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Beethovenfest

Beethoven in Peking

"Wir lieben unseren Beethoven"

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Quin Wenchen, der im Auftag der DW ein neues Werk komponiert, im Gespräch mit Gero Schließ.

Cizhao Wang hält einen Moment inne, legt die Stäbchen aus der Hand und blickt über den reich gedeckten Tisch in die von Flugmüdigkeit gezeichneten Gesichter seiner Bonner Gäste: "Wir lieben unseren Beethoven" sagt der Direktor des Zentralen Pekinger Musikkonservatoriums mit leiser Stimme und das klingt nicht wie eine der üblichen Freundlichkeiten.

Die kleine Delegation von Deutscher Welle und Beethovenfest - mit dabei Intendantin Ilona Schmiel - , die sich in Peking zur Vorbereitung des gemeinsam gestalteten Orchestercampus beim diesjährigen Beethovenfest aufhält, wird diese Erfahrung in den kommenden vier Tagen immer wieder machen. Überall, wo sie hinkommt, ist er schon vorher gewesen: Ludwig van Beethoven. Im Reich der Mitte wird er wie kein zweiter Komponist geschätzt und verehrt und war selbst den Propagandisten der Kulturrevolution heilig.

Beethoven ist allgegenwärtig und öffnet Türen: nicht nur die des Zentralen Musikkonservatoriums oder des renommierten Beijing Music Festivals, das gerne mit dem Beethovenfest kooperieren würde. Auch Beijing Radio, unangefochtener Marktführer in der Hauptstadt und ein langjähriger Partnersender der Deutschen Welle, zeigt Interesse an einer Übernahme von Mitschnitten des Beethovenfestes.

Der mächtige Präsident der weitverzweigten staatlichen Kunst- und Konzertagentur, Zhang Yu, lädt die Gäste aus Bonn sogar zum Mittagsmahl ein und schenkt dem Festival und seinem Kooperations- und Medienpartner Deutsche Welle hohe Aufmerksamkeit. Dem größten chinesischen Fernsehsender CCTV ist das Thema Beethoven ein längeres Interview mit der agilen Festivalintendantin und dem Autor dieser Zeilen wert. Und nicht zuletzt das örtliche Goethe-Institut macht sich Gedanken um gemeinsame Nachfolge-Projekte. Da überrascht es nicht, dass auch die Pressekonferenz im Konservatorium und die von der deutschen Botschaft begleitete Präsentation des Projektes vor chinesischen Repräsentanten aus Kultur, Medien und Tourismus auf starke Resonanz stoßen.

Aufhorchen läßt eine Bemerkung des Komponisten Quin Wenchen, der für das Bonner Konzert des Pekinger Konservatoriumsorchesters im Auftrag der Deutschen Welle ein neues Werk komponiert. China, so bemerkt er mit leichter Resignation, habe bisher keinen Komponisten wie Beethoven hervorgebracht, der die Gedanken und Sehnsüchte der Menschen so umfassend ausdrücke.

Überhaupt sucht der junge Professor wie viele seiner Kollegen seine Vorbilder nicht unter chinesischen Komponisten, sondern nennt Namen wie Stockhausen oder Ligeti. Als Stipendiat des DAAD studierte Quin mehr als zwei Jahre an der Essener Folkwang Hochschule bei Nikolaus A. Huber. Auch wenn er weltweit mit Kompositionsaufträgen und Konzerten präsent sein will, möchte er anders als Tan Dun weiter in seiner Heimatstadt Peking leben.

Die erlebt man an diesen ungewöhnlich heißen Frühjahrstagen als laut und dynamisch. Kaum noch bewältigen die Straßen der 13-Millionen-Metropole die ständig anwachsenden Massen an Autos. Die Entscheidung, nach herausragenden Nachwuchsorchestern aus der Ukraine, der Türkei und Georgien diesmal auf Initiative der Deutschen Welle ein chinesisches Orchester zum Orchestercampus beim Beethovenfest einzuladen, kommt zur richtigen Zeit.

China befindet sich nicht nur wirtschaftlich im Umbruch. Auch das Kultur- und Musikleben verändert sich in atemberaubender Geschwindigkeit. Einerseits setzt die Regierung verstärkt auf private Initiative und damit auf mitunter schmerzhafte Kürzungen der staatlichen Kulturbudgets, andererseits wächst - einem unwirklichen Ufo gleich – im Zentrum der wuseligen Stadt die halbmondartige Glanzshilouette des National Grand Theater heran. Eine Kulturinvestition von ungekannten Aumaßen, die einen Konzertsaal für mehr als zweitausend Menschen, großzügige Opern- und Schauspielhäuser sowie ein Mehrzweckraum unter einem weitgezogenen Rund aus Glas und Edelmetall vereinen soll. Alles mit modernster Kommunikations- und Bühnentechnik teilweise aus deutschen Landen ausgestattet.

Bild Peking Orchester mit Besuch

Peking Orchester mit Besuch

Stars und Spitzenorchester aus der ganzen Welt werden sich hier ab nächstes Jahr die Türklinke in die Hand geben. Aus Deutschland haben sich schon die Berliner Philharmoniker angesagt. Wie unscheinbar und verstaubt kommt einem da die heimische Beethovenhalle vor. Doch hier wie da vereint Musikmanager und nicht zuletzt auch die Radiomacher eine Sorge: Wie erreicht man mit anspruchsvoller Kultur, insbesondere mit klassischer Musik ein jüngeres Publikum? Ilona Schmiels Experimente mit neuen Konzertformen wie der Nacht der Klavier oder der Schnitzeljagd für Kinder könnten hier bald Nachahmung finden. Die Rundfunkunternehmen, die sich hierzulande durch Werbeeinnahmen finanzieren, haben dagegen mit leichter Programm-Kost schon früher gegengesteuert als ihre öffentlich-rechtlichen Kollegen aus Deutschland.

Das Zentrale Musikkonservatorium geht den langfristig lohnenderen Weg und hat in diesem Jahr mit "Beijing Modern" erstmals ein Festival für zeitgenössische Musik veranstaltet. Als renommierte Talentschmiede ist das Konservatorium für Beethovenfest und Deutsche Welle ein hochrangiger Projektpartner. Mehr als 280 Dozenten unterrichten hier. Von Instrumentalunterricht über Musikgeschichte bis zur Musiktherapie reicht der Radius.

Das Orchester hat bereits die ersten Proben für das Bonner Konzert hinter sich, die letzte absolviert unter der Beobachtung eines Fernsehteams von DW-TV. Den Zwischenstand seiner Arbeit dokumentiert es bei einem Konzert in der Konzerthalle der Verbotenen Stadt. Der im Areal dieses Touristenmagnets eher ruhig und abseits gelegene Bau ist der akustisch beste, den Peking zur Zeit aufzubieten hat. Es sind ungefähr achtzig junge in schwarze Konzertkleidung gehüllte Instrumentalisten, die unter der Leitung von Yong-yan Hu mit ernster Miene Werke von Brahms, Beethoven und Liszt spielen. Sogar zwei Minster sitzen im Publikum. Der Beifall im Auditorium ist freundlich, aber nur zum Schluß hin überschwänglich. Bis zum September werden Musiker und Dirigent die Zeit noch intensiv für Proben und öffentliche Vorkonzerte nutzen. Aber auch auf die deutsche Seite wartet noch harte Arbeit, bis am 23. September dann der erste Ton in der Beethovenhalle erklingt.

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