte er sich in der fünften Phase der Depression dann gefragt: "Wozu? Alles ist sinnlos!"

Grafik des achtfachen Lebensspiralwegs von Erika Schuchardt (Foto: Erika Schuchardt/ Georg Olms Verlag) 2013 Olms, Kartoniert

Erika Schuchardts Komplementär-Modell Krisen-Management



In der sechsten Phase kommt Beethoven in Schuchardts "Zielstadium der Annahme" und erkennt seinen Weg. Er sagt: "Sind nicht Kreuze im Leben wie Kreuze in der Musik, dass sie erhöhen?" Er tröstet Mitbetroffene und erreicht die siebte Spiralphase: Beethoven beginnt zu handeln. In der 9. Sinfonie vertont er Schillers "Ode an die Freude". Er bricht mit den damals geltenden Gesetzen der Musik und setzt Stimme und Chor in der Sinfonie ein. Dann versöhnt er sich schließlich in der achten Phase der Solidarität mit der Gesellschaft und mit Gott: "Seid umschlungen Millionen zum versöhnenden Kuss."

Der schöpferische Sprung

Der Pianist Constantin Barzantny belegt Erika Schuchardts achtfaches Lebensspiralmodell mit Beethovens Hammerklaviersonate. Er bezeichnet sie als "längstes Selbstgespräch der Klavierliteratur". Dazu die Forscherin: "In den letzten zwölf Takten geht Beethoven durch alle acht Phasen. Am imposantesten war dabei für mich, dass die letzte Phase der Solidarität zu einem schöpferischen Sprung aus der Krise wird. Für alle Menschen gilt: Du musst es nur wagen, du wirst es schaffen und du wirst – wie Beethoven es im Gebet sagt – die Kraft gewinnen, dich selbst zu besiegen."

Video ansehen 00:51

Constantin Barzantny spielt die letzten 12 Takte der Hammerklaviersonate



Der Glaube als Helfer

Erika Schuchardt erwähnt den deutschen Theatermacher Christoph Schlingensief und den Apple-Mitbegründer Steve Jobs. Beide inzwischen Verstorbenen seien ebenfalls den achtfachen Lebensspiralweg gegangen. Der Atheist Schlingensief schrieb am Ende der achten Phase der Solidarität: "Gott, guter Kumpel, Leidensbeauftragter, mach' deine Sache gut. Ich komme wieder in die Krankenhauskapelle und rede mit dir." Und Steve Jobs – der Schweigende, Stille, Verschwiegene – soll am Ende seines Lebens gesagt haben: "Ich bin sicher, da muss etwas sein. Gott wird die Spuren sichern. Vielleicht habe ich es deswegen immer so schwer gehabt, den Off-Knopf in die Geräte einzubauen."

Hilfe oder Prophylaxe?

Erika Schuchardt Im Deutsche Welle Studio in Bonn (Foto DW/Per Henriksen)

Erika Schuchardt in ihrem Element

2008 stellte Erika Schuchardt ihren damals neuen methodischen Ansatz in der Beethoven-Rezeption vor. Jetzt erscheint ihr Buch "Diesen Kuss der ganzen Welt: Beethovens schöpferischer Sprung aus der Krise“ in der dritten Auflage. Auf die Frage, an wen sich das Werk richtet, antwortet die Autorin der DW: "Ich glaube, jeder kann sich in ihm wiederfinden. Die ersehnte menschliche Nähe wurde Beethoven zu seiner Zeit von der damaligen Gesellschaft verweigert. Aus dieser Einsamkeit hat er eine unendliche Sensibilität in der Sprache und im Leben entwickelt. Beethoven war der Anwalt der Entrechteten. Aber er hat sein Leben als Dienst gegenüber Gott und betroffenen Menschen verstanden und ist somit für uns 'der' Krisenmanager aller Zeiten."

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