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Beethovenfest

Beethovens Musik - eine Augenweide!

Brisantes aus der Forschung: Bei Konzerten steht die Optik im Zentrum der Wahrnehmung. Hören die Augen mehr mit als gedacht - selbst bei einem Klavierwettbewerb?

Was bei einer Musikdarbietung zu einem Urteil führt, scheint jedem zunächst klar zu sein - natürlich die Musik! Während die Künstler streichen, blasen, schlagen oder singen, spitzt das Publikum die Ohren. Alles Optische ist in diesem Moment zweitrangig.

Eine britische Studie aus dem Jahr 2013

behauptet nun das Gegenteil: Wem Musik vorgetragen wird, der achtet vor allem auf visuelle Reize. Zu dieser überraschenden Erkenntnis kam Chia-Jung Tsay vom Londoner University College durch folgendes Experiment: Die Forscher zeigten insgesamt 1164 Versuchsteilnehmern kurze Aufzeichnungen von den Finalisten eines Klavierwettbewerbs. Dabei konnten sie die Darbietungen entweder nur hören, nur sehen oder hören und sehen. Anschließend war es ihre Aufgabe, den Gewinner des Wettbewerbs zu bestimmen. Das verblüffende Ergebnis: Mittels eines stummen Videos hatten die Probanden eine doppelt so hohe Trefferquote (52,5%) wie mit Hilfe von reinen Tonaufnahmen (25,5%). Auch, wenn sie Videos mit Ton sahen, tippten Sie mit 28,8% immer noch schlechter als zufällig (33,3%). Doch damit nicht genug: Bei Musik-Neulingen und Profimusikern gab es keine nennenswerten Unterschiede.

Telekom Beethoven Competition Bonn 2015 - Dorothy Khadem-Missagh

Fern und doch hautnah: Bei Live-Übertragungen kann der Zuschauer den Künstler per Bildschirm noch besser sehen als die Juroren im Saal

Die Aussagekraft der Körpersprache

Aus den Resultaten des Versuchs ergeben sich zunächst viele weitere Fragen. Bewertet also auch die Jury bei einem solchen Wettbewerb das Visuelle viel stärker? Wenn ja, ist das etwas Schlechtes? Und woraus besteht das Visuelle eigentlich? Geht es etwa um das Aussehen der Interpreten oder eher um ihre Bewegungen, ihre Gestik und ihren Ausdruck? Ist musikalisches Können sichtbar? Oder lenkt das Äußere vom Wesentlichen ab?

"Eine Bühne ist eine Bühne - wenn man eine CD hören möchte, kann man auch eine CD hören", gibt Dorothy Khadem-Missagh zu bedenken, Teilnehmerin der diesjährigen International Telekom Beethoven Competition Bonn (ITBCB), der am Samstag (12.12.2015) endet. "Insofern sind wir Musiker ja auch Bühnenpersönlichkeiten, aber natürlich nur bis zu einem gewissen Grad. Ich versuche, mein Auftreten der Musik und dem Wunsch des Komponisten anzupassen."

ITBCB-Juryvorsitzender Pavel Gililov räumt ein, dass die Körpersprache der Teilnehmer durchaus zur Bewertung beiträgt: "Musik entsteht durch Impulse. Und wenn der Impuls nicht stimmt, dann klingt es auch nicht richtig."

Telekom Beethoven Competition Bonn 2015 - Juryfoto. Copyright: International Telekom Beethoven

Die Jury schaut zu

Die volle Aussage der Londoner Studie bestreitet der Professor für Klaviermusik hingegen: "In erster Linie beurteilen wir natürlich mit den Ohren. Ich würde sagen, dass die Augen eine drittrangige Bedeutung haben. Natürlich ist ein Auftritt ein visueller Akt. Daher ist es günstig, wenn man sich elegant verhält, wenn man dem Publikum zeigt, dass man seine Anerkennung schätzt. Ich finde es nicht richtig, wenn ein Künstler nach dem Spiel einfach wegrennt, ohne sich beim Publikum zu bedanken und zu verabschieden."

Seiner Einschätzung nach haben die Gesten der Teilnehmer also eine Bedeutung - und das sei legitim. "Ich möchte hoffen, dass ihre Kleidung keine wesentliche Rolle spielt", fügt Gililov scherzhaft hinzu. Aber kann er sicher sein, dass dem nicht so ist?

Die Optik ins Bewusstsein dringen lassen

Um einen unerwünschten visuellen Einfluss von vornherein auszuschließen, wird bei Aufnahmeprüfungen an Hochschulen oft hinter einem Vorhang gespielt. Bei der ITBCB ist das nicht der Fall. Ab der ersten Runde sind die Vorspiele öffentlich, wovon sowohl das Bonner Publikum als auch die Teilnehmer profitieren. "Es freut mich sehr, dass so viele Zuschauer kommen", sagt Dorothy Khadem-Missagh. "Bei einem Wettbewerb mit Konzertcharakter hat die Sichtbarkeit der Teilnehmer absolut seine Berechtigung."

Zuhörerin Silvia Gerl, die selbst Mutter einer Pianistin ist, sieht das ähnlich: "Natürlich lässt sich das Publikum eher mitreißen, wenn zwischen dem Äußeren und der Musik eine Einheit besteht." Ein Urteil sollte ihrer Meinung nach jedoch frei von optischen Einflüssen sein.

Telekom Beethoven Competition Bonn 2015 - Filippo Gorini

Auch eine ganz konservative Körpersprache wirkt: Filippo Gorini

Das Problem: Die menschlichen Sinne sind untrennbar miteinander vernetzt. Bei einem Konzert ist es zwar möglich, die Augen zu schließen, doch die visuelle Wahrnehmung wirkt sich auf die Gesamtbewertung aus - immer und unmittelbar.

Das Auge hört also mit, aber vielleicht ist es möglich, sich seiner Macht bewusst zu widersetzen. "Der junge Filippo Gorini hat sich beim Spielen kaum bewegt, trotzdem ist er mein Favorit!", verrät Gerl.

In diesem Sinne: Möge der Bessere gewinnen, nicht der Schönere.

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