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Welt

Bedroht, getötet: Journalisten am Nil in Gefahr

Ob Kairo, Alexandria oder Fajum: In Ägypten gerät der Kampf zwischen Sicherheitskräften und Anhängern der Islamisten zunehmend außer Kontrolle. Die Gefahr für Unbeteiligte wächst - und für unabhängige Journalisten.

Mursi-Anhänger auf dem Ramses-Platz in Kairo. (Foto: reuters)

Blutiges Ende: Mehr als 600 Menschen wurden bei der Räumung am Mittwoch getötet

Schmerzverzerrte Gesichter, geballte Fäuste, blutdurchtränkte Verbände - ganz nah scheint der immer heftiger werdende Konflikt in Ägypten, auch im tausende Kilometer entfernten Deutschland. Die intensiven Aufnahmen mitten aus dem Geschehen sind zum journalistischen Standard auf den Nachrichtenportalen der Welt geworden. Doch das hat seinen Preis: Denn im Wettbewerb um das beste Bild bringen sich Foto-Reporter und Kameraleute häufig in Lebensgefahr. Die Lage für Journalisten in Ägypten wird immer kritischer.

Das Bild zeigt Christoph Dreyer Pressereferent / Media Relations bei Reporter ohne Grenzen e. V.. (Foto:„Reporter ohne Grenzen/faceland berlin“ ) Zulieferer: Stephanie Höppner

"Fälle juristisch aufarbeiten": Christoph Dreyer von "Reporter ohne Grenzen"

Die Organisation "Reporter ohne Grenzen" (ROG) beklagt seit der blutigen Räumung des Protestcamps am Mittwoch vier Tote. Zwei von ihnen sind der britische Kameramann Mick Deane vom Sender Sky News und die Journalistin Habiba Ahmed Abd Al-Aziz, die für die in den Vereinigten Arabischen Emiraten erscheinende Zeitung Xpress berichtete. Deane soll an dem Tag von einem einzigen gezielten Schuss eines Scharfschützen getroffen worden sein, als er über die Zusammenstöße zwischen Sicherheitskräften und Mursi-Anhängern auf dem Platz vor der Rabaa-Al-Adawiya-Moschee in Kairo berichtete. Die Journalistin Habiba Ahmed Abd Al-Aziz wurde im Umfeld des Platzes ebenfalls von einem Scharfschützen erschossen. Wer sich hinter den Schützen verberge, sei unklar, sagte Christoph Dreyer von "Reporter ohne Grenzen." Die Organisation fordert, dass die Fälle juristisch von den ägyptischen Behörden verfolgt werden.

Doch auch Print-, Hörfunk- oder Fernseh-Journalisten werden derzeit in Ägypten bedroht oder an ihrer Arbeit behindert. So soll beispielsweise Iman Hilal, ein Fotograf der ägyptischen Zeitung Al-Masry Al-Youm von Mursi-Anhängern mit einem Messer bedroht und gezwungen worden sein, die Speicherkarte seiner Kamera herauszugeben. Mehrere Journalisten, darunter zwei aus Frankreich, sollen geschlagen worden sein. In der Rangliste von "Reporter ohne Grenzen", die die Pressefreiheit in einem Land bewertet, wurde Ägypten nun auf die hintersten Ränge verbannt. Das Land belegte den 158. Platz von 179 Ländern.

Kein Zutritt zum Camp

Ein verletzter Demonstrant vom Mursi-Lager. ganz nah. vor einem A protester supporting ousted Egyptian President Mohamed Mursi carries an injured demonstrator (R) during clashes outside Azbkya police station at Ramses Square in Cairo, August 16, 2013. About 50 people were killed in protests in Cairo on Friday, security officials said. Thousands of supporters of deposed President Mohamed Mursi have been staging nationwide protests against a security crackdown on Islamists. REUTERS/Amr Abdallah Dalsh (EGYPT - Tags: POLITICS CIVIL UNREST TPX IMAGES OF THE DAY)

Ein verletzter Demonstrant vor lodernden Flammen: Solche Bilder können auch Reporter in Gefahr bringen

Auch das Team von Volker Schwenck, Leiter des ARD-Auslandsstudios in Kairo, geriet in Bedrängnis, als es einen christlichen Ladenbesitzer interviewen wollte. "Wir haben ihn vor seinem ausgebrannten Geschäft gefilmt, begannen gerade mit dem Interview, da robbte sich ein Mob zusammen, der mit dem Interview nicht einverstanden war", erzählt der Journalist im Gespräch mit der Deutschen Welle. Die Kollegen wurden bedroht, die Kamera abgenommen und die Speicherkarte zerstört. Auch das Auto wurde verlangt. Das Team konnte sich unverletzt ins Büro flüchten.

"Es ist derzeit nicht einfach zu drehen", berichtet Journalist Schwenck. "Überall dort, wo man auf nicht organisierte Menschen trifft, gibt es ein gewisses Risiko, dass die Stimmung plötzlich umkippen kann - dass sich irgendjemand irgendwie gestört fühlt. Und dann gibt es Kriminelle, die das Sicherheitsvakuum schlichtweg ausnutzen." Am ungefährlichsten sei es bislang bei den Muslimbrüdern gewesen, die sich professionell um die Journalisten gekümmert hätten und beispielsweise auch Interviewpartner organisierten. "Das sind Leute, die auf Linie gebracht sind, das ist spürbar, aber man kann dort arbeiten", sagt Schwenck.

In anderen Fällen, wie etwa bei dem Kairo-Korrespondenten der Deutschen Welle, Matthias Sailer, wurde die Berichterstattung von vornherein massiv behindert. Als er zum Protest-Camp wollte, wurde er durchsucht und nicht mehr hingelassen. "In den Staatszeitungen schreiben sie, die Journalisten hatten vollen Zugang während der Räumung des Camps, tatsächlich war aber genau das Gegenteil der Fall", moniert er.

Für immer im Kopf

Verhüllte Leichen in einer Moschee. (Foto: reuters)

Verhüllte Leichen in einer Moschee: Viele Journalisten werden diesen Anblick nie vergessen

Neben der tatsächlichen Bedrohung sind die Journalisten aber auch einer enormen psychischen Belastung ausgesetzt. DW-Reporter Sailer erzählt von Kollegen, die beispielsweise die Leichenkeller in den Moscheen besucht haben. "Die haben auch ganz klar gesagt: Das sind Bilder, die kriegen wir nie wieder aus dem Kopf raus."

ARD-Journalist Schwenck hat sich seine eigene Strategie zugelegt, um mit den Schrecken fertig zu werden. In der täglichen Arbeit lege man sich einen "Panzer" an, sagt er. Auch die technische Ausrüstung sorgt für Distanz bei dem Team. "Es ist ein bisschen wie Operationen filmen, sagen mir Kamera-Leute immer: Ich gucke durch meinen Sucher und der ist meistens schwarz-weiß. Und dann ist das alles nicht so schlimm."

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